Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19./20. September 1908 (Friedrichshagen)


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Friedrichshagen, 19.9.08
Liebe Freundin!
Es ist heute ein strahlender, sonniger Herbsttag. Ich sitze am Müggelsee und gedenke Ihrer. Es ist eine so wehmütige Abschiedsstimmung an solchen Tagen, und je schöner die Welt, umso tiefer die Traurigkeit der einsamen Seele. Wenn Sie hier wären, wie vor 3 Monaten dort drüben an dem hügligen Ufer, würde mir froher zu Mute sein. Aber über Raum und Hügel finden sich ja unsre Gedanken.
Was noch so niederstimmt, ist natürlich vor allem der Abschied von der Schule. Wie qualvoll mir dieser Gedanke jetzt ist, kann ich
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| nicht schildern. Sonst kann ich Ihnen Besseres berichten. Mit m. Mutter ist es doch etwas aufwärtsgegangen. Sie ißt mit mehr Appetit und hat auch eine Kleinigkeit zugenommen. Mir geht es im Verhältnis zu der geradezu ungeheuren Arbeit ebenfalls zufriedenstellend. Ich lebe sehr rationell, bin fast jeden Nachmittag im Wald und schaffe so durch subtile Einteilung der Arbeit ein Pensum, das an sich ganz unglaublich wäre. Es bestehen die besten Aussichten auf Fertigstellung der Arbeit. Bis zum 1. Kapitel des 5. Abschnitts ist alles druckfertig. 2 weitere sind ausgearbeitet und 2 letzte sind noch auszuarbeiten. Es hängt jetzt im wesentlichen von der
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| Druckerei ab und davon, ob ich so viel Korrekturen hintereinander lesen kann. Mit dem Inhalt der Arbeit bin ich im höchsten Maße zufrieden: sie ist durch und durch ausgereift, so daß von der Beschleunigung nichts zu fürchten ist.
Auch sonst war mir ein Sonnenblick beschieden: der Vortrag, dessen Programm ich Ihnen sandte, war ein förmlicher Triumph. Ich sprach natürlich frei und hatte Gelegenheit, die Gesichter zu beobachten: selten habe ich so durchgängig den Eindruck gespanntester Teilnahme gehabt. Ich gewann so das Bewußtsein meiner starken persönlichen Wirkung wieder, das unter dem Druck des Tages leicht verloren geht. Superintendent, Direktor, Kollegen, Eltern bis zur jüngsten ehemaligen
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| Schülerin waren gleich entzückt. Für mich war es eine schöne Stunde, nachher von den "Ehemaligen" umgeben zu sein, denen man die Sehnsucht nach meinem persönlichen Umgang fast an den Augen ablesen konnte: Elsa v. Henning, Klara Runge, Martha Ruben u. Roding, Käthe Ihlefeldt, Gertrud u. Else Müller. Dann die Eltern Pütter, Schulze, Frau Ihlefeldt etc. Im ganzen ca 150 Personen guten Publikums, nicht Berlin NO.
Die Sonne sinkt, und ich muß weiter, ehe es dunkel wird. Ich weiß nicht, ob ich dem zu Hause noch viel hinzufügen kann. Sie müssen also das, was ich von Ihnen sagen möchte, schon erraten und fühlen. Herzlichen Dank für die Karte aus Hünfeld.
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| Sie bekommen von mir noch 1 Bild u. den Katalog zurück. Ungern gestehe ich Ihnen, daß ich die Blätter v. Frl. Thönes nicht finden kann. Ich habe sie nicht verbummelt. Vielleicht hat eine andre Hand sie beseitigt. Ist dies nicht der Fall, so tauchen sie sicher eines Tages noch auf. Wäre der Verlust sehr unangehnehm für Sie? Das übrige sende ich, wenn es Zeit hat, am liebsten mit dem Rousseau zusammen, der doch nun wohl bald mal erscheinen muß. Einstweilen Adieu!

20.IX.08.
Wie ich geahnt habe, komme ich heute nur dazu, auf diese improvisierten Blätter einen herzlichen Gruß zu setzen. Der Himmel lacht und strahlt, wie gestern. An solchen Tagen macht die
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| produktive Arbeit Riesenschritte! Drücken Sie jetzt nur den Daumen, daß die Druckerei nicht versagt. Ich bin über den Berg.
Ich muß mich dieses konfusen Briefes schämen. Vielleicht sollte ich ihn nicht absenden. Aber wenn auch Sie keine Briefe mehr bekämen (ich schreibe sonst an niemanden) würde man mich am Ende für tot halten, und ich lebe doch gerade jetzt intensiver als je. Lassen Sie mich das also nicht entgelten, sondern schreiben Sie mir Gutes und Schönes von sich, Heidelberg, Frl. Knaps, ev. auch vom "Internationalen Philosophenkongreß". Aber nein, entweihen Sie
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| damit nicht die Blätter, auf die sich unendlich freut
Ihr Sie herzlich grüßender
Unentwegter.
Herzliche Grüße auch von meinen
Eltern an Sie und Frl. Knaps!