Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Mai 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, Kantstr. 140.
Den 9. Mai 1908.
Liebe Freundin!
Beifolgend erhalten Sie eine Sammelladung. Darin befinden sich 1) die in Ihrem letzten Brief mitgeschickten und mit Interesse gelesenen Schriftsachen. 2) die beiden schönen Skizzen. 3) die Berichte über m. Steglitzer Vorträge. 4) 4 Bilder von der Potsdamer Partie. ┌ [re. Rand] eine Recens. Es fehlen a) die beiden Nummern der Glocke, die auf wiederholte Bestellung nicht eingegangen sind; b) die 2. Silhouette, weil ich mir gestatte, alle beide zu annektieren, obwohl die zweiterhaltene mir vollendeter erscheint. (Bitte, wie ist dies Kunstwerk entstanden?) c) die Blätter v. Frl. Thönes, die ich schon tausendfach mit mir herumgetragen, aber, wie ich zu m. Schande gestehen muß, noch immer nicht gelesen habe. Den damals gleichzeitig erhaltenen Ruskaschen Aufsatz habe ich gelesen. Er ist mir sehr sympathisch, obwohl meine speziellen Ziele doch in anderer Richtung liegen (Vertiefung des deutschenUnterrichts im Sinne der Humanität.)
Über die Verlobungsanzeige habe ich mich herzlichst gefreut. Nachdem ich über die Tatsache der Verlobung
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| durch Ihre Andeutung unterrichtet war, hat mich die Persönlichkeit nicht mehr überrascht. Gleichwohl bedaure ich, daß Sie mir das nicht vorher geschrieben haben. Denn Weinel (den ich in d. Jahresberichten 1903 recensiert habe) stand mit auf der Liste der in Jena zu besuchenden; ich habe auch mit Eucken und Nohl über ihn gesprochen, aber ohne zu ahnen, daß er mir noch in dieser neuen Hinsicht interessant werden würde.
Wenn Sie diesmal nach meinen Zwecken in Jena fragen, so bin ich schuldlos; denn hierauf habe ich Ihnen schon geantwortet, was ja sonst nicht meine Gewohnheit sein soll. Abschluß des Akademiekontraktes unter für mich günstigen Bedingungen war das Ziel. Da die betr. Bände aber unbeschränkte Zeit haben, so konnte ich meinerseits keinen Druck ausüben. In anderer Hinsicht sind diese Tage für mich ereignisreich und aufregend gewesen.
Sie wissen, daß ich mit dem Abschluß meines Buches beschäftigt bin. Nun aber zeigte mir Leitzmann eine Fülle von ungedrucktem Material, das für mich von Belang ist, obwohl er vor 2 Jahren (wohl gutgläubig) das Vorhandensein solcher Manuskripte verneint hatte. Einige Stichproben bei ihm
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| versetzen mich in die größte Aufregung. Er hat unendlich wichtige Sachen. Diese Entdeckung verfolgte und verstimmte mich während meiner Wanderungen nach Kochberg und Volkstedt, so daß ich schon vor der Zeit nach Charlottenburg zurückkehrte, wo ich sowohl meine Mutter als meinen Vater in wenig gutem Befinden antraf. Von meinen Erhebungen in Kochberg mündlich. Eine neue Enttäuschung bereitete mir der Verleger, indem er erklärte, daß das Buch spätestens am 15. September ausgegeben werden müßte, sonst frühestens im Februar 1909.
Was nun das erste betrifft, so schickt mir Leitzmann die wichtigsten Manuskripte leihweise Ende ds. Monats. Dadurch aber wird natürlich die Fertigstellung des Drucks bis zum 15.IX, die an sich fraglich war, erst recht ausgeschlossen. Da ich aber im Wintersemester das Buch als Habilitationsschrift einreichen will, so werde ich noch einen energischen Kampf auszufechten haben, um diesen oder einen andren Verleger zur Ausgabe des Buches am 1.XI. zu nötigen.
Durch dies alles aber wird unser Berliner Plan in keiner Weise berührt. Ich spreche darüber
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| völlig offen, wie Sie wünschen, wenn ich Ihnen folgendes erkläre.
