Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. August 1908 (Tegernsee)


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Tegernsee, den 2.VIII.08.
Liebe Freundin!
Es ist spät Abends, die Elektrizität der Schreibtischlampe ist schwach, und morgen früh wollen wir nach dem Achensee. Trotzdem muß ich Ihnen noch einige wenige Zeilen schreiben, damit Sie nicht denken, daß ich versumpft bin. Auch möchte ich Sie in den Pfälzer Bergen begrüßen und Ihnen herzlich alles Schöne für den Aufenthalt wünschen, an dem ich trotz seiner Kürze teilnehmen würde, wenn die von Ihnen bevorzugte Zeppelinsche Erfindung schon mehr vervollkommnet wäre.
Ich bin hier andauernd sehr zufrieden
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| und danke dies in erster Linie meinem Freunde Ludwig, der in der Tat ein ausgezeichneter Reisekumpan ist. Seine schöne Erscheinung und sein reizender Humor gewinnen ihm die Herzen, wo er hinkommt, und ich habe teil daran. Freilich kann ich seine lustigen Kneipexkursionen nicht mitmachen. Es geht mir zwar wesentlich besser; aber ich bin noch lange nicht auf der Höhe. Deshalb bin ich sehr vorsichtig; selbst anstrengende Steigetouren muß ich durchaus vermeiden. Die Luft ist gut, aber milde, und animiert nicht gerade zu großen Leistungen. Umso gesünder ist L. für das Gemüt. Sie glauben nicht, wie großartig wir uns auch allein ständig amüsieren, indem wir
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| über Land und Leute, Essen u. Trinken unsern Ulk machen. In diese Umgebung paßte nun Oesterreichs verfinstertes und hochmütiges Wesen wenig. Die zwei Tage, die er hier war, bedeuteten für mich einen Druck, da ich immer fürchtete, er könnte etwas übelnehmen. Überhaupt kam eine weit tiefere Diskrepanz zutage, als ich bisher geahnt hatte. Er schwankt immer mehr zu Nietzsche und leidet unter dem m. E. fürchterlichen Fluch, keine entschiedene Tätigkeit zu haben, durch die er auf Menschen lebendig wirkt. Dies aber ist wieder nur eine Folge seiner hochgradigen psychisch-nervösen Krankheit. Daß ich ebenfalls vor der Reise so weit war, beweist
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| mir Ihr verletzter Brief, in dem Sie sagen, daß Sie "Ihr Kommen bereuen" und "umsonst gesucht haben", was Sie in Ch. zu finden hofften. Es ist schmerzlich zu hören, daß man immer mehr an lebendiger Wirkung verliert, je länger man kämpft. Ich will diese ganze Epoche vergessen; aber wenn ich noch einmal zu der alten produktiven Kraft gelange, so werde ich auch ihre Erfahrungen zu neuen Konsequenzen zu verarbeiten haben. Man lernt allmählich immer mehr, die Zähne aufeinander zu beißen, zu glauben und nichts zu hoffen.
Außer einigen Korrekturen u. der veo - Ansichtskartenschreiberei komme ich hier weder zum Denken noch zum Lesen. Nur das Grundprinzip der Griechenauffassungen ist
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| mir hier klar geworden, u. damit der letzte unerledigte Punkt des Buches. - Ich bleibe bis Freitag, vielleicht sogar noch ein bißchen länger hier, bin dann mit Hahn in München zusammen, der mich mit Bonsels bekannt machen will, und spätestens Mittwoch Abend in Berlin. Bis dahin schreibe ich Ihnen wohl noch einige Male, schreibe aber nur einen Gruß auf die Karte. Donnerstag beginnt mein letztes Schulquartal. Zu Hause liegen über 7 Karten von Schülerinnen. Auch Hermanns Separatabzug, dessen Titel ich noch nicht zu deuten weiß.
Ich bin sehr anspruchsvoll, aber ich möchte Sie dringend bitten, mir
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| von den möglichen 3 Briefen über den Agamemnon wenigstens einen recht ausführlichen zu schreiben. Es war Humboldts Lieblingsstück. An der Übersetzung hat er mehr als 15 Jahre gearbeitet. Sagen Sie mir also bitte, was Sie für Eindrücke gehabt haben, vor allem bezüglich der Schicksalsfrage!
Endlich bitte ich Sie, Nachsicht mit mir zu haben, wenn ich Ihnen - auch jetzt brieflich noch nicht - nicht bin, was ich Ihnen war oder besser sein sollte. Es gehört dazu eine andere u. ruhigere Lebenslage, als ich sie habe. Sie müssen immer denken, daß ich mit Anspannung aller Kräfte kämpfe. Wird es jetzt
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| nichts, so begrabe ich meine Jugendhoffnungen und gehe unter die Resignierten, unter die brotessenden Menschen, wie Homer sagt. Außer Ihnen habe ich keinen, der mir innerlich hilft, und ich habe nicht die Absicht, der Fülle laxer Beziehungen, die ich gerade jetzt mit den meisten Menschen habe, gerade jetzt irgendwelchen Wert beizumessen. Ich werde die nächsten Monate vielleicht mich noch weiter zurückziehen, und darum bitte ich Sie, mir schwesterlich treu zu bleiben, auch wenn es sich nicht lohnen sollte.
Herzliche Grüße an Sie und Ihre Freundin. Viele innige Reisewünsche!
Stets Ihr
Eduard.

Gestern hatte Paulsens Tochter Hochzeit. Ich bin neugierig, ob das junge Paar herkommt. -- Von Frl. Schilplin soll ein Brief zu Hause liegen.