Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Oktober 1908 (Berlin)


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Historisches Seminar, 29.X.08.
Liebe Freundin!
In dem Augenblick , wo ich meine große Arbeit vollendet habe, wenden sich meine Gedanken mit doppelter Lebhaftigkeit zu Ihnen hin. Lassen Sie uns also die Fäden, die ja nur äußerlich abgeschnitten waren, wieder anknüpfen! Zunächst glaube ich Ihnen einige persönliche Erklärungen über mein Buch schuldig zu sein, über Dinge, die gerade Sie doch nicht auf dem allgemeinen Weg des Drucks erfahren sollen. Es wird Sie nicht wundern, daß ich das Buch dem Andenken Paulsens gewidmet habe. Es war meine Absicht und meine Hoffnung, es ihm
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| selbst zu widmen. Nur mit tiefer Wehmut gestalte ich es nun zu einem sachlichen Nachruf für ihn. Frau Professor hat geäußert, er habe ein Vorwort dazu schreiben wollen; gleichviel, ob das zutrifft oder nicht, glaube ich, daß er sich darüber gefreut hätte. Für mich wird dies jetzt eine Gelegenheit, mich noch einmal öffentlich zu ihm und damit gegen so und so viele andere zu bekennen.
Was den Inhalt betrifft, so denke ich darüber folgendermaßen: Der Grundgedanke ist so gut wie völlig ausgereift, ja er ist überreif, insofern ich den ganzen Standpunkt meinerseits schon als durchlebt betrachte. Darüber nachher. Der Form nach ist alles durchaus centralisiert. Trotzdem hat die Eile einige Breiten und Wiederholungen verursacht, die ich selbst bei der Korrektur
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| störend empfunden habe. Vielleicht aber dient gerade dies der allgemeinen Verständlichkeit. Wenn Sie Zeit haben, es zu lesen, so lassen Sie die Einleitung bis zuletzt. Ich hoffe, Sie kommen dann ohne alle Mühe durch und gewinnen. 1) ein Bild von Humboldt selbst. 2) eine geschlossene Darstellung einer Lebensphilosophie und 3) eine Vorstellung von dem Ertrag meiner Selbstbildung und meiner geistigen Haupttendenzen.
Sie werden in der Vorrede ein Wort des Dankes finden, das nur Sie voll verstehen werden: es ist eine Art Dank an meine Schülerinnen. Vielleicht sollte man derartiges öffentlich unausgesprochen lassen. Habe ich doch den einzigen Menschen, die mir während der Arbeit etwas waren, d. h. meiner Eltern und Ihrer, auch nicht öffentlich gedenken können und wollen*) [Kopf] *) Ich kann die tiefe Teilnahmlosigkeit nicht verschweigen mit der alle m. Freunde abseits gestanden haben. Dies letztere scheut die Ver
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|mischung mit allem irdischen Stoff: es lebt als innere Gewißheit und als ein köstlicher Schatz nur in den verborgenen Tiefen des Eigensten. Der Schule aber konnte ich gedenken, weil sie wie eine freundlich verklärte Landschaft vor mir steht; wie eine liebgewordene Heimat, aus der man fortgeht, deren Bild aber in halb froher, halb wehmütiger Erinnerung an der Seele vorüberzieht. Und noch aus einem tieferen Grunde: Mein Buch ist ein Denkmal meiner Jugend, und es gehört den Jugendlichen überhaupt, mögen sie äußerlich Greise, mögen sie nur für Stunden jugendlich sein. Denn ich schildere hier die ganze positive Seite des Lebens. Die ganze Renaissancestimmung, in der wir uns die Welt mit heroischer Begeisterung aneignen, findet hier ihren Widerhall. Ich glaube an diese Weltanschauung, ich habe sie praktisch geübt und tue es noch,
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| und ich habe den unendlichen Zauber erprobt, den ihr Reflex auf junge empfängliche Seelen übt. Aber ich sagte Ihnen schon: ich bin über diesen Standpunkt lange hinaus. Ich halte ihn für einseitig. Denn ich sehe zu deutlich die Negativität des Lebens, das absolut Unzulängliche, das durch und durch Wertlose. Denn was aufhören kann, was also nicht ewig ist, ist dadurch in sich selbst gerichtet. Alles in uns strebt nach dem Ewigen; dieses unüberwindliche Streben garantiert uns die (in Symbolen) gedichtete Welt, in der die hier gehemmten Werte verwirklicht werden. Mein heutiger Standpunkt also fordert zweierlei: 1) die Kraft zum Glauben an diese unserm Innersten entquellenden Werte. 2) die Aneinanderknüpfung beider Tendenzen: der diesseitigen und der jenseitigen. D. h. aber: alle die Seiten unsres Lebens müssen
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| wir bewerten und pflegen, die eine irgendwie erlebte Beziehung zur Ewigkeit, also einen Ewigkeitsgehalt haben. Je mehr von unsrem wirklichen Leben wir auf diese Stufe [über der Zeile] zu setzen wagen, um so humanistischer sind wir gesinnt. Der protestantische Geist kennt ja eigentlich keine Seite des Daseins, die religiös schlechthin wertlos wäre. Denn als Religiosität bezeichne ich dies Suchen des Ewigen im Zeitlichen, ein Suchen, das nicht dem Verstande gehört, sondern der ganzen inneren Kraft. Und damit sage ich nur in anderen Worten, was Eucken einseitig, aber energisch zum Prinzip erhoben hat.
Dies alles hätte ich an Humboldt vielleicht noch mehr hervorheben sollen; denn auch er hat diese Entwicklung durchgemacht; aber es ist wenigstens angedeutet.
