Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Juni 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 20. Juni 1908.
AEI!
Liebe Freundin!
Sie sind nun fort und lassen mich in einem schmerzlichen Gefühl der Einsamkeit zurück. Noch kann ich mir nicht denken, daß Sie heute nicht mehr neben mir hier auf dem Balkon sitzen werden, daß unser gestriger Spaziergang im Tiergarten für längere Zeit der letzte war. Wenn ich denke, daß unser wahrhaft geschwisterliches Zusammenleben nun wieder dem Gesetz der Entfernung unterliegt, so ergreift es mich mit schmerzlicher Sehnsucht. Daß wir so treiben müssen im Strome der Zeit, wo unser tiefstes Wesen ganz auf das "Immer" angelegt ist Ich weiß es, mit welcher Macht wir beide diesen beiden Gesetzen entgegenstreben. War es mir doch in Pankow, als wenn Ihr Vater und alles noch lebte und wir zeitlos wandelten in der Gemeinschaft derer, die uns geistig lieb sind Ihre ganze
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| Kinderzeit stieg vor mir auf, dies Alter, das ich über alles in der Welt liebe. Ich sah Sie das Schwere und Tiefe erleben, das Ihrer Seele den tiefen Bruch gab, so daß die neu errungene Harmonie um so fester und wunderbarer in Ihnen wurzelt. Dies ist es, was die Gewalt Ihres Wesens ausmacht; dies ist es, was uns so innig verbindet, daß ich die Tragik Ihres Erlebnisses mitempfinde, als wäre es mein eignes. Denn ich weiß, was der Mensch ist und was er leidet. Darum waren die schönsten Stunden für mich die in Pankow und Schönhausen. Sie wissen, daß ich schon vor Ihrem Hiersein diese Orte lieber und lieber aufgesucht habe. Denn auf den Ort überträgt sich meine Liebe mit unmittelbarer Notwendigkeit. Haben Sie innigsten Dank für die Blätter, die Sie mir nun als Kind in dieser Umgebung zeigen. Ja, ich glaube, es war die rechte Stunde, um mir diese Bitte zu erfüllen. Nicht der große Augenblick ist es, sondern der stille, der unser Schicksal macht. Und wenn wir auch ruhiger und fester geworden
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| sind: das werden [über der Zeile] wir auch künftig nicht erreichen, daß wir nicht am Schicksal leiden. Lassen Sie uns dies auch nicht wünschen; denn es vertieft und läutert uns. Aber lassen Sie uns wünschen, daß wir immer gemeinsame Kraft haben, das in unsren Erfahrungen zu bejahen, was unser Innerstes fordert; das Äußere aber lassen Sie uns hinnehmen, als etwas, das zwar ist und auf uns drückt, aber als etwas, das nicht sein soll und dem wir durch die innere Kraft unsres Geistes das höhere, bleibende Existenzrecht bestreiten. Es ist ein heroischer Wille, der von uns gefordert wird; einer für sich allein wäre dessen nicht mächtig. Aber gemeinsam und in innig verbundener Überzeugung wird uns dieser Kampf gelingen. Sie ist es auch, die die Abschiedstränen in mir zurückdrängt und mich, geläutert und erhoben, zurückgehen läßt an mein Werk: die Arbeit an der Jugend und die Arbeit an den Ideen. Ich weiß, daß ich eine Schwester habe, die an allem, allem, und sei es das Kleinste, den herzlichsten Anteil nimmt - -
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Wie furchtbar muß die Fahrt heute sein! Ich folge Ihnen in Gedanken. Glückliche Heimkehr! Sie finden auch in Heidelberg eine treue, sehr treue Seele, die nur vielleicht manchmal an demselben leidet wie wir: an der Unfähigkeit des Ausdrucks. So habe ich hier - in ganz demselben Sinne - meine Eltern; sonst niemand, wie Sie gesehen haben.
Ich hätte Ihnen noch Unendliches zu sagen; aber der Tage sind noch viel, die uns gemeinschaftlich blühen werden; darauf vertraue ich.
Lassen Sie mich abbrechen; der schreckliche Nachmittag, gerade heute doppelt schrecklich, wirft seine Schatten voraus. Es gibt eigentlich nur eine Gesellschaft, die ich liebe: die Schule. - Grüßen Sie Ihre Freundin und das liebe Heidelberg. Gehen Sie mit frischer Lust an den Unterricht und denken Sie am Montag, daß wir da beide in der "Stunde" sind. Ach, auch das wird für mich eine schwere Trennung geben.
Die Gedanken meiner Eltern folgen Ihnen ebenfalls. Ich bin glücklich, daß Sie die alten Leute noch so im ganzen munter gesehen haben.
In brüderlicher Liebe
Ihr Eduard.