Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Dezember 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 23.XII.08.
Liebe Freundin!
Sie werden inzwischen die kleine, nur allzu bescheidene Sendung erhalten haben, durch die ich Ihnen meinen Weihnachtsgruß übermitteln wollte. Ich lasse heute noch ein paar Zeilen folgen, um Ihnen zu sagen, daß ich in diesen Festtagen mit herzlichen Wünschen bei Ihnen bin. Wenn es Ihnen so geht wie mir, so werden Sie in dieser Zeit nicht eigentlich froh sein können. Möge Ihnen aber doch jeder schmerzliche Eindruck fernbleiben und Sie im alten Kreise Ihrer Lieben ein lieber Geist der Heimatlichkeit umfangen!
Das Buch von Nohl wird Ihnen
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| vielleicht wie mir interessant sein. Ich unterschreibe es keinesfalls ganz, ja ich finde eine Neigung zu leichtsinniger Spielerei darin; aber ich halte es für geistvoll und ausgezeichnet geschrieben.
Im Fontane finden Sie wohl einiges, was Sie nun mit mir gemeinsam sahen. Ich bitte Sie, der Mark so freundlich zu gedenken wie ich des Neckartales. Gerade im letzten Jahre habe ich doch wieder erfahren, wie tief das Beste in mir mit der märkischen Landschaft verbunden ist. Sie hat mich erfrischt und erfreut, wenn die durchgängige Nullität meiner Umgebung mich einsam machte. Ich habe aus diesem ästhetischen Bilde, in dem Stadt und Land seltsam in einander übergehen, Kraft und Liebe gesogen, wenn die Schwere der letzten Lebensereignisse mich nieder
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|drückte. Und mit Sehnsucht erwarte ich den Tag, wo der Frühling mir dies alles neu belebt. Freilich, er muß diesmal ein ganz neues Leben bringen. Denn Menschen und Dinge haben ihr Ansehen in meinem Geiste geändert, und vieles habe ich hinter mich geworfen oder werfen müssen. Was ich mit in die ungewisse Zukunft hinübernehme, sind einige wenige Menschen, die ich liebe, weil sie es verstehen, innerlich mit mir zu leben, und einige, die mich nicht verstehen, die aber an mich glauben. Wer nicht zu einer von diesen beiden Kategorien gehört, für den ist meine Persönlichkeit verschlossen. -
Inzwischen wird mein ausführlicher Brief von Heidelberg Ihnen nachgekommen sein. Darin stand bereits die Antwort auf Ihren lieben Reisebrief. Diesmal tun
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| Sie der Münchner Firma Unrecht. Sie stehlen wohl (d. h. demjenigen Zeit, der den Roman liest), aber sie betrügen nicht, nicht einmal sich selbst, da sie ihr Opus wohl selbst für platt erkennen. (Die Schreibfehler die mir unterlaufen, nötigen mir selbst an diesem finsteren Tage ein Lächeln ab.)
Am Montag war die Weihnachtsfeier in der Schule. Es war mir ein beglückendes Gefühl zu bemerken, daß ich für meine ehemaligen Schülerinnen noch immer ein Mittelpunkt der Liebe und Verehrung bin. Es ist mir immer, wenn ich dorthin komme, als wäre ich in meiner Familie. Denn bei uns wird es stiller und stiller. Aber wie lange wird jene schöne Verbindung noch dauern!
Hermann wird Ihnen erzählt haben, daß wir heute 2 Stunden zusammen waren. Hoffentlich ist er glücklich angekommen. Nun verleben Sie zusammen ein schönes Fest und empfangen Sie nochmals von uns allen die herzlichsten Wünsche und Grüße. Auch einer Ihrer Brüder, <li. Rand> wenn er auch nicht unter dem Weihnachtsbaum ist.