Erstens verlangt das Buch, zu seiner Vollendung, einer gründlichen Belebung meines Geistes, wie sie nur durch ein Zusammensein mit Ihnen bewirkt werden kann. Es ist fast zum Lachen, in welcher geistigen Verarmung ich in meinem Umgangskreise hier lebe. Trostlosigkeit ist der einzige Ausdruck dafür. Zweitens aber ist meine Tageseinteilung der Art, daß sie unsern beiderseitigen Zwecken förderlich sein wird. Ich arbeite in der Regel von 9 - ½ 3 Uhr vorm., bisweilen von 3 - 4, dann von ½ 9 - ½ 11. Die beiden letzten Zeiten dienen bloßer Lektüre. Wenn wir dann einige Tagestouren machen, so wird der innere Gewinn für mich mehr bedeuten als die Arbeitsunterbrechung. Von 4 - 7 bin ich fast täglich unterwegs. Natürlich aber kann alles durch besondere Verabredung abgeändert werden. Nur die Schultage Mo. u. Do. [über der Zeile] 9 - 11 liegen fest, und ev. Konferenzen. Wir werden also sehr viel gemeinsame Zeit haben, und ich erzähle Ihnen meinen Stundenplan eigentlich nur, um Ihnen zu beweisen, daß ich sonst allein auch mindestens 2 Ausflüge in der Woche mache. Bei Sonnenschein ist unser Balkon recht nett. Bringen Sie die Sonne mit (was
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| Sie für mich unter allen Umständen tun) so wird er uns als Sprech- und Lesezimmer dienen. Und daß Sie mit unseren gesellschaftlichen Qualitäten, die sehr mangelhaft sind, Nachsicht haben werden, ist mir ja bekannt. Ich freue mich ganz unendlich auf Ihr Kommen; es ist das einzige, was mich über den nüchternen Geschäftsgeist der letzten Zeit, so manchen Kampf, so manche mühevoll-unlohnende Arbeit erheben kann. Über diesen Plan also hoffe ich bald Näheres zu hören. Einstweilen segne ich die Tante und bitte Ihr alles Unrecht ab.
Aus den Elternbriefen lese ich heraus, daß Sie auch zu den Kleinmütigen und Verzagten gehören, die nicht wissen, was sie als Pädagogen sind, übrigens eine der liebenswürdigsten Eigenschaften, denn dem Erzieher steht nichts schlechter, als Zufriedenheit mit sich selbst. Aber glücklich sein über Gegenliebe, die man findet, darf man doch. Und wenn Sie kommen, sollen Sie auch aus m. Kreise mangerlei sehen, was ich mehr schätze, als Euckens enthusiastische Lobsprüche oder - Diederichs' [verfluchte] Rousseaukorrekturen. Gern schiebe ich daher alle Einzelnachrichten auf; denn was wir uns zu erzählen haben, wird ja unendlich sein. Wie
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| sehr sich auch die Alten auf Ihr Kommen freuen, haben sie Ihnen wohl schon geschrieben. Meine Mutter werden Sie leider in ernstlich leidendem Zustand finden.
Wenn man so viel und eng mit dem Alter lebt, das da Abschied nimmt, ist der Anblick der Jugend doppelt unentbehrlich und erfrischend. Sie können sich meine Freude denken, als neulich 6 von den abgegangenen 9 Musen in der Pause in die Schule kamen, munter, beschäftigungslos, wortarm, aber voll treuer Anhänglichkeit an das alte Nest, in dem ich doch nun auch als Erzraubvogel hause und Kindlein bilde - jahraus, jahrein!!
Ich verfehle nicht, Frl. Knaps für den gütig bewilligten Urlaub meinen tiefsten Dank zu Füßen zu legen, und verspreche alles Gute und Brave.
Mit den herzlichsten Grüßen von uns allen
Ihr
Eduard Spranger

Kommt nun Rickert oder Simmel nach Heidelberg?
I. Dunkans Tanzschule sah ich nie. - Was ist das für ein Professor - Ehrismann?
[re. Rand,S.2] N. 3 u. 4 mit der Bitte um frdl. Rückgabe.