Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Mai 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 24. Mai. 08.
Liebe Freundin!
Die frohe Hoffnung des baldigen Wiedersehens läßt auch mich Ihre letzten lieben Zeilen kurz beantworten. Also ich bin am 4.VI. um 5.48 am Anh. Bhf., mit und ohne Tante - tot oder lebendig. Was das "große Putzen" betrifft, so haben Sie damit großes Unheil angerichtet. Meine Mutter benutzt es zu folgender schrecklicher Argumentation: "Frl. H. reist fort und läßt doch noch reinmachen; um wie viel mehr denn ......." Aber ich bereite Sie heute bereits schonend darauf vor, daß ich dem mit aller Macht entgegentrete. Denn abgesehen von dem
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| Entsetzen, das meinem Vater und mir auf diese Weise droht, wollen wir nicht, daß meine Mutter bei ihrem jetzigen leidenden Zustande diese Anstrengung auf sich nimmt. Fürchten Sie nichts - es ist trotzdem noch halbwegs reinlich bei uns; der Cigarrenqualm natürlich geht nicht mehr heraus. Das gehört aber zur gelehrten Atmosphäre.
Wie gern wäre ich jetzt mit im Odenwald! Der Frühling ist jetzt hier in seiner Reife. Doch habe ich ihn nur halb genossen. Ich hatte eine volle Woche die unsäglichsten Zahnschmerzen trotz ärztlicher Behandlung, und mußte in diesem Zustand noch die von mir arrangierte Schulmaifahrt mitmachen, die jedoch sehr hübsch, munter und harmonisch ausfiel, trotz etwas Regen.
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| In der vorigen Woche habe ich Leitzmanns Manuskripte in rasender Eile gelesen und halb abgeschrieben, mit der befriedigendsten Ausbeute. Nun stehe ich mit dem Verleger in Unterhandlung, der alles bewilligt, außer dem erhofften Termin.
Von unsrem Zusammensein hoffe ich zwei Wochen wirklichen gemeinschaftlichen Lebens. Wir haben das eigentlich noch nie gehabt. Ich freue mich unendlich, daß wir dann so manche Stätte besuchen können, die Ihnen und mir lieb ist. Störungen sind umso weniger zu befürchten, als der Direktor - zu meinem herzlichen Bedauern - seines Beinleidens wieder eine Kur in Teglitz hat beginnen müssen. Nur bei Paulsens müßte ich aus Gründen, die ich Ihnen erzählen werde, bei einem ev. Wink einmal sofort bereit sein. Doch ist das minimal.
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In recht ärgerliche Stimmung hat mich der definitive Zusammenbruch der "Glocke" versetzt. Es kriselte, wie Sie wissen, schon lange. Der Fall ist um so fataler, als er mir unter Umständen einen Freund kostet. Und was Menschen betrifft, so lebe ich jetzt hier in einer so trostlosen Vereinsamung und leide tatsächlich innerlich so empfindlich not, daß Sie wie ein Engel gerade in der höchsten Not kommen. Ich kann meinen Freunden den Vorwurf nicht ersparen, daß sie mich nachlässig behandeln.
- Auf Hermanns Kommen freue ich mich sehr. Zwar würden wir gerade in den Festtagen bei gutem Wetter nichts Gemeinschaftliches unternehmen können. Hat er also die Wahl, so ist er besser in Greifswald aufgehoben u. kommt hierhin einige Tage vorher oder nachher. Denn zu Pfingsten ist alles Bahnfahren lebensgefährlich. Aber qui vivra verra. Einstweilen glückliche Reise! Grüße an Frl. Knaps! Es erwartet Sie in Ungeduld
stets
Ihr Eduard Spranger.

[li. Rand] Viele herzliche Grüße von meinen Eltern.