Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Februar 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 29.II.08.
Liebe Freundin!
Herzlichen Dank für Ihr liebes, ausführliches Schreiben und die wohlgemeinte Absicht, mir gut zuzureden. Zur eigentlichen Beantwortung ist heut keine günstige Stunde; ich würde also eine Nachricht überhaupt noch aufschieben, wenn ich Ihnen nicht die bedauerliche Mitteilung machen müßte, daß ein unerwarteter Zwischenfall unsre Osterpläne nun ganz zerstört.
Sie haben sich in dieser Frage so echt freundschaftlich bewiesen, daß ich kaum empfand, wie undankbar der Gedanke ist, daß ich diesen "Vertrag" schließen könnte. Von "Opfer" wäre da nicht die Rede. Falls ich glauben könnte, Ihnen
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| jetzt durch meine Anwesenheit etwas zu sein, käme ich natürlich unter jeder Bedingung. Ich bin aber jetzt weder geistig noch körperlich ein herbeizuwünschender Gesellschafter, und Sie selbst brauchen mich nicht im Sinne eines dringenden Falles.
Daß ich aber momentan selbst das Casseler Projekt nicht aufrecht erhalten könnte, entnehmen Sie aus beiliegendem Brief. Er erzählt zunächst die bedauerliche Enttäuschung eines Freundes, die ich mitempfinde. Daß auch mir dadurch etwas zerstört wird, lasse ich ihn selbstverständlich nicht merken. Ich bin bereits mit Hunderten an diesem Unternehmen interessiert. Da ich nicht gern vom Finanziellen rede, so bemerke ich also kurz, daß mir dieser Ausfall das Osterprojekt unausführbar
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| macht. Denn - wie ich kurz hinzufüge - das ist der 2. Fall dieser Art, der mich in letzter Zeit betrifft.
Glauben Sie nur nicht, liebe Freundin, daß in meinem Innersten oder in meinen Gefühlen für Sie dadurch etwas Wesentliches verändert wäre. Es sind eben Regen- und Wintertage, die muß man hinnehmen. Es war in letzter Zeit etwas viel - auch in der Schule hatte ich einen neuen kollegialen Zusammenstoß und Steglitz sowie die Stockungen des Drucks lasten weiter, - aber es wird ja auch wieder anders werden. Sie haben keinen Anlaß, mich zu bedauern; denn wir alle haben mit dem Glück keinen Kontrakt. Natürlich fehlt Stimmung u. Arbeitsfreude. Aber das wird wiederkommen.
Der Rousseau wird in einigen Monaten möglicherweise fertig übersetzt sein;
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| Ich ekle mich davor; denn die Arbeit ist nach 3 Jahren natürlich veraltet; die Korrekturen etc. bringen neue Mühe, und mit der ganzen Sache fing die verfehlte Bahn an.
Wenn Sie mir schreiben, lassen Sie mich von Ihren Schülern und vom Heidelberger Leben etwas hören. Grüßen Sie Frl. Knaps und sagen Sie ihr, daß ich ihre Karte herzlich dankbar empfunden habe.
Voraussichtlich fahre ich von Jena aus 2-3 Tage nach Rudolstadt, falls die Verhandlungen über den Kontrakt in Jena gut verlaufen. Der Direktor ist noch sehr krank.
Ich wünsche Ihnen gute Gesundheit und schöne Frühlingstage. - Meiner Mutter geht es noch nicht besonders.
Herzliche Grüße
stets u. unverändert
Ihr Eduard Spranger.

[re. Rand,S.4] Herzliche Grüße auch v. m. Eltern.
[re. Rand,S.1] Den Brief von Hahn erbitte ich recht bald zurück.
[re. Rand,S.3] Über die schöne, erinnerungsreiche Karte habe ich mich sehr gefreut.