Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Juli 1908 (Tegernsee)


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Tegernsee, Villa Rosner (Nr. 79)
Den 20. Juli 1908.
Liebe Freundin!
Endlich kann ich meinen ungeduldigen Wunsch, Ihnen zu schreiben, erfüllen. Wenn ich die Zeit von unserm Abschied bis heute überblicke, so weiß ich selbst kaum, was geschehen ist. Gewiß haben Sie damals in Ch. ebensowenig wie ich geahnt, daß ich vor einem Zusammenbruch meiner Kräfte stand, wie ich ihn seit Jahren nicht erlebt und kaum überhaupt wieder erwartet hatte. Es kann nicht Überarbeitung gewesen sein; denn ich habe immer rationell gearbeitet. Die schöne Zeit mit Ihnen hatte mich innerlich heiter gestimmt, und doch brach wenige Tage darauf mit einer Aufregung, von der ich noch immer nicht weiß, ob sie Ursache oder Folge war, eine völlige, tiefe Nervenerschöpfung an. Mein Gemüt war völlig gestört; ich war mir selbst zum Ekel, und zum ersten Male in meinem
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| Leben war mir mein ganzer Beruf tief zuwider. Die Menschen waren mir gleichgiltig oder verhaßt, jede Pflicht wurde mir zur Qual und der Kreis, in dem ich lebe, erschien mir plötzlich wie gestört. Ich wußte dabei, daß dies alles Krankheit war, aber ich hatte bis zum Tage meiner Abreise nicht die Kraft, es von mir zu schütteln. Ich denke ungern daran zurück, und alles würde mir wie vergessen und geträumt erscheinen, wenn ich nicht gezwungen gewesen wäre, meine Arbeiten in der Mitte abzubrechen und, was das Schmerzlichste ist, das Erscheinen meines Buches bis zum Februar n. J. (!) zu verschieben. Damit sinkt eine meiner schönsten Hoffnungen, und nie wieder wird die Freude an dem Werk erwachen, die mich in den letzten Monaten erfüllt hatte. Wäre es keine historische Schrift, so trüge sie nunmehr den Stempel der Unwahrheit; denn ich habe in den ganzen Abgrund des Diesseits geblickt und werde kaum wieder etwas denken und tun können, ohne daran zu stoßen,
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| daß diese Welt ohne religiöse Ergänzung absolut nichtig ist. Um es in religiöser Sprache auszudrücken: ich habe nie so stark das Bewußtsein gehabt, von Gott verlassen zu sein, wie in diesen trostlosen Tagen.
Unter diesen Umständen war es wohl gut, daß ich so bald wie möglich abreiste. Ich wollte es tun, ohne von jemand Abschied zu nehmen; selbst eine Postkarte zu schreiben, bereitete mir Qual. Erst 3 Stunden vor der Abfahrt hatte ich die Gewißheit, daß L. mitkommen würde. Ich gestehe Ihnen, daß ich mich im ersten Augenblick unter den neuen Umständen nicht darüber freute. Ich brauche Einsamkeit zur Kräftigung. L.S lustiges Temperament war wohl für den Übergang recht gut; im übrigen aber ist er seit seiner Anstellung völlig Epikuräer geworden, und eine Hoffnung auf Rückbildung ist ganz ausgeschlossen. Soweit die Reise auf gutem Essen und Trinken beruht - und ein Teil meiner Absichten besteht ja auch darin - harmonieren
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| wir herzlich gut. Außerdem lassen wir uns unbedingte Freiheit und nehmen einander nichts übel. Aber wenn wir überhaupt noch etwas gemeinschaftlich unternehmen wollen, so heißt es natürlich sich anbequemen. Während ich sonst völlig frei war, komme ich jetzt nur schwer zum Schreiben, garnicht zum Lesen, und auch dieser Brief leidet unter einer baldigen Verabredung, die noch dazu zwecklos ist, weil es wieder (wie jetzt beinahe seit 3 Tagen) gießt. Trotzdem fühle ich mich hier sehr heimisch und merke auch ein wenig Gesundung, um die ich zwar diesmal kämpfen muß, weil L. kein Ende findet, wenn er sich amüsiert.-
Sie sandten mir eine sonnige Waldwiese vom Kehlhof, deren Farben und Stimmung mir ungemein gefielen. Es war doch ein andres Zusammensein, wenn wir so am Waldrande saßen und sprachen. Ich denke mit Entsetzen daran, wenn mir die Tiefe des Lebens jemals verloren gehen sollte, müßte ich sie auch mit Schmerz und Kampf wie jüngst erkaufen. Ich kann unendlich leiden am Kleinen, wie auch unendlich glücklich sein daran; und
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| das Echo für diese Empfindung werde ich niemals bei einem Freunde, sondern immer nur bei Ihnen finden. Verzeihen Sie, wenn ich Ihr Bild so subjektiv deute. Das objektive Kunsturteil geht mir ab, und [über der Zeile] aber das Innenleben, aus dem heraus Sie schaffen, findet nirgends so vollen Widerhall als bei mir. Nach meiner Rückkehr sende ich Ihnen das Bild zurück, wenn es bis dahin Zeit hat (?)
