Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Dezember 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 20. Dezember 1908.
Lieber Freundin!
Dieser Brief ist nur deshalb so lange aufgeschoben worden, weil eine unglaubliche Menge zu berichten ist. Ich fühlte mich in der letzten Zeit schwach und mißgestimmt, so daß weder Kraft noch Laune zum Schreiben sich finden wollten. Dafür rückt nun diese Nachricht ganz nah an den Weihnachtsbrief heran. Wie würde ich mich freuen, wenn ich Sie noch vor der Abreise erreichte und so die Fahrt nach Cassel mit Ihnen gemeinsam machen könnte. Also will ich eilen, meine Novitäten in guter Ordnung auszukramen.
Zunächst die Steglitzer Vorträge. Sie haben mir diesmal viel Freude gemacht. Abgesehen von einem Tage, wo schlechtes Wetter war, hatte ich jedesmal mindestens 100 Hörer, darunter gute alte Bekannte. z. B. immer 5 Kolleginnen aus Berlin NO. Am Mittwoch schloß ich mit Beethoven, den ich an einem tieferen Punkte aufgefaßt zu haben glaube als bisher. Man hatte mir das Pult mit 6 schönen
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| Rosen geschmückt. Ich illustrierte meine Darstellung durch Vortrag des 1. Satzes der 5. Symphonie auf dem Flügel. Nachher fand ein gemütliches Zusammensein statt, das wieder recht hübsch war. Beweis: der Registrator (alias Ernst Loewenthal), Dipl. ing. Ebeling, eine mir sympathische neue Erscheinung, und der Vortragende Herr Ich waren um ½ 3 Uhr zu Hause. Der Verein hat das Defizit des vorigen Winters völlig gedeckt, eigentlich durch die von mir ausgehenden praktischen Ratschläge. Ich hatte diesmal 15 M pro Abend gefordert. Man ging aber über die 90 M auch nicht hinaus. Die Mühe war trotz des bekannten Stoffes recht groß. Denn da ich jetzt absolut frei spreche, (d. h. ohne Benutzung selbst einer schriftlichen Disposition), so mußte ich mich natürlich mindestens tags zuvor schon in den Gegenstand innerlich einleben. Der Erfolg war dann freilich auch eine sehr starke persönliche Wirkung, eine Aufmerksamkeit, die rückwirkend den Redner wieder begeisterte. Und denken Sie die Ehre: selbst die Töchter des kaiserlichen Adjutanten Exc. v. Jacobi (Nachkomme von F. H.)
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| gehörten zu meinen Zuhörern!!
Vom Erfolg des Buches läßt sich Definitives noch nichts sagen. Bis jetzt habe ich den Eindruck, daß es niemand liest, viele schätzen und wenige kaufen. Von einer eigentlichen Kritik war bisher nur bei Borchardt die Rede, und die erschien meinem Gefühl, offen gesagt, lau. Es gehört aber zu seinen guten pädagogischen Eigenschaften, daß er das Negative andauernd betont, das Gute selbstverständlich findet. Doch habe ich mindestens einen großen, mich innig beglückenden Erfolg zu verzeichnen;
Die Versöhnung mit Dilthey.
Er erhielt Buch und Brief von mir an seinem 75. Geburtstag. Wenige Tage darauf erhielt ich mit liebenswürdigen Worten eine Einladung zum Tee in s. Wohnung im Grunewald. Es war mir ein eignes Gefühl, ihm nach 6 Jahren wieder persönlich gegenüberzustehen. Er war ganz der Alte, eher frischer! Wie damals, bestritt er alles, zum Schluß sogar den Titel. Aber ich kenne ja jetzt diese Art, und verstohlen klang ein persönliches Interesse hindurch. Er hatte natürlich das Buch noch nicht gelesen; sagte aber, er würde im Zusammenhang seiner eignen Arbeiten
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| hineinsehen und hätte auch meine "Grundlagen" s. Z. gelesen. Frau Geheimrat, Tochter und Sohn zeigten sich in unvergleichlicher Liebenswürdigkeit, als Meister freien geselligen Tones, und so verbrachte ich im engsten Kreise mit diesen 4 geistvollen Menschen einen mir denkwürdigen Abend. Es hat etwas für mich tief Ergreifendes, am Ende seines Lebens diesem Mann, der so tief auf mich gewirkt hat, noch einmal gegenüberzustehen. Sein Tiefsinn wirkte mit alter Kraft auf mich.
