Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. April 1908 (Charlottenburg)


[1]
|
Charlottenburg, den 20.IV.08.
Liebe Freundin!
Wenn Sie mit meiner abgeschriebenen Hand Nachsicht haben wollen, so darf ich dem Drange meines Herzens folgen, Ihnen einige wenige Zeilen der Ermunterung zu senden. Weshalb so traurig bei der Osterbotschaft? Weshalb so dunkle Ahnungen? Haben wir uns nicht manchmal versprochen, mit festem, innerem Mut durch diese Menschenwelt zu wandeln, die im allgemeinen so wenig zu leiden wie sich zu freuen versteht? Dies allein ist es doch, was uns zu großen Naturen macht, wenn es überhaupt solche unter den Menschen gibt, daß wir fähig sind, alles zu ertragen, selbst das, was wir eben deshalb keinem klagen können, weil keiner versteht, daß es ein Leid ist? Diese Einsamkeit ist das tiefste Leiden. Bei den sog. schweren Schicksalsschlägen fühlen wir uns im großen Gange des Weltenrades; für
[2]
| das Innerste, Individuellste aber fehlt uns jede Äußerungsfähigkeit, und je mehr wir im Laufe der Zeit still für uns davon geschluckt haben, um so härter sind wir geglüht.
Sie haben mich oft genug in ähnlichen Lagen getröstet; es ist schön, wenn wir es wechselweise tun und keinen andern hineinsehen lassen, daß wir oft, leider, noch schwach sind. Diesmal aber glaube ich Sie leicht trösten zu können. Denn die nervöse Depression, an der Sie leiden, sehe ich rings um mich in allen Menschen, und z.T. auch in mir: es ist der mißglückte Frühling, der uns nur seine herabstimmenden Lüfte, nicht seinen jubelnden Sonnenglanz sendet. In solchen Lagen stellen sich alle Associationen nach unten ein; nichts wird uns zum fröhlichen Orakel, jeder schwarze Tag bedeutet ein trauriges Symbol. Aber das ist nichts als nervöse Association. Als ich 1905 von Würzburg nach Eberbach kam, ging es mir ebenso. Ich habe in der Bahn unter fremden, lustigen Menschen mühsam das Weinen bekämpft.
Gewiß, Sie haben schmerzliche Eindrücke gehabt. Wenn Sie nicht fest überzeugt sind,
[3]
| daß Ihr Besuch für die Kranke in Wiesloch von Nutzen ist, daß sie etwas davon empfindet, so gehen Sie nicht mehr hin. Kein Mensch und kein Gott verlangt von uns, daß wir Schmerzen suchen, durch deren Ertragung nichts Gutes gewirkt ist [über der Zeile] wird. - Der Tod der armen Cousine ist um der Mutter willen tief zu beklagen; aber wie gut ist es, daß sie nun gerade in neue Verhältnisse kommt. Es wird ihr leichter werden, die Lücke in ihrem Dasein zu tragen.
Und wenn es nun Frl. Knaps besser geht (?), wenn Sie im Kreise der Ihrigen bei der verehrten Tante sind, wenn Frl. Scheibe kommt, und der Sonnenschein auch, wenn ich Ihnen sage, daß ich auch Mut und Schaffenslust unter manchem Leid bewahre - was wollen Sie trauern? Nur der kann hilflos trauern, der keinen wahren Lebensinhalt hat. Freilich, diesen gilt es immer wieder zu prüfen und zu revidieren. Man kann durch geistige oder materielle Änderungen viel an seiner Lebenslage ändern, was man sonst für selbstverständlich hält, obwohl es lästig ist und eine Kette bedeutet. Nicht mehr, ich bin ein Schulmeister?
[4]
| Aber ich sage nur, was ich selbst erfahren!
Wie vieles zerstört man sich doch auch selbst! So habe ich mir den harmonischen Abschluß des Schulsemesters gestört, weil ich in maßloser Erregung eine Scene mit dem Direktor hervorrief. Am letzten Sonntag, bei der Schlußprüfung der Stenographinnen, bei der Eltern, Brüder, Schwestern etc. zugegen waren, erteilte er mir lauter untergeordnete Rollen, Gesang begleiten, Polonäse spielen; und als ich auch den Walzer noch spielen sollte zum Tanz, verließ ich in höchster Erregung den Saal. Er ging mir nach, und ich machte meiner Empörung mit einer Lebhaftigkeit Luft, die er von mir noch nicht gehört hat. Es tat mir leid; denn er hatte gewiß keine böse Absicht, und das [über der Zeile] letzte Zusammensein mit den Abgegangenen habe ich mir auch getrübt. Aber ich wollte das Prinzip auch einmal hervorkehren, daß ich weder angestellter maître, noch regelmäßiger maître de plaisir bin.
Sonst aber habe ich die ganzen Ferien jeden Vormittag mit eisener Kontinuität gearbeitet und Ungeheueres geschafft. Schelten Sie nicht! Die beste Erholung ist doch Zufriedenheit über fortschreitende Arbeit, und nun endlich sehe ich mit dem Humboldt Land vor mir, von dem doch meine Zukunft abhängt. Kein Mensch nimmt teil an dieser Arbeit. Ich spinne diesen ganzen Gedankenkomplex rein aus mir. Aber es gewinnt Gestalt, und - wenn das Glück gut ist - noch im Sommer gedruckt. Dies ist kein Brief, sondern nur der Vorläufer eines solchen. Mit herzlichen Grüßen von Familie zu Familie <li. Rand> Stets Ihr getreuer Eduard Spranger.