Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Juli 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 2. Juli 1908.
Liebe Freundin!
Ich muß Sie sehr um Verzeihung bitten, daß ich Ihnen für Ihre innigen Worte zu meinem Geburtstage und das Paket erst heute danke. Ich habe ein Paket wirklich nicht mehr erwartet, nachdem Sie mich hier bereits mit Segens[über "ns"] } l?tüchern und = talern überschüttet hatten. Ihre Lust zu geben aber ist grenzenlos, und man kann sich vor Anspielungen nicht genug hüten. Meine Leidenschaft für die Biskuits scheine ich Ihnen zu offen gezeigt zu haben. Sie machen mir aber Hoffnung, daß ich diesen Fehler nicht in der "Hölle", sondern im "Freundschaftstempel" sühnen werde, den Ihre Kunst mir so schön und symbolisch dargestellt hat. Die "Hölle" aber gebe ich Ihnen natürlich nach der Lektüre zurück; oder hat Lemme Sie mit der "Ewigkeit der Höllenstrafen" angesteckt? Denken
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| Sie, wenn ich dort im Graubündener Tuche filzen sitzen sollte, wäre ich dann nicht ein zweiter Daniel und ein neuer Rembrand? Aber statt der üblen Witze empfangen Sie lieber für alles, ganz besonders aber für die "Handarbeit", meinen herzlichsten Dank!
Es ist mir, liebe Freundin, seitdem Sie fort sind, nicht gut gegangen. Sonst hätte ich wohl so lange nicht darauf verzichtet, unsre schönen Gespräche fortzusetzen. Unter der Last unerträglicher Arbeitshäufung haben meine Nerven derartig gelitten, daß ich erholungsbedürftiger bin als lange. Es ist, als sollten wir auch darin unsre Gemeinschaft fortsetzen, daß wir nun nach so herzlichen Tagen beide leiden. Vielleicht haben sich Ihre Schmerzen telepathisch auf mich übertragen; lebhaft genug habe ich Ihrer gedacht. Als Sie hier waren, fanden Sie mich fast im Gleichgewicht der Nervenkraft. Ich habe einen ganz unglaublichen Stoß erlitten, so daß ich einige Tage fast gemütsleidend
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| und Menschenfeind war. Das Zusammentreffen der entsetzlichen Rousseaukorrekturen mit einigen sehr erheblichen Karten meiner Arbeit gaben den Anstoß. Dazu kam mancher andre Ärger und der traurig verlebte Geburtstag; seitdem bin ich kaput, und kann nur mit großer Vorsicht die unvermeidlichen Arbeiten erledigen. Denken Sie: vom Montag Mittag bis heute früh: 26 Aufsätze, 52 Verbesserungen, 6 Bogen Rousseau, 3 Bogen meines Buches und 1 Bogen Humboldtausgabe korrigiert! Ich war physisch außerstande, daneben meine Korrespondenz zu führen, geschweige etwas zu arbeiten. Um mich herum lauter Mißbefinden - Sie sehen, Klagel. Jeremiä etc.
Allmählich hoffe ich wieder aufwärts zu kommen, denn ich darf ja nicht müde werden. Aber nachdem ich am Montag einige erfreuliche Schulstunden erlebt hatte, war heute ein trauriger, erregender Abschluß. Zwar meine Kündigung zum 1. X. wurde in freundschaftlicher und vornehmster Form aufgenommen. Aber 2 Mädchen haben mir einen unangenehmen
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| Zwischenfall bereitet. Die Aufsätze von Marg. Hänselmann und Erna Försterling stimmten in mindestens 3 Sätzen wörtlich überein. Die Sache selbst ist ja nicht schlimm; es wäre garnichts darauf gefolgt. Aber eine Erklärung mußte ich verlangen, und da stellte sich heraus, daß beide von der andern durchaus nichts wissen wollten. Dreimal habe ich ihnen teils vor der Klasse, teils unter 4 Augen gut zugeredet; es ergab kein Resultat. Ja sie erklärten sich auf meinen Wunsch bereit, die Sache ihrerseits dem Direktor vorzutragen. Ich stehe vor einem psychologischen Rätsel. Denn wenn derartige Übereinstimmungen ohne Abhängigkeit möglich sind, dann haben auch Marcus, Matthaeus und Lucas nichts voneinander gewußt. Wie ist es bei meiner Güte und meinem Streben nach dem Vertrauen der Kinder denkbar, daß E. F. - denn sie muß es sein - derartig hartnäckig leugnet? Wie meine Stimmung in diesen letzten Stunden war, können Sie sich denken. Es ist schade, daß die andern darunter mit leiden. Denn so manche ist mir jetzt doch auch von dieser Generation näher getreten. Ich habe 10 Bücher aus meiner Bibliothek über die Ferien verborgt,
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| ich habe in fast verschwenderischer Weise meine Kraft für diese Stunden eingesetzt. Und trotzdem sollte mir gezeigt werden, daß gewisse Mauern nicht zu übersteigen sind.
Wenn mehrerlei solcher Art zusammenkommt, gibt es natürlich einen zeitweisen Tiefstand des Idealismus. Es häuft sich jetzt vieles; so sind z.B. die 3 ersten Bogen meines Buches in falscher Schrift gedruckt und müssen noch einmal gesetzt werden. Ihre Initiale sollte den schönen Anfang bilden; Reuther sagt aber, sie passe nicht zu der von ihm gewählten Schriftart. Spaß machte es mir, mit welchen lebhaften Lobsprüchen er den unbekannten Urheber dabei bedachte.
Die Kasinopartie habe ich nun auch erduldet. Es gelang mir, sie abzukürzen, indem ich eine Professorenwitwe nebst Tochter durch den nächtlichen Wald von Machnow nach Zehlendorf entführte. Wie romantisch! - Tags darauf war ich bei der guten Tante und abends bei Scholz, der noch mit Freude und Teilnahme an allen
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| Einzelheiten Ihres Besuchs gedachte.
Unter den Geburtstagsbriefen waren mir die von Frau Serwacinski und Georg Bock besonders wertvoll.
Mit Hahn hatte ich eine tiefgehende Aussprache. Es ist seltsam, wie wir uns bei aller Verschiedenartigkeit verstehen und unsere Anschauungen bis ins letzte austauschen können. Vielleicht sehe ich ihn in München wieder, wo er in den Verlag seines Freundes Bonsels eintritt. Sein Aufsatz (herzlichen Dank für die Rückf.) beruht wohl in Einzelheiten auf Anregungen von mir, wie ich auch in meinen Schriften einiges als Hahnisch bezeichnen könnte.
Die Sache mit Lloyd ist gut. Die Abschnitte las ich mit Interesse. Anbei auch ein Lesezeichen. Darf ich den Führer bis in den Herbst behalten? Jetzt drängt die Zeit. Heute Abend hoffe ich Ludwig zu sprechen. Ich muß schließen; hoffentlich ist nun die "Zahnung" gut und tapfer überstanden?? Was hören Sie von Hermann u. den anderen gemeinschaftlichen Freunden? Grüßen Sie bitte Frl. Knaps herzlichst und sagen Sie ihr, sie solle <li. Rand> Ruhe und Erholung suchen. Dürfen wir nicht auch zum Guten raten? Meine Eltern grüßen Sie <Kopf> in herzlichem Gedenken. Ebenso stets Ihr Eduard.
[li. Rand S.4] <Verzeihen Sie den Herrn v. Kügelchen!>
[re. Rand S.6] Kl. Runge schrieb wieder reizend.
Nochmals Dank für alles!