Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12./15. März 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, Kantstr. 140.
Den 12. März 1908.
Liebe Freundin!
Ich kann nicht verschweigen, daß meine Feder heute wiederum ein klein wenig unsicher ist. Sie hat das Mißgeschick, so oft anzustoßen, ohne daß ich ein leises Bewußtsein hätte, wo und wie? Aber vielleicht gehört das zu der allgemeinen Disharmonie, in die ich gegenwärtig durch eine unbekannte Macht mit allem gesetzt bin, und gegen die ich mich nur durch Anspannung aller optimistischen Kräfte wehre.
Daß das Verschweigen des Streitpunktes, nachdem er doch einmal angedeutet ist, ein Weg zur Klarheit wäre, kann ich nicht finden. Was den allgemeinen Inhalt jenes Briefes betrifft, so mag das schmerzliche Losreißen von einem schönen Plan ihm einen herberen Ton gegeben haben. Sprach denn nun dieser Ton für Sie oder gegen Sie? Gerade heraus gesagt, so vermissen Sie in meiner Entscheidung die geschwisterliche Gesinnung, auf
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| [über der Zeile] der im übrigen unsre Freundschaft beruht. Es ist schwer, sich darüber zu erklären. Geistiges zu empfangen, selbst seelische Opfer zu fordern, scheint mir leicht gegenüber diesem Äußeren, das der Großdenkende Mensch am liebsten aus seiner Existenz eliminierte. Nur mit Qual denke ich daran, daß ich schon im häuslichen Kreise so vieles glücklicher gestalten könnte, wenn ich auf den Egoismus, meine Ideen zu verwirklichen, verzichten könnte. Es gehört zur sittlichen Tat, auf diesem Gebiet selbständig zu sein, und da ich ethischer Realist bin, sehe ich hier den größten Mangel meiner Lebensgestaltung. Sie werden das bei allen männlichen Naturen stark ausgeprägt finden; nennen Sie es Vorurteil. Ich bin so besessen von diesem Vorurteil, daß ich von einer andren Handlungsweise verächtlich denken müßte. Ich bin so geübt im Verzichten, daß Sie vielleicht in diesem Falle die Überwindung, die es mir gekostet hat, nicht so deutlich empfunden haben, wie Sie erwarten konnten. Auch meinen Vater würde ich heut um Derartiges nicht bitten; die Geschenke meines Onkels sind mir unangenehm. Denn was man sich an reiner Liebe gibt, wird dadurch entstellt. Vergebens
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| suche ich mir darüber klar zu werden, wie ich an Hermanns oder Kurts Stelle handeln würde. Wie jemandem ist, der sein Leben lang eine Schwester besessen hat, suche ich mir vergebens auszumalen. Bezeichnen Sie mich also als wunderlich oder störrisch; Sie wissen ja, daß auch Brüder störrisch sein können. Und ich weiß ebenso, daß auch die Schwestern selbständig sein wollen. Helfen Sie mir, ich finde hier keine Worte, die die Sache treffen. Nur bleiben Sie für mich dieselbe! Vielleicht kommt der Tag, wo ich einmal weit größere Opfer von Ihnen fordere; nur lassen Sie mir die Genugtuung, daß es sich dann um Dringendes handelt. Heute dreht es sich doch nur um die Verschiebung einiger sonnigen Tage. Ich verspreche Ihnen, in gegebener Stunde offen von Ihnen zu fordern, was es auch sei, vielleicht in einer Stunde tiefster seelischer Not. Durch den heutigen Verzicht sichere ich mir nur das Anrecht auf die Zukunft. Dies war es, was ich schon neulich auszudrücken bemüht war. Ich würde aber heute nicht sagen: Kommen Sie im Mai auf 2-3 Tage nach Eisenach oder Friedrichrode. Denn dies fände ich einen Mißbrauch der Opferwilligkeit, weil ich weiß, daß ich im Sommer alles tun
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| werde, um ohne Mühe Ihrerseits mit Ihnen zusammenzutreffen. Nur deshalb bin ich seit Jahren nicht an die See gegangen, und werde es wohl auch diesmal unterlassen.

15.III.
Um auf etwas andres zu kommen, so hat sich nun die ganze Idee der Ferienreise zerschlagen. Denn Leitzmann ist während der Ferien am Gardasee, und der Frhr. v. Stein-Kochberg läßt nichts von sich hören. Ich werde also erst Anfang Mai nach Jena fahren, und wenn mir der Direktor nicht einen Tausch mit den Stunden gestattet, so handelt es sich um eine bloße Geschäftsreise ohne die anschließenden, ursprünglich geplanten 3 Ferientage.
Ich komme auf den Inhalt Ihrer Sendung. Vergebens suche ich zu entdecken, was an dem Churwaldener Bild verdorben sein soll; ich habe glücklichere Auffassungen von Ihnen gesehen, finde aber die Grundkonzeption sehr schön und höchst malerisch. Mit Freude erkenne ich den Blick wieder, der mir in diesem Tale der Finsternis der liebste war. Es spielte wohl mit, daß am Fuße des Calanda der
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| Weg in die Ebene führte. - Die beiden Skizzen folgen mit nächster Gelegenheit zurück. Das Schloß wirkt besonders anziehend; aber weder Hermann noch ich konnten entscheiden, ob wir Schwetzingen oder Bruchsal vor uns haben. Ziegelhausen wünschte ich etwas mehr Sonne; aber das ist wohl ein unkünstlerisches, "bloß seelisches" Bedürfnis. Für alles herzlichsten Dank! Churwalden behalte ich als wertes Erinnerungszeichen! Zu den Drucksachen bin ich leider noch immer nicht gekommen. Die religiösen Blätter folgen zurück, sobald ich sie gelesen. Für Ruska danke ich vielmals.
