Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. September 1908 (Berlin)


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Berlin, Historisches Seminar.
4.IX.08.
Liebe Freundin!
Ihr letzter Brief verdient wohl, daß ich mehr und Besseres darauf antworte, als das folgende enthalten wird. Aber Sie werden mich auch so verstehen und den Ton innigster Dankbarkeit herausfühlen. Lassen Sie mich daher mit wenigen Worten über die oft unsäglich schweren Stunden der letzten Zeit hinweg kommen.
Ich glaube getan zu haben, was ich konnte. Ich habe mit dem Arzt und, was schwerer war, mit meinem Vater eindringlich geredet. Ich war so weit, daß der letztere sich mit einem Aufenthalt in einem Sanatorium, dann auch mit der Beschaffung eines Mädchens einverstanden erklärte. Das Endresultat aber ist, daß weder das eine noch das andre geschieht, sondern außer der möglichsten Entlastung alles beim Alten bleibt. Es kam bei dieser Gelegenheit zu Tage, daß mir der eigentliche Stand unsrer
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| Verhältnisse verborgen worden ist, aus herzensguter Absicht: ich sollte erst m. Buch noch in Ruhe vollenden können. Ob dieser Weg auch praktisch war, will ich nicht fragen. Jedenfalls folgt daraus, daß von einer Durchsetzung meiner Pläne keine Rede sein kann, und daß ich in einem großen Irrtum war, wenn ich bisher geglaubt habe, ein mich selbst erhaltendes Einkommen von ca 2000 M würde ausreichen. Wie sich das alles gestalten soll, ist noch garnicht abzusehen. Von hier aus wird die Stellung meines Vaters zu den schwebenden Fragen begreiflich, und da alles dies nur aus seiner großen Liebe und Opferwilligkeit für mich folgt, so bin ich nach den schweren Gewittern der letzen Zeit entschlossen, treu und fest zu ihm zu halten, wie er selbst es zu mir tun wird. Diese Klarheit zwischen uns ist der Gewinn des Vorangegangenen. Wir sind auch darüber einig, daß auf keiner Seite eine Schuld oder Verantwortung liegt, sondern daß es uns nur an äußerem Glück gefehlt hat.
Es gehört auch zur Beruhigung meiner
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| Mutter
, daß keine Änderung eintritt. Gegen das Sanatorium war der Arzt selbst. Er konstatierte, daß die Herzschwäche nicht bedrohlich ist, aber eine allgemeine Erschlaffung der Organe vorliegt. Vor allem hat sich der Magen gesenkt. Das wird nun mit Massage und Salzsäure behandelt. Meine Mutter behauptet auf einmal, sich schon erheblich kräftiger zu fühlen, wahrscheinlich um mich zu beruhigen. Mit dieser inneren Ruhe hat es gute Wege. Der Kampf darum ist doch nicht ganz leich;: aber wenigstens ist der seelische Friede unter uns nun wiedergewonnen. Meine Eltern wollen durchaus, daß ich das Buch erst vollende, und ich will mich zwingen, daß ich dazu Kraft habe.
Ich komme auf Ihr freundschaftliches Anerbieten. Ich weiß, daß Sie alles für mich tun würden, auch ohne Worte. Wie Sie sehen, kann ich Ihnen bei der gegenwärtigen Wendung der Verhältnisse keinen Beweis geben, daß ich auch fähig wäre, in gegebener Lage etwas von Ihnen anzunehmen. Im Frühling glaubte ich nicht, daß ich so hart an diese Möglichkeit heranstreifen würde. Aber ich betrachte Ihren Ausspruch
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| als getan und verspreche Ihnen, in gegebener Stunde darauf zurückzukommen, wäre es auch nur zu dem Zweck, daß meine Lage und Bewegungsfreiheit dadurch momentan verbessert würde. Indem ich Ihnen dies schreibe, gebe ich Ihnen den größten Beweis, wie unendlich lieb ich Sie habe.
Ihr Brief enthielt mancherlei Fragen betr. Paulsen u. a. Ich verschiebe diese Antwort auf die nächste Gelegenheit; denn ich habe Kopfschmerzen und bin außer dem Zusammenhang. Mir ist, als würden jetzt alle Brücken zur Vergangenheit abgebrochen: Paulsen tot, alle Hoffnung auf freiere Jahre begraben, mein Freund Zymalkowski nach Persien (- also wieder einer fort) und der Abschied von der Schule, der mir tief, tief an die Seele greift. Wer wird mir das ersetzen?
Und doch gibt es auch wieder kleine Freuden: Wenn es nun gelingt, das Buch bis zum 1.XI. zu vollenden! Dann die Archivarbeit. Und die Steglitzer haben mich, trotz des Defizits im Frühjahr, wieder zu 6 Vorträgen im Novbr. u. Decbr 1 aufgefordert, was ich wirklich als Ehre empfinde.
Aber wie auch alles wanke: wir erneuern den Vertrag, der sich nicht mehr an Daten knüpft . Könnte Ihnen nur ein Brief ausdrücken, wie Ihre Existenz mich in allen Stürmen tröstet und aufrecht hält!
In herzlicher brüderlicher Dankbarkeit. Eduard

[li. Rand] Herzliche Grüße für alle Freunde! Entschuldigen Sie mich, wo man jetzt unzufrieden mit mir ist!