Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Dezember 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 28.XII.08.
Liebe Freundin!
Die endlose Reihe der Feiertage ist vorüber, und indem ich sie noch einmal Revue passieren lasse, erscheint mir als der eigentliche und einzige Glanzpunkt Ihre Sendung. Die liebevolle Sorge für mich, die daraus sprach, empfinde ich als ein volles und reines Glück. Sie hatten alles – ich möchte sagen: so individuell verpackt, daß jede Gabe ihre eigne Sprache redete, tausend Erinnerungen und tausend Beziehungen weckte, und mit tiefem Dank empfand ich von neuem, daß ich auf die Gemeinsamkeit unsres Lebens bauen darf.
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| Wie schön verstehen Sie es, für dies alles immer wieder neue Kunstformen als Ausdruck zu finden. Jedes erzählt seine eigne Geschichte; und wenn ich zwei Lesezeichen verwende, um in den Annalen unsrer Freundschaft die schönsten Stellen, den Sommer 1903 und den Sommer 1908 festzuhalten, so bleibt mir eines übrig für den noch ungelesenen Teil; lassen Sie uns hoffen, daß wir bald und glücklich ein Kapitel "Weimar" mit einander erleben! Bei der Betrachtung des wundervollen Tintenfasses freilich mußte ich daran denken, daß z. Z. weniger mein Freund "Kügelchen", als ich selbst in der Tinte sitze. Aber es soll ja wohl keinen eigentlichen Herbst geben. Ich will mich bemühen, daß diese Grundlage des Tintenfasses auch zu meiner Lebensgrundlage werde. Wenn ich es benutze,
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| so soll jedes Eintauchen der Feder ein Versenken in die Gewißheit sein, daß aus Ihrer Treue mir Schaffenskraft und Lebensmut entspringt. Nehmen Sie also den innigsten Dank für die Verschönerung des Festes, die Ihr unversieglicher "Kunstsinn" mir wiederum bereitet hat!
Auch das Materielle habe ich mit Dank empfangen: die bekannten und beliebten Schloßbiskuits und das Feuerwerk, das ich nach Vorschrift behandelt habe: merkwürdig, auch ich habe immer für diese Art Schwärmer geschwärmt!
Die Skizzen muß ich noch wiederholt betrachten, sie gefallen mir ganz besonders gut; ich finde sie weit lebendiger in der Farbe als sonst, fast habe ich den Eindruck: lebensfreudiger. Möge ich doch richtig gesehen haben! Welch klare, durchsichtige Luft über Parpan, und welch
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| frohes buntes Blühen auf der anderen! Eilt es sehr mit der Rücksendung? Sonst schicke ich sie bald nach Neujahr mit den Photographien und Briefen. Wer ist der Herr, der im Steinbruch mit Ihnen triumphiert? Gewiß ein Jurist? Schade, daß allzuviel Landschaft die Figuren beinahe zur Staffage herabdrückt. Darüber lesen Sie vielleicht einmal etwas Bezeichnendes im Nohl. – Auch die Briefe habe ich mit herzlicher Teilnahme gelesen. Ihr Bruder Kurt hat eine reizende Art zu schreiben; Hermann merkt man immer den schwermütigen Denker an. Ich freue mich, durch alles dies an Ihrem Leben wieder einmal teilgenommen zu haben, und auch jetzt weilen meine Gedanken in Ihrem Kreise in Cassel und grüßen Sie herzlich. – Dank zum Schluß auch noch für die Rücksendungen; was muß Ihnen dies Paket für Mühe gemachte haben!!
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|Soll ich von uns und unsrem Fest reden, so wird mir das Herz schwerer. Viel lieber male ich mir aus, daß Sie Ihre Tante so gut, ja besser gefunden haben, als Ihr Bruder berichtet. Nehmen Sie selbst meine herzlichsten Wünsche und sprechen Sie sie auch der verehrten Dame in meinem Namen aus, die mir um Ihretwillen unendlich teuer ist und an die ich seit jener kurzen Begegnung 1904 noch oft gedacht habe. Sagen Sie ihr, daß ich mich unendlich freuen würde, wenn ich ihr noch einmal diese Verehrung persönlich bezeugen dürfte.
Leider, meine liebe Freundin, haben abgesehen von dem Gedenken an Sie während des Festes schwere Schatten über meiner Seele gelegen. Ich habe in einem Anfall von Entmutigung, Ermüdung und Verzweiflung meine ganze Laufbahn verwünscht. Wenn ich Kauf
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|mann geworden wäre, wie viel mehr hätte ich zur heiteren und glücklichen Gestaltung unseres Lebens beitragen können. Jetzt sehe ich oft keinen Ausweg, wie es einmal werden soll. Mich selbst durchbringen, das gelingt mir wohl. Ich habe im vorigen Jahr trotz meiner Hauptarbeit 1500 M literarisch und durch Unterrricht verdient, wobei zu berücksichtigen ist, daß 200 M in Amerika und an andrer Stelle ausgefallen sind. Nun sehe ich hier täglich die Krankheit meiner Mutter, ich höre, wenn sie auf dem Sofa liegt, die Stöße des Herzens, ich erfahre die zunehmende Anfälligkeit meines fast 70jährigen Vaters. Wenn hier ernste Krankheit eintritt, und sie wird kommen, so stehe ich völlig allein. Die Wirtschaft ist unversorgt; ich selbst kann nicht alles tun, – Anlaß genug zu einer
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| unablässigen Bedrückung. Das wirkt dann so auf mich, daß ich bisweilen feindselig werde gegen alle Menschen, ja gegen meine Eltern selbst. Ich kämpfe die schwersten Kämpfe durch, ob die idealen Überzeugungen, die ich öffentlich vertreten habe, dem Sturm des wirklichen Lebens standhalten. Ich bin bis ins Innerste erschüttert, und wer mich öffentlich mit der sonnigen, sieghaften Sicherheit sieht, ahnt nicht, wie nahe ich am Abgrund stehe und wie schwer ich leide, gerade weil ich die sittliche Verantwortung aufs feinste empfinde und mich [über der Zeile] noch nicht zum Quietismus einer weltentsagenden Gottesergebung stimmen kann. – Ihre Liebe zu mir und meine zu Ihnen forderte, daß ich Ihnen das sagte. Verzeihen Sie, wenn ich Son
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|nenschein mit Wolken vergelte. Sie bleiben doch der Glanz meines Daseins, und im Vertrauen auf Sie finde ich Kraft.
Grüßen Sie alle die Ihrigen herzlich. Ich bleibe in Dankbarkeit und brüderlicher Zuneigung
stets Ihr
Eduard.