Am nächsten Morgen war ich schon wieder bei einem Inhaber des Ordens pour le mérite, bei Wilamowitz, der mir die erbetene Unterredung herzlich bewilligte und mir gleichzeitig seine als Manuskript gedruckte Denkschrift von der Schulkonferenz 1900 übersandte. Er empfing mich mit offener, jugendlicher Liebenswürdigkeit. Leider kann ich Ihnen den Inhalt all dieser Gespräche ja nicht mitteilen. Nur soviel erwähne ich, daß seine Schlußworte mir Mut zur Habilitation machten, und daß er mich mit den Worten verabschiedete: "Lassen Sie uns die freundschaftlichen Beziehungen aufrecht erhalten."
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Riehl schrieb mir einen freundlichen Brief, in dem er als Zukunftsziel die Vereinigung der beiden Gegensätze: des realistisch werdenden Humanismus und des humanistisch werdenden Realismus hinstellte, den gleichen Gedanken, den er wenige Tage darauf in der "Vereinigung der Freunde des humanistischen Gymnasiums" entwickelte, der Vater Scholz präsidierte und nach der ich die denkwürdige Ehre hatte, mit Sr. Excellenz dem Herrn Kultusminister a. D. v. Studt gemeinschaftlich in den Keller zu geraten.
Stumpf schrieb eine nichtssagende Karte; sehr freundlich hingegen der Ministerialrat Matthias, ebenso Frau v. Sydow. (Aus deren Briefen, meinem Buch, Bismarck u. Goethe hatte der alte Dernburg am Totenfest einen merkwürdigen Artikel im Berliner Tageblatt zusammengekocht.)
Persönliche Gespräche führte ich mit Erich Schmidt u. Lenz. Beide hatten natürlich noch nichts gelesen; aber der letztere entwickelte mir sehr interessante Ansichten über Humboldt und die Art, wie er die Universitätsgeschichte schreiben will. Die
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| Jubiläumsfeier soll nach ihm Oktober 1910 stattfinden.
Sonst aber ist noch nichts erfolgt, und meine Lage ist schwankend, ja eigentlich unbefriedigender als zuvor, wo ich wenigstens bestimmte Ziele hatte. Die beiden Ministerialdirektoren haben auf mein Buch und die Eingabe, in der ich um "Berücksichtigung bei Lehraufträgen, akademischen Berufungen und Arbeiten auf dem Gebiet der wissensch. Pädagogik" ersuchte, noch mit keiner Zeile geantwortet. Zur Habilitation fehlt mir das Geld. Jetzt noch das Oberlehrerexamen zu machen, kann mich auch die dringendste Notwendigkeit nicht veranlassen. Es würde [über der Zeile] jetzt meinen ganzen Lebensmut brechen (wie es s. Z. ihn wohl gestützt hätte) und meinen Stolz vernichten. Ich muß also bei der Wahl meiner jetzigen Arbeiten allein auf die finanzielle Einträglichkeit bedacht sein. Wie schwer es ist, als vornehmer Mann literarisch anzukommen, beweisen mir die Fülle mißglückter Versuche, die ich in den letzten Wochen gemacht habe. Es ist bisher nur folgendes geschehen: 1) habe ich - schon vor dem Nobelpreis - einen Artikel über
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| Eucken bei der Frankfurter Zeitung angebracht. Es war die 4. Stelle, an der es mir endlich gelang. 2) habe ich Ruska, der mich um Mitarbeit an dem von ihm redigierten "Pädag. Archiv" gebeten hatte, einen größeren programmatischen Artikel geschickt. 3) habe ich ein ständiges Referat für die histor. Zeitschrift (die vornehmste) angenommen, in dem aber nur 100 M jährlich höchstens drinliegen. 4) habe ich nach Rücksprache mit Er. Schmidt und Koser die Archivarbeit für die Akademie begonnen, eine qualvolle, langweilige, tote Sache, die um so niederdrückender ist, als das Archiv so nahe dem Orte liegt, wo ich 2 ½ Jahre in frischer, jugendlicher Lebendigkeit glücklich war, und als Humboldts Handschrift so unleserlich ist, daß ich oft 10 Minuten erfolglos mit der Lupe über einem Wort rate. Man hat sich nicht getraut, mir etwas Bestimmtes anzubieten, sondern eine Pauschalsumme in Aussicht gestellt. Aber ich habe das Gefühl, daß ich innerlich unter dieser Arbeit Schaden nehmen werde.
