Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. September 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 24.IX.08.
Liebe Freundin!
Wieder haben Sie meiner Mutter und uns allen durch Ihr liebes Gedenkzeichen den unerbittlichen Lauf der Jahreszeiten verschönt. Damit Sie nicht wieder unter der Saumseligkeit des Alters zu leiden haben, spreche ich Ihnen umgehend im Namen meiner Mutter und im eignen den innigsten Dank aus. Ich habe aber dabei noch eine besondere Mission. Die Blumen kamen wunderbar frisch an und zieren in vollen Farben als zwei liebliche Sträuße unsern Tisch. Der Kasten aber war völlig demoliert, und in der Öffnung lag lose eine Bernsteinkette. Bei dieser Sachlage sind wir zweifelhaft, ob Sie wie der große Kurfürst im "Prinzen v. Homburg" die Kette um den Kranz
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| geschlungen haben, nach der wir dann wie jener gierig und dankbar greifen würden, oder ob wir zur Post gehen müssen und sagen: "Die Bernsteinkette gib mir nicht!" Für eine sofortige Nachricht wären wir Ihnen herzlich dankbar. -
Und doch gibt es Herbstzeiten, liebe Freundin, Schmerzen, die der Mensch verwindet, aber die ihn tief innerlich verwunden. Vom Schönen zu scheiden, E[über der Zeile] eine Periode abzuschließen, in der man wahrhaft glücklich war, ist unendlich schwer. Mit solchen Gefühlen gehe ich von der Schule. Gestern, bei herrlichstem Wetter, an einem herbstzeitlosen Tage, war die letzte Schulpartie, nach Hermsdorf, Stolpe und Umgegend. Wie stets war es herzerfrischend. Auch diesmal habe ich doch mehrere Mädchen, die mir in herzlichem Vertrauen nahestehen, und gerade diesmal haben wir mancherlei
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| gute Gespräche zu zweien geführt. Die reizendste, genialste und zugleich naivste Natur ist wohl Hedwig Wolter; dann die innige Lucie Fischer, die selbständig denkende, meinen Bildungsideen folgende Erna Ewert, die treue Helene Schulze, die lustige kleine Voß, die tiefen und ernsten Frida Herrmann u. Käthe Müller Auch die liebevolle herzliche Art des Direktors und die Verehrung der meisten Kollegiumsmitglieder tut mir wohl. Die 2. Klasse war auch dabei, im ganzen 70 Personen. Einige Gruppenaufnahmen werden Ihnen unser buntes Bild zeigen. Wandern, Kaffeekochen, Spielen, Verlosung, Singen, Tanzen, Essen - in der Bahn noch Pfänderspiel und Geplauder - es war idyllisch. - Ich weiß, daß ich einen Kreis verliere, in den ich gehörte. Gebe Gott, daß ich einen neuen Kreis wiederfinde: schöner und reiner aber wird er nicht sein. Ich habe den Mädchen etwa
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| 15 Abschiedsgedichte in die Poesiealben geschrieben. Auch diese werde ich Ihnen schicken.
Die andre Angelegenheit steht so: Im Ms sind 23 von 25 Kapiteln absolut druckfertig. Aber die Druckerei setzt nichts. Verleger und ich sind in Verzweiflung. Es ist alles vorbereitet und alles glatt, und es wäre für alle Beteiligten ein unermeßlicher Schade, wenn die Sache daran scheiterte.
Der Rousseau hat eine Verzögerung erlitten. Vor dem 10.X. kommt er nicht heraus.
Sie haben jetzt schöne Tage mit liebem Besuch aus Ch. Bitte grüßen Sie Ihr Frl. Tante vielmals von mir und uns allen! Das mitgesandte Bild stammt wohl aus Hünfeld? Mir ist das Baby daran nicht das Interessanteste. Dieses Alter Kind ist den Männern unzugänglich. Aber aus anderen Gründen habe ich es gern gesehen, obwohl ich leider finden muß, daß Sie nicht gerade ferienerholt aussehen. Cassel war doch wohl kein guter Sommeraufenthalt für Sie.
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| Bleiben Sie mir nicht zu lange im Freien zu dieser Jahreszeit! Und behandeln Sie den Hals recht sorgfältig! Mir dauert die Entzündung schon zu lange! Bitte senden Sie mir auch darüber eine gute Nachricht.
Endlich noch eine Bitte: Ich würde gern in den ersten Oktobertagen einmal allein (ohne Onkel) in den Schönhauser Garten gehen. Können Sie Herrn Fischer davon mit einer Zeile davon verständigen? Ich würde meinen Namen nennen u. mir auch sonst s. Liebe zu erwerben suchen. Die Steglitzer Sache ist noch unentschieden. Die Gemeinde will Paulsen ein Denkmal errichten und das Realgymnasium nach ihm nennen.
Am Montag ist meine letzte Schulstunde; nachm. Abschiedstreffen d. Mädchen, Mittwoch der offizielle Akt.
Bitte schreiben Sie mir doch, wenn die Tante fort ist, etwas von Ihren Schülern u. Schülerinnen, auch von dem im Som
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|mer besprochenen Plan. Margar. Jacobowitz ist jetzt in Heidelberg, wohl in Pension. Vielleicht lernt sie noch einmal bei Ihnen zeichnen! Kl. Runge reist jetzt auf 5 Tage nach Thüringen. Käthe Ihlefeldt bildet sich zur Handelskorrespondentin aus.
Mit allen meinen Freunden stehe ich z. Z. außer jeder Verbindung. Verzeihen Sie die Konfusion. Ich denke gern an Ihre Heidelberger Spaziergänge, grüße alle verehrten Heidelbergerinnen und schließe - weil ich fort muß - mit herzlichsten Wünschen u. nochmaligem Dank von uns allen.
Ihr
Eduard.