Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. April 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 2. April 1908.
Liebe Freundin!
Aus Ihrem letzten Brief entnehme ich mit Bedauern, daß Sie nun doch noch am Schlusse des Winters der Influenza Ihren Tribut zollen mußten, und noch dazu gerade während der Anwesenheit Ihrer verehrten Schwestern. Seien Sie nur während dieses Aprilwetters recht vorsichtig; es ist nicht immer um diese Zeit Dresdener Entrevue-wetter! Hoffentlich ist alles verflogen, ehe Sie nach Cassel fahren, wozu ich meine herzlichsten Reisewünsche ausspreche. Herzlichen Dank für Ihr Interesse am Humboldt; Sie erhalten auch noch einen Umschlag nachgeliefert, d. h. keinen kalten, sondern einen gedruckten. Es ist viel bloße Philologie; aber die Grundlinien der Hauptarbeit sind doch angedeutet.
Was meine Ferien betrifft, so ist die Jenaer Fahrt auf ca den 30.IV. verschoben, und sie wird außerdem wohl rein geschäftlich sein. Hingegen
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| muss ich Ihnen gestehen, daß ich jetzt schon fast 8 Tage nicht nur Ferien gemacht, sondern buchstäblich in Saus und Braus gelebt habe. Die Feten jagten sich förmlich, und ich habe nicht nur Gefallen daran gefunden, ich habe mich im ganzen daran erfrischt und mindestens geistig erholt.
Die Sache begann mit dem Abschluß der Steglitzer Vorträge. Das spärliche Publikum blieb bis zum letzten Tage sehr dankbar und gab dem auf mannigfache Art Ausdruck. An den letzten Vortrag schloß sich ein Beisammensein mit Damen, das in der Tat fidel und harmonisch verlief; um 2 kam ich nach Charlottenburg - das sagt alles. Ernst Löwenthal verlor sein Herz an eine nicht <ein Wort unleserlich, durchstrichen> ganz rassenreine Lehrerin, und noch andere wunderbare Dinge gingen vor. Dieser fröhliche Abschluß der Sache war mir umso lieber, als ich ungern Dinge treibe, die nicht mittelbar zu einer persönlichen Beziehung oder Wirkung führen. Über die Vorträge selbst sende ich Ihnen demnächst die gesammelten, von mir selbst verfaßten Berichte im "Steglitzer Anzeiger". Dasselbe Thema in gekürzter Form lasse ich innerhalb
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| 2 Jahren in der Sammlung "Natur und Geisteswelt" erscheinen, wofür ich NB. mehr als das Vierfache erhalte.
Am Tage nach diesem Abschied feierte ich am frühlingumrauschten Müggelsee Abschied von meinem Konkneipanten und Freunde Adolf Landgraf, der nach Halle geht, um weiterzustudieren. Am Freitag war der kleine Scholz bei mir, der zur Erholung von der Influenza nach Gardone am Gardasee geht. Am Sonnabend überraschte mich ein mir sehr lieber Besuch vormittags: Priv. doc. Dr. Bruno Bauch aus Halle, der Redakteur der Kantstudien. Am Nachmittag bis Abend war das reizende Abschiedsfest meiner jungen Freundinnen; denn daß sie das geworden sind, empfinde ich immer mehr. Es war wirklich hübsch und maßvoll - kindlich in jeder Art. Am Sonntag war ich zur Taufe bei meinem Vetter, habe Studentenlieder gebrüllt wie einst im Lebensmai und Tischreden geschmettert wie ein Professioneller. Ach wie mäßig war ich daher auf die letzten beiden deutschen Stunden präpariert! Aber der Geist gab mir einiges ein, und in einigen Schlußworten wies ich auf
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| die Bedeutung des Idealismus hin, als den Geist, auf den es mir in meinen Stunden ankam. Ich bat sie, mir freundschaftlich noch zu bleiben und ließ das Wort fallen, daß mir ihre Abteilung "immer besonders lieb gewesen wäre." Ich weiß nicht, wie es kam, daß mich schließlich die Bewegung übermannte; ich brachte meine Rede mühsam zu Ende, und einige weinten.
Am Dienstag war die Entlassungsfeier; da wir für Mittwoch die Potsdamer Partie geplant hatten, so war sie kein eigentlicher Abschied; es gingen aber auch einige [über der Zeile] 3 aus der 2. Abteilung ab, die sitzen geblieben waren; Charlotte Fricke aus Zorn, Anne Dresselt wohl schweren Herzens. Alle drei waren etwas schwierige Naturen, um so wichtiger für den Pädagogen, und eigentlich um so schmerzlicher, wenn sie ihm genommen werden. Denn er muß sich dann fragen, ob er auch alles getan hat. Dies war meinerseits bei Rosa Falkenberg vielleicht nicht der Fall.