So liegen die Dinge. In mir freilich liegen auch neue Ideen, neue Studienpläne etc. Aber noch
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| komme ich höchstens zum Recensieren.
Es bleibt mir nur noch übrig, von der Schule zu erzählen. Eine Partie mit 4 Musen verlief verhältnismäßig reizlos. Die Heidelberger Muse Grete Jacobowitz sandte mir eine Karte mit dem dicken Turm (Anspielung?). Sie ist im Pensionat Bermann, Ludwigsplatz 18. Der Direktor erwies sich dauernd sehr liebevoll gegen mich. Einmal hat er mich in die Fortbildungsschule seines Freundes Hellermann geführt und dort 4 Stunden mit mir hospitiert. Leiter und Anstalt machten einen großen Eindruck auf mich. Morgen ist die Weihnachtsfeier in NO. - Konnten Sie in meine Seele sehen, so würden Sie dort die große Leere noch unausgefüllt finden, die der Abschied in mir gelassen hat; ja der Zustand hat sich eher verschlimmert; denn es fehlt mir jetzt jede bestimmte Tätigkeit und jede bestimmte Wirkung. Ich warte passiv auf eine Wendung des Schicksals, das mich so kurz vor dem Ziel aufs neue in Ungewißheit und Sorgen zurückschleuderte. Auch fehlt mir hier jeder Freund. Die Beziehungen zu Ludwig liegen infolge seiner fortgesetzten Gleichgiltigkeit im Sterben. Oesterreich ist zu sehr Konkurrent, um mir innerlich wohlgesinnt zu sein. Ich habe jetzt
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| nur noch die Familie Scholz.
Jetzt habe ich wohl von mir genug erzählt, und nur die Tatsache, daß ich so lange im Rückstand war, kann diese Einseitigkeit entschuldigen. Sie müssen danach nicht die Freude und Sehnsucht bemessen, womit ich Ihre Briefe erwarte und empfange. Sie sind doch das einzige Licht in dieser Dezembernacht. Daher freut es mich, daß Sie zufriedener sind. Schreiben Sie mir doch bald von der kleinen Russin und von Ihren Eindrücken und Erfolgen in Mannheim. An Ihrer Fahrt auf den Königstuhl habe ich in Gedanken teilgenommen; wenn man sich doch hier auch innerlich und äußerlich über den Nebel erheben könnte. Ich bin nie ganz frei und froh. Sie wissen weshalb.
An Hahn und Bonsels habe ich noch nicht wieder geschrieben. Ihr neuer Roman: "Aimee, die Abenteur einer Tänzerin", ein nichtsnutziges, sittenloses Produkt, hat mich abgestoßen. Der wahrhaft bedeutende Mensch kann nichts ganz Wertloses machen. Ich schicke ihnen auch meine Schriften nicht.
Schreiben Sie mir bitte bald eine Karte, ob Sie in Cassel gut angekommen sind und wie
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| Sie Ihr Frl. Tante fanden. Am Mittwoch vorm. hoffe ich mit Hermann kurze Zeit zusammenzusein. Reden Sie doch mit ihm darüber, weshalb wir ihn nicht die Nacht während seiner Durchreise bei uns beherbergen konnte. Und grüßen Sie alle Ihre Lieben vielmals!
Bei Gelegenheit sagen Sie mir auch, ob Sie im Humboldt Lebenswerte gefunden haben. Ich möchte endlich einmal hören, ob ich diese Jahre hindurch ein fruchtbares Feld beackert habe, oder ob ich in meiner Einsamkeit in die Irre gegangen bin. Reuther ist krank. Das Buch scheint wirklich zu keiner günstigen Stunde erschienen zu sein.
Sie erhalten noch einige wenige Zeilen von mir zum Fest. Heute nur noch die herzlichsten Wünsche für Ihre Gesundheit und für frohe Eindrücke in Cassel. Werden Sie nicht Frau Ada Weinel einmal in Jena besuchen? Es ist zwar wenig Aussicht, daß ich auch hinkommen könnte, aber wie lange hofft man nicht gern! - Herzlichste Grüße von uns allen. In Treue u. Dankbarkeit Ihr Eduard.