Über die Initiale haben wir uns nicht verstanden. Leider konnte Reuther sie nicht setzen lassen, weil die Schriftarten nicht zu einander passen. Ich hätte so gern in Ihrem Namen begonnen! Aber einmal wird doch dieses dornenvolle E seinen Platz finden. Denn dem Sinne nach paßt es zu jeder meiner Arbeiten: sie sind mühsam erkämpft und errungen.
Von Paulsen hatte ich einen traurigen Abschied; er war noch hoffnungsloser als ich. Am 1. August ist die Hochzeit der Tochter; das Brautpaar kommt dann wahrscheinlich hierher.
Ein merkwürdiges Dreiblatt bildeten wir beide mit Hahn in München. Hahn habe ich in dieser Umgebung erst ganz kennen gelernt. Er ist der unpraktischste Mensch von der Welt und hat noch weit weniger geschäftlichen Sinn als ich. Daraus wird mir die amerikanische Atmosphäre [über der Zeile] Affaire erst verständlich.
Bei Frl. Knaps stehe ich noch in Briefschuld. Sie werden mich entschuldigen; denn das Schreiben wird mir noch immer schwer. Auch Hermann hat mir die Kürze meiner Gratulation anscheinend übelgenommen, was ich um so weniger recht finde, als er ohne Übelnehmen meinerseits überhaupt nicht geschrieben hat. Seine Philosophie ist ohne Zusammenhang mit seinem Leben, wie sich jetzt zeigt. Und selbst die lebendigste Philosophie versagt doch, wo die lebendige Kraft versagt.
Ich werde hier Rousseaukorrekturen und 8 Bogen Revisionen meines Buches lesen. Für Sie beginnen nun auch bald die Ferien. Diesmal sehen wir uns also leider nicht; aber es ist doch schön, daß Sie mich in einer günstigeren
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| Periode sahen, als ich sie jetzt selbst auf der Rückreise haben würde. Das Aufhören der Schwetzinger Stunden wird Ihnen nicht leicht geworden sein. Haben Sie sich einmal nach der Richtung umgetan, wie wir es besprachen? Es ist gut, wenn Sie es schon vor der Reise nach Cassel anbahnten.
In Pütters Garten war ich am ersten Feriensonntag mit Ludwig und warf einen sehnsüchtigen Blick durch die Tür, die uns damals herausließ. Die beiden Mädchen waren verreist - nach Breckerfeld in Westfalen, d. h. 2 Stunden von der Heimat meiner Mutter. Den Jungen brachten wir über Rosenthal nach Wittenau - ein munteres prächtiges Kerlchen, ganz die Art der Dora. - Zum Geburtstag meines Vaters war ich wie ein lahmer Schimmel. Außerdem hatten wir uns alle 3 erkältet.
Aber nun Schluß. Leben Sie mir herzlich wohl, meine liebe, teure Schwester. Sie sind hier wie überall der Anker meines Lebens.
Ihr Eduard.

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[] Buch ganz dasselbe, von dem Sie das nette Erlebnis schrieben, und eines Engels Hand führte mich gerade an meinem Geburtstage in das Forsthaus, das Sie als Kind betraten! Wie wunderbar und wie schön!