Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 23.II.08.
Liebe Freundin!
Zu dem Tage, von dem an ich den Frühling zähle, sende ich Ihnen aus innigstem Herzen alle guten Wünsche. Möge Ihnen das Dasein im neuen Lebensjahr immer so schön erscheinen, wie Ihr künstlerischer Blick die Wirklichkeit aufzufassen vermag:
Das Leben ist so sonnenhell,
Wenn nur Dein Blick es kräftig froh umschließt:
Im Innern springt der Wunderquell,
Der Trost und Hoffnung in die Seele gießt.
Natur und Welt erstrahlen uns aufs neue,
Bewahren wir der Innenkraft die Treue:
Nicht was sie sind, gestattet unser Leben;
Denn sie sind nichts, als was wir ihnen geben!
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Man muß da natürlich etwas tief graben; denn die Oberfläche hat in der Regel recht verwittertes Gestein. Weder unsre Gesundheit, noch unsre Zöglinge, noch das meiste andre sind das, was sie sein könnten oder sollten. Ich bin jetzt ein schlechter Spatenführer; deshalb soll Ihnen ein Heidelberger graben helfen; zu denen habe ich nämlich ein besonderes Vertrauen. Möge Sie Ruskas Buch, das gleichzeitig als Drucksache folgt, an manche andre, mehr psychologische, als geologische Streifzüge in der Umgegend Heidelbergs erinnern! Ich sende dies kleine Erinnerungszeichen nicht ohne das deutliche Gefühl ab, wie viel schöner und sinniger Sie Feste zu feiern verstehen. Ich bedauere es, daß mir keinerlei Geschicklichkeit ward, um Ihnen etwas Eignes, und daher Persönlicheres zu senden. Selbst die literarischen
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| Arbeiten, deren keine ich ohne Ihre geistige Mitwirkung vollende, haben diesmal ohne meine Schuld den Anschluß verfehlt. Dafür wird vom März an gleich eine ganze Reihe aufeinander folgen.
Gestern war ich in Pankow. Gerade für den stillen Denker hat das Wandeln in einem Park besondere Reize! Wie gern würde ich einmal mit Ihnen in Schwetzingen philosophierend lustwandeln! Denn, nicht wahr, es muß doch einmal eine Zeit kommen, wo man vom Äußeren in das Innere zurückkehrt und alles das einmal innerlich verarbeitet, was einen jetzt von Stunde zu Stunde durchrüttelt?
In Steglitz ist man natürlich auf meine Absage nicht eingegangen. Der Frohndienst dauert also fort.
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| Schrieb ich schon von den letzten Schulaufsätzen (Frauenfrage)? Sie waren z.T. recht interessant und brav; aber wenig fortschrittlicher Geist. Wie sollte es auch unter dem Einfluß der Tränenschwester gedeihen!
Haben Sie von Hermann gehört? Wann reist er nach Cassel zurück? Wenn wir uns treffen sollen, so muß ich es sehr früh wissen; denn die Tage der Woche sind in der Regel schon zu Beginn alle besetzt. - Der kleine Scholz ist schon lange recht krank. Ich bin der Familie, besonders dem Vater, allmählich immer näher getreten.
Frl. Knaps erfreute mich heut durch einen gütigen, freundschaftlichen Brief. Das versetzt mich im Geist in die Stube des Geburtstagskindes: ich sehe, wie der Fingerhut nickt, um die Frühlingsblumen zu begrüßen, und sehne mich nach dem großen Humpen, der so diskret ist und aus dem ich eine kräftige "Gesundheit" trinken würde. Nun bleibt's wohl beim Kaffee. Aber gedenken Sie meiner, wie ich nach Heidelberg denke - und auch bald wieder schreiben werde.
<li. Rand>
Nochmals herzliche Wünsche für Gesundheit u. Frohsinn stets in dankbarer Treue: Ihr Eduard S.

[re. Rand] Herzliche Grüße an Frl. Knaps und Dank!