Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. Oktober 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 4. Oktober 1908.
Liebe Freundin!
Ihren lieben, heute erhaltenen Brief beantworte ich unter den drangvollsten Umständen. Ich erhalte jetzt täglich 12 - 14 Fahnen (= 24 -28 Druckseiten) Korrekturen, und das geht noch 14 Tage so weiter. Dabei kaltes Blut zu bewahren, ist nicht leicht. Ich möchte Ihnen aber doch kurz über die Eindrücke der letzten Woche berichten, wenn auch manches dabei die lebendige Farbe verlieren sollte, die es hatte.
Der Abschied von der Schule brachte mir so viele innere und äußere Zeichen der Liebe und Verehrung, daß mir der an sich schmerzliche Augenblick dadurch zu einer erhebenden und versöhnenden Stunde wurde. Ich schloß am Montag meinen Unterricht mit kurzen Worten des Abschiedes, die ein tiefes Echo fanden. Die Mädchen weinten; ich selbst war meiner Bewegung nicht ganz Herr. Während ich in das Konferenzzimmer ging, war der Direktor in der Klasse. Er sagte mir nachher, daß mich die Mädchen noch einmal sprechen wollten.
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| Als ich wieder in das Zimmer kam, fand ich Gertrud Uhl aufgelöst in Tränen, eine andere mit einem Glas Wasser vor ihr. Dabei war sie 3 Monate im Sommer beurlaubt, erhielt kein Zeugnis, war in den Leistungen sehr schwach und hatte kaum etwas besonders Freundliches erfahren. Nun kam Erna Ewert vor, u. mit einem seltsamen Gegenstand in der Hand; sie wollte eine Ansprache halten, kam aber vor Tränen nur zu einem abgerissenen Stammeln und überreichte mir einen sehr geschmackvoll in Holzpappe gebrannten Papierkorb. Wie ich hörte, hatten sie, Helene Schulze, Lucia Fischer u. Charlotte Togotzes daran in der Schule manchmal bis Abends 9 Uhr gearbeitet. Das alles rührte mich sehr; denn es war so herzlich und natürlich.
Am Nachmittag war der Abschiedskaffee. Eine reizende blühende Mädchenschar, lauter junge Hausmütterchen. Ich saß fern von den Honoratioren mitten unter meinen besten Schülerinnen. Nach dem Kaffee war Tanz, bei dem ich spielte. Zum Abendbrot gab es Bowle, zu deren Bereitung ich hinzugezogen wurde. Der Direktor sprach sehr hübsch auf die Kinder; ich hielt eine begeisterte Rede auf ihn als den modernen Ritter Georg im Gewande des Idealisten. Die Sache verlief sehr
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| lustig und harmonisch. Man steckte mir den Überzieher meuchlings voll Kuchen, bepackte mich mit Blumen etc.
Am nächsten Vormittag besuchte die Schule die Schiffbauausstellung, woran ich nicht teilnahm. Ich bekam aber eine Karte mit dem Ersuchen, nachmittags zum letzten Spielen im Friedrichshain zu erscheinen. Der Empfang war befangen. Die Ursache zeigte sich bald: ich wurde um Rat wegen eines zu gründenden Lesekränzchens gefragt. Dumm, wie immer, merkte ich nichts, sondern gab einen objektiven Rat. Wir spielten sehr nett zusammen; denn auch im Arrangieren solcher Sachen habe ich mich geübt. Während die anderen Klassen unter [über der Zeile] in einer Polonäse abzogen, kamen meine Freundinnen damit heraus, ob wir nicht noch eine Tragödie (Meeres u. d. Liebe Wellen oder Hamlet) zusammen lesen könnten. Ich versprach "wohlwollende Prüfung" u. Antwort am nächsten Tage.
Am Mittwoch war Schlußfeier. 8 sollten das volle Zeugnis erhalten. Charlotte Bock, eine graziöse, kindliche Seele und Lisbeth Krause hatte ich aus objektiven Gründen nicht retten können.
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| Die acht schwarzgekleideten Gestalten nahmen vorn Platz; mich selbst nötigte man auf den Ehrenplatz neben Frau Direktor. Zahlreiche Eltern hatten sich eingefunden. Die erste Rede galt den abgehenden Schülerinnen, die sämtlich vollkommen fassungslos waren. Hedwig Wolter sang zum Harmonium "So nimm denn meine Hände", mußte aber vor innerer Bewegung in der letzten Zeile abbrechen. Während diese Rede des Direktors zu einseitig auf das Gefühl hinarbeitete, hielt er dann mir eine schöne, ehrenvolle und warme Rede, die in die Worte ausklang: "Edel sei der Mensch etc." Nach einigen Gesängen war Schluß. Ich drückte den Abgehenden einzeln die Hand und suchte sie zu trösten. Rührend war mir die Dankbarkeit der Familie Schulze. Immer wieder kehrten Vater u. Mutter zurück und sagten mir unter Tränen die herzlichsten Worte. Die "Leni" sagte schluchzend, sie hätte mir noch eine Handarbeit gemacht; ob sie mir die geben könnte. Sie brachte mir dann eine mit Birkenmoos sehr hübsch umklebte Ansichtskarte v. d. Schule.
