Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. Februar 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 21.II.08.
abends.
Liebes Fräulein Hadlich!
Ich warte die freudige Veranlassung, die ich in den nächsten Tagen zum Schreiben habe, nicht ab, teils weil es mich drängt, endlich etwas von mir hören zu lassen, teils weil die Querpfeife, die ich seit einiger Zeit blase, nicht zur Festmusik paßt.
Als ich Ihnen aus Lehnitz schrieb, hatte ich meine Kündigung an Knauer abgesandt und stürmte halb trotzig, halb wehmütig wie "der Wanderer" am Lehnitzsee einsam dahin, der mir gewisse freundliche Schulerinnerungen weckte. Am Sonntag darauf hatte ich eine tiefgehende und freundschaftliche Aussprache mit ihm, deren Resultat mein Bleiben war.
Innerlich habe ich die alte Sicherheit noch nicht wieder. Es ist etwas zwischen mir und der Klasse. Das fühle ich. Vielleicht ist es Frl. Beckmann, vielleicht mein in letzter Zeit besonders scharfer Kritizismus, vielleicht die Dichtung, vielleicht meine Hypersensibilität; kurz trotz manchen Sonnen
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|blickes ist diese Sache nicht in Ordnung. Ich kämpfe wie ein Löwe gegen die tränenseligen Einflüsse jener Dame; offenbar aber entzieht mir das das Vertrauen. Dies Schicksal hätte weiter nichts Wunderbares. "Du gleichst dem Geist, den du begreifst." Aber Sie kennen die Gefühle, mit denen man auch um ein Nebenunternehmen besorgt ist, wenn man ein großes Kapital darin angelegt hat. Und wie groß es war, fühle ich in jedem Nerv. Wie kommt es, daß das Vertrauen der Frida Pütter mir verloren gegangen zu sein scheint? Anbei die Dokumente.¹) [Fuß] ¹) den Brief an K. erbitte ich zurück Genug davon.
Die Steglitzer Vorträge sind mein Unglück. Die Arbeit ist ungeheuer, das Publikum wird immer kleiner. Dabei sind die Vorträge auf der Höhe, und die Stimme der Zuhörer, wie ich durch Ernst Loewenthal weiß, lobt sie. Eben habe ich den Vorschlag abgesandt, daß wir mit dem nächsten (8.) schließen wollen.
Meine Druckangelegenheiten verfolgt das Unglück. Nichts erscheint, und jede Unternehmung - vor allem mein Habilitationsplan - ist dadurch vereitelt.
Zu meiner Hauptarbeit komme ich nicht.
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Meine Freunde sehe ich nicht, teils sind sie krank, teils habe ich keine Zeit, teils sind sie indifferent. Paulsen ist schwer krank. Hahn schweigsam. Die Natur ist mir verschlossen, der Himmel finster. Alles stagniert.
Und damit lassen Sie mich den Bericht über mich schließen. Vieles könnte ich schreiben, manche kleine Scene berichten, die naiverer Art wäre; aber meine Feder ist müde. Ich habe so viele herbe Enttäuschungen erlebt, daß ich im Alltag untergehe.
Ja, meine liebe Freundin, wie anders war das im Schwarzwald, welche großen, erhabenen Stunden habe ich dort und sonst mit Ihnen erlebt! Das alles lebt wohl noch in meinen Tiefen, aber es schläft und muß schlafen. Rechnen Sie nach, ob über einer meiner Unternehmungen ein guter Stern gewaltet hat - Rousseau, Jahresberichte, Renner, Dilthey, Paulsen, [über der Zeile] Noth, die Schule - eine Kette von seelischen Nieten; was nützt mir die "wissenschaftliche Schätzung"? Bin ich ein Syllogismus? Selbst mein Klavier hat mir die Zeit geraubt; es ist unbrauchbar geworden. Seit ¼ Jahr schweigt es ganz.
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Auch Sie klagen. Und doch besitzen Sie ein Großes: Sie können Ihres Daseins stille Kreise genießen in ruhiger, menschlicher Betrachtung. Meine Philosophie ist erstickt vom Leben. Meine Macht über die Menschen ist gering geworden - über alte wie junge. Sie haben doch noch Macht über einen Menschen - wäre es auch nur ein psychisch kranker Philosoph. Unsre gemeinsamen Erinnerungen bleiben die Sonne meines Lebens. Denn Sie allein haben Treue, Tiefe und Stetigkeit. Es dient zur Vollendung meines Schicksals, daß ich an Frühlingstage in Heidelberg nicht denken darf. Die Mißerfolge dieses Winters schließen eine solche Unternehmung aus. Können Sie nicht [über der Zeile] ev. in Cassel eine Form des Zusammenseins arrangieren, die für einen nervenkranken, gesellschaftsfeindlichen Menschen paßt? Dann hätten Sie doch ein festes Heim, und nach Jena muß ich geschäftlich . Vielleicht erwägen Sie diesen Plan. Versprechen kann ich nichts.
Genug von dieser Jeremiade; meine Eltern grüßen Sie herzlich. Ich bleibe in treuster Freundschaft
stets Ihr
Eduard Spranger.
Herzliche Grüße an Frl. Knaps.