Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. April 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 29.4.08.
Liebe Freundin!
Da ich morgen um 2 Uhr bis Sonntag Abend nach Jena fahre, so will ich Ihnen vorher noch einige Zeilen mit Bezug auf Ihre letzte Rembrandtkarte senden. - Ich opfere meinen ganzen Ruf als Logiker und bekenne Ihnen: "Fräulein Scheibe ist mein Mann." Das sind alles beides Ideen, die mir im höchsten Grade zusagen. In 6 Wochen Berlin - das hieße also Pfingsten - wirklich, ich steckte den ganzen Humboldt ins Feuer, wenn Sie das wahr machten! Dann hätten wir doch hier Frühling und Natur, und die Tanten sind weg (pardon!) - - aber da meldet sich der konventionelle Mensch und sagt bedächtig: "Die weite Reise wäre Ihnen zu beschwerlich etc." Ebendeshalb soll Fräulein Scheibe die Verantwortung tragen und ich die Freude haben. Sorgen Sie ja, daß daraus etwas wird!
In Reserve aber stelle ich das zweite. Meine Sommerpläne richten sich dies Jahr auf Tegernsee.
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| So ungern ich lange voraus überlege, habe ich mir doch gedacht, wenn alles glatt geht, vom 17. Juli bis 12. August fortzubleiben. Wenn Sie nun an den Ammersee gingen, so käme ja Heidelberg zu kurz, aber wir hätten die Möglichkeit, uns in dieser Zeit häufiger zu sehen und so das Beisammensein intensiver, ohne Fahrplanzwang, zu genießen. Zwar habe ich von der Gegend kein rechtes Bild; aber wenn Ihnen der Ammersee zu tief läge, so könnten wir uns die Gipfel des Tegernsees teilen. Jedenfalls müssen wir dies Jahr wieder auf die Distanz Freudenstadt- Griesbach kommen. Treffen Sie Ihre Entschließungen bitte möglichst bald, damit ich mich danach richten kann.
Hoffentlich sind Sie nun glücklich nach Heidelberg zurückgekehrt! Die schönen Blumen, mit denen Sie meine Mutter wieder so herzlich erfreut haben, haben uns erzählt, daß in Cassel Frühling ist. Ich danke Ihnen einstweilen im Namen meiner Mutter herzlichst. Ihr Befinden macht mich noch immer besorgt. Ich rede und höre nicht gern davon; aber ich bin nicht blind dafür und empfinde es innerlich mehr als all die Zartfühlenden, die mich mit ihren Beobachtungen
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| verletzen.
Daß die nächsten 4 Tage für mich Ferien bedeuten, kann ich eigentlich nicht sagen. Jede Minute ist bereits in den ersten Tagen geschäftlich besetzt.(Leitzmann, Eucken, Diederichs, Nohl); es ist mir zweifelhaft, ob ich wenigstens Sonnabend und Sonntag nach Rudolstadt entfliehen kann. Ich würde das Schwarzatal definitiv in mein Programm aufnehmen. Aber noch weiß ich nicht, ob ich die Erinnerungen an Serwacinski überwinden würde. Es geht mir jetzt so, daß ich die meisten Gegenden, die mir lieb sind (so den Rhein) nicht aufsuchen könnte, weil die Erinnerung an eine reichere Vergangenheit mir schmerzlich sein würde. Ich sehe daraus, daß ich doch nur einen bedingten Fortschritt gemacht habe.
Lassen Sie mich bitte bald hören, ob Sie Frl. Knaps wieder ganz gesund angetroffen haben. Ich wünsche es herzlich. - Ich bin Ihnen noch die beiden Aufsätze aus der Glocke schuldig. Meine erste Bestellung scheint verloren gegangen zu sein. Ich habe sie aber wiederholt, und hoffe, bis Anfang Mai im Besitz der Exemplare zu sein.
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Meine neue Klasse ist sehr lebhaft; aber natürlich fehlt noch die persönliche Herzlichkeit. Die 1. Abteilung macht mir Spaß. Sie fühlt sich durch die begabtere 2. höchst geniert, ist fest überzeugt, daß ich sie für dumm halte und macht ein sentimentales Gesicht. Im Grunde verstehen mich doch diese Mädchen garnicht. Sonst müßten sie fühlen, daß die 2. Abteilung für mich drillbare Rekruten, sie selbst aber bereits wohlbekannte Freundinnen sind. Der Direktor faßt mich mit Samthandschuhen an. Ich muß also Borsten haben.
Paulsen soll es nicht gut gehen. Der kl. Scholz ist munter aus Italien zurück. - Hermann wird nun das Sennelager bald überstanden haben und sich weiter schuppen können. Von einer frohen Botschaft aus Bonn weiß ich nichts. Sollte dort etwas ganz Philosophisches vorgefallen sein? Ruskin würde sich sicherlich freuen, und ich nicht minder.
Ganz gegen meine Gewohnheit schreibe ich dies bei einem Frühschoppen. Ich fühle mich als Opponent des Antialkoholkongresses und leiste mir Frankfurtammainerauslese. Hoffentlich merken Sie nichts von der Stimmung. Herzlichste Grüße und Wünsche von uns allen auch an Frl Knaps.
Ihr Dieser. (von morgen [über der Zeile] an aber Jener.)