Von meinem äußeren Leben ist nur wenig zu berichten. Ein reizender Tag war die Partie mit der zuletzt abgegangenen Abteilung. Diese hat sich als "Bund der schönen Seelen" aufgetan. Sie haben m. Rat gesucht, und ich habe ihnen manchmal geschrieben. Auf m. Vorschlag arrangierten sie nun eine Kaffeepartie, u. zwar so
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| geschickt, daß außer mir kein andrer als "Seelenführer" mitkam. Keine Partie hat von der dadurch gegebenen Freiheit den mindesten Gebrauch gemacht; im Gegenteil: die Mädchen [über der Zeile] (es waren 7 von 10) waren fast noch naiver und unbefangener als sonst. Aber die Stimmung war doppelt schön, u. ich mußte von neuem bewundern, wie der Direktor trotz seiner guten Absicht dies allemal verdirbt (vergleichen Sie die letzte Musenpartie.) In Paulsborn tranken wir Kaffee. Dann ging's in der Herbstdämmerung an den Seen entlang. In der Neuen Fischerhütte wurde noch einmal eingekehrt. Schließlich wanderten wir in totaler Finsternis bis Nicolassee.
Bald darauf war ich vorm. in der Schule. Sie verstehen mich, wenn ich Ihnen sage, daß mir das das Herz abbrechen wollte. Am liebsten wäre ich gleich wieder dageblieben. Ich glaube doch nicht, daß ich auf die Dauer mit ohne Kinder auskomme. So was wie beiliegender Zettel ist dafür kein Ersatz. Der Direktor soll übrigens den Unterricht sehr schwer gestalten, sehr streng urteilen und ungeheuer viel aufgeben. Die "Seelen" sagten mir, für mich hätten sie immer am wenigsten zu
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| tun gehabt(!), und mancher Fehler meiner allzu liberalen Methode ist mir doch durch diese Gespräche u. die Erzählungen der jetztigen 1. Abt. klar geworden.
Bis gestern habe ich noch scharf an den Korrekturen gearbeitet; einmal mit Löwenthal am Register sogar bis tief in die Nacht. Statt der Erholung feierte gestern Georg Bock Hochzeit. Vorm. Standesamt. Nachm. im Automobil Berlin, E Friedenau (Kirche) bis Lichterfelde. Dabei der angenehme Zwischenfall, daß m. Dame, sehr nett, aber mir ganz fremd, im Wagen einen epileptischen Anfall oder eine Art Aussetzen der Geisteskräfte bekommt, halten, läßt, herausspringt. etc. Nachher wieder normal, ohne Erinnerung an das Vorgefallene. 2 Uhr Heimkehr! - heute Beerdigung. Nun etwa 3 Tage Ferien.
Frau v. Sydow, Humboldts Urenkelin, sandt mir mit liebenswürdigen Worten den 3. Bd. der Briefe Wilhelm-Caroline. (1808-1810.) Nohl s. Habilitationsschrift: "Weltanschauungen der Malerei". - Hahn hat den Größenwahn; betrachtet sich als Reformator, u. die Arbeitenden, incl. Eucken, als bedauernswert Mißleitete. - Was ursprüngl. Scherz war, tritt nun ein: Sie erhalten Rousseau u. Humboldt zugleich, die ungebundenen R. - Exemplare habe ich als Abschiedsgeschenke verwenden müssen. <li. Rand> Die gebundenen sind noch nicht da. Verzeihen Sie, daß ich nur von mir gesprochen habe. Ich habe <Kopf> kein Papier mehr hier. Darum nur noch innigsten Gruß Ihr E.
[re. Rand,S.5] Marg. Jacobowitz ist vis à vis der Univers. in Pension. Sie müssen Sie erkennen:<Pfeil> [Kopf] die <ein Wort unleserlich>, die <ein Wort unleserlich>, die wird sie nicht mehr los!"

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Einleitung: Begriff und systematische Bedeutung der Humanitätsidee.
1. Abschnitt: Zur Charakteristik und Entwicklungsgeschichte Humboldts
1. Kapitel: Die Hauptphasen der Entwicklung.
2. " Die geistige Konstitution.
3. " Der Universalist.
2. Abschnitt: Erkenntnistheoretisch-metaphysische Grundlagen.
1. Kapitel: Humboldt als Kreativer
2. Kapitel: Die "Chiffreschrift der Natur."
3. " Humboldts Metaphysik der Natur und ihre Fortbildung im Sinne der Identitätsphilosophie.
4. " Das dreiteilige System der Humanität im Umriß.
3. Abschnitt: A. Die Psychologie.
1. Kapitel: Die methodische Begründung der Charakterologie.
2. Kapitel: Historisches Bewußtsein und Geschichtsphilosophie.
3. " Das Problem des Geschlechtsgegensatzes.
4. " Die religiosen Anschauungen.
5. " Die Politik.
4. Abschnitt: B. Die Ästhetik.
1. Kapitel: Verhältnis zur Kantischen Ästhetik.
2. " " " Schillerschen "
3. " Grundlinien von Humboldts eigner Ästhetik.
4. " Die ästhetische Struktur des Geistes.
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| 5. Abschnitt: C. Die Ethik:
1. Kapitel: Verhältnis zur Kantischen Ethik.
2. " Die Humanitätsidee.
3. " Die Griechenauffassung.
4. " Historischer Überblick über die Entwicklung des Neuhumanismus.
5. " Die Pädagogik.
Schluß: Praktische Verwirklichung der Humanitätsidee im Amt.