Gestern war nun die lange geplante, wohl vorbereitete Partie. Alle bangten um das Wetter. Ich hatte der Klasse freigestellt, in ihrem und meinem Namen einzuladen, wen sie wollte. "Keinen laden wir ein", lautete die resolute, einstimmige Antwort. Nur Frl. Ströhmann u. Frl. Lehmann (die beiden
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| technischen und mir sehr wohlgesinnten Lehrerinnen) kamen ex officio mit. Ich fuhr ihnen bis Alexanderplatz entgegen: 22 von 24 waren da. Die Sonne lachte, während wir in der Bahn fuhren, und ich hatte die Freude zu sehen, daß auch die zarte scheue Martha Roding nun volles Vertrauen zu mir hatte. (Am Tage zuvor ging ich hinter ihr und ihrer Mutter die Schultreppe hinab. Die Kleine war wie gebrochen vor Schmerz; die Mutter, eine blasse und leichtgealterte Frau, streichelte sie leise und stützte sie. Spricht das nicht alles für uns?) In Potsdam angekommen gingen wir durch die Stadt, und bald bemerkte ich, daß die Elite der 2. Abteilung frondierte. Zu vieren untergefaßt gingen sie immer vornweg, natürlich immer um die verkehrte Ecke, Publikum, Damen und mich ignorierend. I, dachte ich, das ist die bekannte Rose ohne Dornen. Natürlich ließ ich die Dornröschen nun auch unbeachtet und war um so fröhlicher mit den andern. So sahen wir das Mausoleum, Sanssouci, Orangerie - an jeder Ecke von Frida Pütters photographischem Apparat bedroht. Im Drachenhäuschen, das wir ganz okkupierten, war Mittagspause. Ich setzte mich
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| neben die Fronde, die sich noch immer ablehnend verhielt. Mäßig ernährt, mußte ich Geck mitspielen; mich photographieren lassen (und wie!) etc. Dann trieb uns ein neuer Regen hinein. Hier brachte ich ein Hoch auf die begleitenden Damen aus und knüpfte daran die Bemerkung, daß ich zwar akad. Schüler von Schmoller wäre, aber Schmollerinnen heute nicht sehen wollte; man sollte also allen Zwist und Hader der allgemeinen Freude opfern. Die Fronde wurde gelbgrün vor Ärger über sich selbst, wußte aber nicht, wie sie schwenken sollte. Wir machten denn eine große Polonaise rund um den Tisch, und brachen schließlich nach dem Neuen Palais auf. Von dort ging es zurück zum Brandenburger Tor, wo eine Konditorei ein bedeutendes Verkehrshindernis bedeutete. Wir versäumten 2 Elektrische, aber rührend war es zu sehen, wie der - infolge seiner Süßigkeit unverpackbare Kuchen auf Händen getragen wurde - durchnäßt vom Regen, zerzaust vom Wind - vorn auf der Elektrischen - oh, es gibt noch Opfermut in der Welt! Auf dem Pfingstberg bot mir die frondierende Helene Schulze bereits Chokolade an. Dann kam eine romantische Ecke, wo ich mich als Herodins photographieren ließ, d.h.
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| die Kuchenschüssel auf dem steif-filzenen Haupte. Im Wettlauf sank sodann eine der Edlen samt Kuchenpaket in den Staub; doch unversehrt erreichten wir die Meierei, wo wir wieder das Zimmer ganz für uns hatten. Der Kaffee floß in Strömen. Rings um mich saß verstummend die Fronde, vis-a-vis auf dem Sofa die Lehrerinnen. Es war ein gemütliches Bild, besonders als der Regen die Streifenden hereinrief und alles sich um uns gruppierte. Ein Hoch auf den Direktor wurde von Martha Ruben und dem Hoch auf mich als den Arrangeur erwidert. Alle 24 bekamen einen Ansichtskarte von mir zur Erinnerung; so verging die Zeit halb froh, halb wehmütig; denn die 1. Abteilung zeigte doch andauernd eine leichte Melancholie wie ich. Dann brachen wir auf; an der abendlichen Havel entlang, wo/auch wir einst im Regen gingen. Ich bat sie, mir noch einmal das Lied zu singen: "Der Winter ist dahin". Bei diesen Klängen schmolz mir das Herz, und ich wollte eine ungetrübte Erinnerung haben. Auch fiel mir ein, daß ich ja Pädagoge bin und der Klügere, der nachgibt. Auch die Gänschen sollten eine ungetrübte Erinnerung behalten.