Im Konferenzzimmer wurde mir vom Kollegium u. Direktor noch ein besonderer Abschied bereitet. Sie überreichten mir mit Widmung 3 wertvolle Bücher. Meumann, Vorles. über experimentelle Pädagogik, und Barth, Erziehungslehre. Ich antwortete bewegt
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| mit einigen aufrichtig empfundenen Worten, die wohl nicht ohne Eindruck geblieben sind; denn ich sah in den Augen auch der fernestehenden Damen Tränen. Es gehört zu den Schmerzen dieses Tages, daß eine dieser Seelen ihre Tränen so bald nicht überwinden wird. - Ich hatte vergessen zu erwähnen, daß mir das gute alte Fräulein Ströhmann, die leider seit einiger Zeit krank ist, am Morgen des Tages einen sehr warmen, herzlichen Abschiedsbrief gesandt hatte. -
Unten wartete die 2. Abteilung auf mich. Wie wunderbar spielt oft die Macht der Gemüter: Die arme Gertrud Uhl war immer noch völlig fassungslos; ich glaubte am Druck ihrer Hand zu fühlen, daß sie sich nur mühsam noch aufrecht hielt. Sie hat wohl diese drei Tage fast ununterbrochen geweint, so daß es den andren schon auffiel. Der Abschied v. Frida Herrmann u. Käthe Müller war mir nicht leicht; auch den Wildfang Gertrud Winter habe ich gern gehabt. Gerda Lesser ließ am Nachmittag ihr Bild unverpackt in Briefmarkenformat bei mir abgeben.
Sie werden begreifen, daß mir am Nachmittag, als ich in herbstlicher Dämmerung denselben Weg von Sadowa nach Ravenstein machte, den ich "mit der mir anvertrauten Kinderschar, deren Herzen ich mir in hohem Maße gewonnen habe" (Worte des Direktors) im Frühling gemacht hatte, - daß mir da das Herz unendlich schwer u. traurig war. Aber ich bin ja nicht geschieden. Der Direktor, den ich umso tiefer zu lieben gelernt habe, als ich ihn nur langsam verstehen gelernt habe, bleibt mir nahe. Den Mädchen schrieb ich, daß der Lesezirkel seinetwegen nicht eingerichtet werden könnte, daß ich aber für Partien etc. (worüber später mehr) stets zu haben wäre. Gewiß wird das so bald nicht einschlafen. Hat doch der Musenbund das Direktorium und mich morgen noch zu einer Partie nach Friedrichshagen eingeladen.
Soviel wollte ich Ihnen in rasender Eile erzählen, da ich fürs erste physisch außerstande bin, zu schreiben. So konnte ich auch Hermanns Absatz noch nicht lesen. Deshalb bat ich Sie neulich, mich zu entschuldigen. - Am 28. X. macht Freund Bock Hochzeit, wobei ich Trauzeuge und Gast bin. - Sie erhalten mit der signalisierten Sendung auch die Verse u. die Lieder v. d. letzten
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| Partie zur Ansicht. - Schade daß Sie noch so wenig Stunden haben; aber schön, daß Sie diesen herrlichen Herbst nun genießen können! Ich bin jeden Tag meditierend draußen, u. muß es sein.

6.X.
So geht es: in 2 Tagen keine Zeit zur Unterschrift! Ich füge nur noch hinzu, daß ich 2 sehr nette Briefe von Frau Professor Paulsen bekam, den ersten als Dank für meinen Nachruf, von dem sie sagt, daß auch P. sich darüber gefreut hätte. Außerdem schrieb Professor Fujii aus Tokyo an mich, aus Anlaß v. Paulsens Tod.
Die gestrige Musenpartie war wenig gelungen; ich war der einzige [über der Zeile] Freie von [über der Zeile] neben 3 Parteien, die alle merklich oder innerlich verstimmt waren. Psychologisch war daher d. Tag höchst instruktiv.
Ich höre gern, daß Sie mit Ihrer Gesundheit jetzt zufrieden sind. Bleiben Sie dabei. Meiner Mutter geht es unverändert, also doch auch nicht schlechter. Herzliche Grüße von uns allen auch an Frl. Knaps! Stets Ihr
Eduard Sp.