Als ich gestern Hermann das Dresdener Bild zeigte, erwachte in mir die Sehnsucht nach diesen wirklich sonnigen Tagen mit neuer Gewalt. Hier ist Eis und Schnee; die Broseschen Gärten sah ich gestern noch einmal in tiefem Winterschlummer. Und die Seele selbst will auch noch nicht erwachen. - Ich hatte mit Hermann eine bis auf den Grund gehende Auseinandersetzung. In dem gegenseitigen Bemühen, zu einem gemeinsamen Punkte der Verständigung vorzudringen, habe ich wenigstens sein Cen
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|trum entdeckt und verstanden. Was uns trennt - wir nannten es unsre Konfession - ist ein Grundmoment des Erlebens. H. fühlt sein Dasein untrennbar gesetzt in einem großen geistigen Zusammenhang, sein Leben ist ihm ein unmittelbares Einssein von Individualität und objektivem Geist, von Endlichem und Unendlichem. Trotz dieser prinzipiellen Identitätserklärung, glaube ich, geht er lieber vom Allgemeinen abwärts zur Einzelheit, als umgekehrt. Dies hängt mit seinem Mangel an positiven Kenntnissen und seiner Gleichgültigkeit gegen die praktische Lebenswirklichkeit eingestandenermaßen zusammen. Ich gehe aus von dem Grunderlebnis einer geschlossenen Individualität, deren Schmerz und Einsamkeit zu groß ist, als daß sie ein unmittelbares Einssein mit dem Allgemeinen Geistesleben behaupten könnte. Vielmehr treibt sie erst diese schmerzliche Sehnsucht aus ihren Grenzen heraus, strebt sie liebend und bildend nach Humanität, geht also aufwärts von der Einzelheit zum Absoluten, ja zum Transcendenten, insofern ihr das Absolute in ihrer jetzigen Lebensform ewig verschlossen bleibt. Hierin haben Sie das treueste Gemälde unsrer selbst. Wir
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| sind nie so nah an das Prinzipielle herangekommen. - Seine Greifswalder Pläne sind mir nicht plausibler geworden; ich habe ihm empfohlen, sich unter allen Umständen in das Greifswalder Seminar aufnehmen zu lassen, d. h. das gesetzmäßige Seminarjahr und Probejahr zu absolvieren.
Was mich betrifft, so hat eine gefaßte Ruhe allmählich über die Fülle kleiner Widerwärtigkeiten, die sich noch bis zur letzten Minute gehäuft haben, Macht gewonnen. Infolgedessen geht es mir auch gesundheitlich besser, so daß ich die wahnsinnige Arbeitslast zu schaffen hoffen darf. Es sind jetzt noch 2 Steglitzer Vorträge zu halten und 1 Aufsatz zu korrigieren. Daran freilich darf ich nicht denken, daß ich wieder mit meinem Buch nicht vorwärtsgekommen bin; man kann doch nicht mehr, als unablässig tätig sein; und das bin ich wirklich. Die Vorträge werden wohl später bei Teubner erscheinen. Von der Fülle des übrigen, das noch im Druck ist, ist immer noch nichts heraus. Hier spielt ein geradezu dämonisches Schicksal. Nur der Aufsatz über "Modernes Weltbürgertum" ist erschienen. Er hat, soviel ich höre, viel Anklang
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| gefunden. Paulsen schrieb mir noch am Tage vor s. Reise nach Italien eigens zu diesem Zweck, und Meinecke, der Ihr Exemplar weggeschnappt hat, freut sich der Übereinstimmung mit s. neuen Buche. Sie werden ihn leider verspätet erhalten. Doch habe ich schon Exemplare aus Amerika bestellt.
Bei m. Abschiedsbesuch ging es Paulsen etwas besser. Er schenkte mir sein Bild; eine schöne Photogravüre, und teilte mir mit, daß sich seine jüngere Tochter mit m. alten Bekannten, Privatdocenten Dr. Kabitz in Breslau, verlobt hat.
Die Schule hat nicht gerade Triumphe gezeitigt, aber doch freundliche Eindrücke und Fortdauer der guten Beziehungen. Der Abgang der 1. Abteilung, die ich seit 2 Jahren kenne u. 1½ Jahre unterrichte, wird mir einen wahren Schmerz bereiten. Am 28.III. ist [über der Zeile] Abschiedskaffee, am 31.III. Entlassungsfeier, am 1.IV. von mir arrangierte Tagespartie mit beiden Abteilungen nach Potsdam. Der Lesezirkel hat sehr nett mit meinem Tode geschlossen. - Am 2.IV. habe ich bereits die neue 2. Abteilung, die wohl ganz verbeckmannt sein wird.
Ich weiß nicht , ob ich jetzt alles geschrieben habe, glaube es aber kaum. Ich freue mich herzlich Ihrer Gesundheit. Hoffentlich sind auch die Zeichenkinder alle wieder munter. Bitte lassen Sie bald Gutes hören und grüßen Sie Frl. Knaps.
In herzlichster Freundschaft Ihr Eduard Spranger.

[re. Rand] Herzliche Grüße v. m. Eltern!
[Kopf] Mit Klara Runge korrespondiere ich sehr viel.