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| Ich koppelte also meine Quadriga - wie Frl. Ströhmann geistvoll die Fronde genannt hatte - zusammen, ging in die Mitte und sprach ein ernstes Wort. "Was haben Sie eigentlich? Habe ich Sie verletzt - was gewiß nicht in meiner Absicht gelegen hätte, - so sagen Sie es offen; ich will es hören". Gestammel, Ablehnung, Ausflüchte. Erna Ewert: "Wir lieben es nicht, so in der Menge zu gehen; es richtet sich nur gegen die Schülerinnen." Hierauf ich von Gemeinschaftssinn und Fröhlichkeit. Der eigentliche Grund kam nicht heraus; natürlich hatte sie am Montag die "besonders liebe Abteilung" geärgert, und am Dienstag die - gerechterweise - etwas matt ausgefallenen Censuren. Aber meine Nachgiebigkeit bewirkte, daß sich nun die Herzen öffneten, und in munteren Gesprächen gingen wir durch den schönen neuen Garten bis ans Marmorpalais, dann an die Glienicker Brücke, sahen den See in schwarzer Dämmerung und fuhren dann mit der Elektrischen zum Bahnhof, wobei/ich meinen lieben Potsdamer Verwandten herzlich zuwinken konnte. Was dann auf der Rückfahrt in der Bahn noch geschah, will ich Ihnen morgen erzählen; denn heute ist es spät, und Gehen, Stehen, Sitzen sind mir von gestern noch erinnerungsschwer. Gute Nacht!

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3.IV.08.
In der Bahn trieben wir dann noch allerhand muntere Spiele, lauter Unsinn, aber für mich nicht nur von psychologischem Interesse, sondern ein richtiger Tugendspiegel. Ohne es zu wollen, sind sie sehr ehrlich. Bei den halbverdeckten Charakterisierungen wählten sie lauter Prädikate, die auf den [über der Zeile] betr. Menschen paßten, so bei mir: empfindlich, kribbelig, geistreich (?), ironisch etc. Und folgende Musterkarte von Fragen wurde mir beim Pfänderspiel gestellt: ob ich mich selbst für sehr geistreich hielte, gern am Schnurrbart drehte, ein starker Alkoholiker wäre; welche Lehrerin mir die liebste wäre, ob ich ihnen gern Unterricht gäbe, in ihrer Abteilung schon einige Talente entdeckt hätte etc.etc. So kamen wir wieder an den Alexanderplatz. Dort rührender Abschied.
Am nächsten Tage bei der Eröffnungsfeier waren die Abgegangenen fast alle wieder da. An 2 Ecken lauerten je 2 von der Quadriga; die erste begann: " Entschuldigen Sie unser lächerliches Benehmen von gestern " - aber ich ließ weder sie noch die anderen zu Worte kommen.
Verzeihen Sie diese epischen Breite. Sie hätten vielleicht lieber philosophische Reflexion gehört. Aber jetzt besteht meine praktische Philosophie wieder einmal in der
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| Hinneigung zu frischer, fröhlicher Jugend. Das ist das einzige, was mich vor dem Eintrocknen schützt. Denn meine Ideale stammen nicht aus Gedachtem, sondern aus dem konkreten Leben. Und wenn ich mir den Menschen in seiner Vollkommenheit denke, dann knüpfe ich diese Bilder gern an meine Zöglinge an, wohl wissend, daß sie ihnen nicht entsprechen, aber doch hoffend, daß auch ihnen Ähnliches vor der Seele steht.
Jetzt beginnt nun eine Periode zurückgezogener Ferienarbeit. Hoffentlich wird sie fruchtbar; denn es eilt, der Rousseau ist schon munter im Druck. Leitzmann entpuppt sich als ein guter Musikhistoriker. etc. etc.
Von Hermann erhielt ich eine Soldatengruppe, in der er sich selbst befand, aus dem Sennelager. Vielleicht trifft er dort einmal Nieschling. Kügelgen ist in Chemnitz.
Mit dem Befinden meiner Mutter bin ich garnicht zufrieden. Diese Sorge trübt mir den Frühling. Ich selbst bin z. Z. erstaunlich bei Kräften. - Könnte ich das Gleiche doch von Ihnen hören! Die Situationskarte von Heidelberg war recht raffiniert gewählt, um Sehnsucht zu wecken. Aber ich habe zur genüge das stoische Recept gelernt: Nichts begehren!
Nun leben Sie recht herzlich wohl und seien Sie sowie Frl. Knaps von uns allen vielmals gegrüßt.
Ihr getreuer Eduard Spranger.

[re. Rand] Die Rücksendungen verspare ich auf ein Sammelpaket, ja?