Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. November 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 18. November 1908.
Liebe Freundin!
Endlich ist nun die Sendung vollständig, und es kommt zu Ihnen, was ich in keinen Händen so gern weiß, wie in den Ihren. Ich hoffe und bitte Sie herzlich, den Humboldt zu lesen; er ist ganz leicht geschrieben, und Sie werden manche vertraute Zeile, manch persönliches Bekenntnis, ja ich denke: Sie werden auf jeder Seite mich selbst finden. - Außerdem kommt nun hier Ihr schönes Bild (die Waldwiese), der Katalog, den ich leider niemals benutzen konnte, zwei Serien Schulbilder und ein Papierkorb voll Gedichte, (dies beides freundlichst zurückerbeten); der Rousseau macht den Schluß. Sie werden mir sagen, ob ich etwas vergessen habe.
Für Ihren lieben Brief danke ich herzlich. Das Befinden der verehrten Tante Therese hat mich sehr beschäftigt; ich fühle mit Ihnen, wie Sie um sie besorgt und unruhig sind. Und doch ist es eigentlich schon ein Glück, wenn wir nicht
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| leiden sehen. Denn das qualvolle Gefühl unsrer Machtlosigkeit muß uns ja gerade den Krankheiten des Alters gegenüber tief niederdrücken. Aber Sie schreiben im letzten Brief, daß es besser geht, und ich hoffe, aus Cassel direkt zu hören, daß Sie Ihre Tante von dem Anfall gänzlich erholt wiedergefunden haben.
Sie haben nun wieder mehr Tätigkeit; die kleinen Russinnen sind immer besonders niedlich. Sie werden Ihre Freude an ihnen haben. Weil Sie neulich von Kerschensteiner schrieben, ließ ich mir das Buch von Paulsens zeigen. Wir haben es genau durchgeblättert; ich finde es höchst interessant und lehrreich. Unendliche Befruchtung des Unterrichts muß von hier ausgehen, obwohl ich ein Umschlagen in das Extrem bereits leise zu fürchten anfange. Wenn ich einmal in Heidelberg bin - welche Sehnsucht - weckt dieser Gedanke! (Im diesjährigen Sommer ist ein großes Loch) - möchte ich es mir genauer ansehen, oder Sie schicken es mir vielleicht später einmal. - Über Dante bin ich Ihrer Meinung: ich hatte das Buch in Tegernsee und las einige Abende mit Genuß darin. Aber die innere
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| Ruhe, um sich diesen großartigen Bildern ganz zu erschließen, fand ich nicht und werde ich wohl erst spät finden.
Ihre Philosophie kann ich nicht zu der meinen machen. Diese Unendlichkeit ist nichts Unendliches und Ihre Ewigkeit ist nichts Ewiges. Man kann damit nicht leben. Nur wer ernsthaft über dieses Leben hinausgeht, steht mit voller Sicherheit in ihm. Sie geben dieser nichtsnutzigen Schattenwelt zu viel Realität; sie ist nichts als Gleichnis, nur Mittel und Sprache zum Ausdruck höherer, lichtgeborener Wahrheiten, und diese meinen auch Sie, obwohl Sie über den Standpunkt des Symbols nicht hinauskommen. Es ist sehr merkwürdig, daß ich hierin mit Hermann weit eher ein Bündnis schließen könnte, als mit Ihnen: Hegel hat ganz recht, wenn er die Wahrheit der Vorstellung nur als untergeordnete gelten läßt. Ich habe jetzt mit Hermann korrespondiert. Seinen Brief finden Sie in der kleinen Sammlung, die ich zur Ansicht beifüge. Um Weihnachten hoffe ich ihn zu sehen.
Vor 10 Tagen ging es meiner Mutter wieder sehr schlecht. Ich habe mit aller Energie erreicht, daß
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| der Husten mit Umschlägen behandelt wurde, die vor Jahren einmal sehr gut gewirkt haben. Der Erfolg war, nachdem ich diese Umschläge etwa 4 mal gemacht hatte, derartig, daß ich glauben darf, der chronische Bronchialkatarrh wäre schon im vorigen Winter verhütet worden, wenn es mir damals gelungen wäre, die Hartnäckigkeit meiner Mutter zu überwinden. Der Schwächezustand bleibt aber fortdauernd bedenklich. Ich habe innerlich wieder sehr schwere Tage durchlebt. Die Sinnlosigkeit unsrer Lage, von der ich ungern rede, quält mich oft tief. Ich habe aber dabei gelernt, daß es sittliche Konflikte gibt, aus denen es keinen Ausweg gibt und die in sich unlösbar sind; man kann nichts anderes tun, als sich in denjenigen Seelenzustand stimmen, den wir religiös als Vorsehungsglauben bezeichnen. Mit Quietismus hat das nichts zu tun. Aber schweigen wir davon; besser ist es, einmal Auge in Auge darüber zureden. - -
Reuther macht viel Reklame für den Humboldt; ist er nicht schön gegen Diederichs' Spottgeburt? Sie erhalten ihn einen Tag verspätet, weil dieser Brief beigefügt werden sollte. Von auswärts, wo der Verleger direkt hingeschickt hat, habe ich schon sehr schöne Briefe, so von Eucken, Leitzmann,
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| Kügelgen, auch von Knauer. Ich sammle die Briefe und schicke sie Ihnen später. Hier nur die Liste der Empfänger: Paulsens, Frau von Sydow, Heinrich Scholz, Stumpf, Riehl, Erich Schmidt, Hintze, Lenz, Wilamowitz, Schmoller, Troeltsch, Ministerium und endlich - Dilthey zu seinem morgigen 75. Geburtstag. Wissen Sie noch, wie wir vor 5 Jahren seinen 70. feierten? Und Paulsen ruht in der Erde.
Beim 2. Vortrag in Steglitz war das Knauersche Kollegium mit 5 Damen vertreten; außerdem Ziertmann, Klara Runge mit Mutter, Frl. Paulsen, im ganzen ca 70 Personen. Heute fällt des Bußtags wegen aus. Die jetztige 1. Klasse hatte mich am 10.XI zur Schillerfeier eingeladen. Die Aufführungen waren ästhetisch unmöglich, aber psychologisch und menschlich war dieser Besuch im alten Schulreich wieder reizend. - Zum 30.XI. ladet der Musenbund ein.
Ich hätte wohl noch mancherlei zu schreiben: es regen sich jetzt in mir wieder freiere Pläne: Pädagogik, der Beethovenvortrag etc. geben
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| neuen Stoff. Was soll ich auch tun, bis das Ministerium mich zum ao. beruft? - Aber ich habe heute noch so viele Briefe zu schreiben, daß ich diese Begleitzeilen leider schließen muß. Nur noch einen besonders herzlichen Gruß für Frl. Knaps, der ich mein innigstes Mitempfinden für den 6 wöchentlichen Logierbesuch auszusprechen bitte.
Ruska, der die Redaktion des "Pädagog. Archivs" übernimmt, hat mir ein paar Mal wegen Mitarbeit sehr liebenswürdig geschrieben. Teilen Sie mir doch mit, ob Rousseau u. Humboldt in den Fenstern erscheinen.
Herzliche Grüße von uns allen und besonders von Ihrem
Ihnen innig zugetanem
Eduard.

Den Brief v. Hahn habe ich noch nicht beantwortet; ihn erbitte ich zuerst zurück.