Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. August 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 21. August 1908.
Liebe Freundin!
Für Ihren teilnehmenden Brief danke ich Ihnen herzlich. Es hat mir sehr leid getan, daß Sie wieder erkältet waren; hoffentlich ist das vorüber. Genießen Sie nun die Tage in Cassel ungetrübt! Die eigentliche Sommerreise war doch wohl zu kurz; immerhin hat es mich gefreut, daß sie schön war, und ich habe durch Ihre beiderseitigen Karten dankbar und herzlich daran teilgenommen. Sorgen Sie aber nun für Ruhe des Gemüts und und für fröhliche Spaziergänge mit den Ihrigen. Man muß den Sommer doch nützen; er ist unsre eigentliche Zeit.
Aus der Verzögerung dieses Briefes werden Sie vielleicht schon herausgefühlt haben, daß nicht alles in Ordnung ist. Es steht nicht gut hier, und ich will Ihnen das offen schreiben, einmal und kurz; denn ich rede schwer davon, und ich will nicht, daß Sie sich betrüben. Beides hängt mit männlicher Art einmal zusammen: schweigend sich mit dem Schweren abzufinden. Sie wissen das von Hermann.
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In Paulsen habe ich einen lieben Freund und eine innere Stütze verloren. Ein solcher Verlust heilt nicht; aber man findet sich mit ihm ab. Es wird dabei nicht bleiben. Die Gesundheit meiner Mutter ist schlecht. Herzschwäche, fortdauernde Abmagerung, Husten und Appetitlosigkeit bestehen noch immer. Der Arzt behandelt sie mit Digitalis und Sanatogen. Ich werde, falls dies nichts nützt, auch Levico in Anregung bringen. Seelische Erregungen mögen mitgewirkt haben: mein Zusammenbruch vor den Ferien u. Paulsens Tod gehören dazu. Es kommt weiter dazu, daß mein Vater, der ein sehr gutes Gemüt hat, aber mindestens heutenicht mehr praktisch auf der Höhe ist, nun anfängt, sich Gedanken darüber zu machen, Gedanken, die bei mir längst im Gange sind. Dadurch wird nichts erreicht als eine Vermehrung der Unruhe. Auch sein Alter natürlich bringt gelegentliche Schwächeanfälle mit sich.
Ich stehe also allein in diesem Kampf, und eigentlich doch machtlos, da ich über eigne Mittel nicht verfüge. Auch sonst erklärt mein Vater, daß unsre Verhältnisse eine Vermehrung der Ausgaben nicht gestatten. Hier tritt nun
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| bei mir der Gedanke ein, daß das fehlende Geld eben durch meine Hände gewandelt ist. Ob ich moralisch ein Recht hatte, diese Opfer für meine Ideen anzunehmen, ist für mich eine tragische Frage; es ist, liebe Freundin, wirklich ein Punkt, an dem mir die Welt und meine Existenz jetzt sehr zweideutig erscheint. Aber dieses Grübeln ist ohne praktischen Wert. Es fragt sich, was kann weiter geschehen?
Darauf muß ich ohne Zögern antworten: es kann nichts andres geschehen, als daß ich mein Buch unter allen Umständen bis 1.XI. fertigstelle. Denn 1) gewinne ich damit ein disponibles Honorar von 500 M. 2) bin ich dann frei, um den besoldeten Auftrag der Akademie anzufangen und literarisch einträglichere Dinge zu schreiben. 3) eröffnet es mir eine Zukunft, oder es schließt sie mir definitiv u. weist mich dadurch unverkennbar auf eine andre Bahn. - Hoffen Sie also mit mir, daß Ruhe, Kraft und Gelingen mir noch diese 8 Wochen treu bleiben. Denn einen anderen Weg einschlagen kann ich schon deshalb nicht, weil sonst der Verlag mit dem bereits Gedruckten in Verlust kommt. Es könnte sogar
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| sein, daß ich Sie bitten muß, im eiligen Falle die letzten Revisionen an meiner Stelle zu erledigen.
Des Lebens Frühlingstage sind also vorbei. Aber glauben Sie mir das eine, meine liebe Schwester und Freundin, daß ich innerlich vor diesen großen Aufgaben mit festem Mut stehe. Nur meine Nerven können mich schwach und schwankend machen; meine Seele kann nicht irre werden an dem Glauben, den ich bisher in mir gebildet habe. Denn gäbe ich ihn preis, so würde ich doppelt verlieren. Ich habe die Welt nie anders gesehen, als sie mir jetzt real erscheint. Ich habe nie geglaubt, einen Anspruch auf reines Glück zu besitzen; um so ernster aber will ich streben, glücklich zu machen und andern zu zeigen, daß man bei allem Äußeren innerlich fest bleiben kann; das ist Paulsens Vermächtmis an mich.
Ich werde deshalb zunächst in der alten Weise weiterleben, um mich zum Schaffen fähig zu erhalten; denn das darf ich natürlich nicht einbüßen. Ich weiß, Sie werden mir helfen, und mir öfter einmal schreiben, auch wenn ich jetzt wenig von den Vorgängen des Tages wiederschreibe. Lassen Sie sich durch diesen Brief nicht trübe stimmen, sondern verharren Sie mit mir im alten fröhlichen Glauben. Ich schrieb Ihnen dies alles nur, teils aus brüderlicher Aufrichtigkeit, teils aus gleicher Liebe. Ihr Eduard.