Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13./14. Januar 1908 (Heidelberg)


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Heidelberg. 13. Jan. 1908.
Lieber Freund.
Es war doch wenigstens eine Nachricht, die ich (wie mir schien nach langer Pause) erhielt. Das freut mich immer, denn ich weiß ja, wie ausgefüllt Ihre Zeit ist. Aber sonst waren diese Zeilen in ihrer Hast u. sichtlichen Ermüdung nicht recht zum Freuen! Seitdem habe ich nun vergeblich gehofft, ein Lebenszeichen von dem geplanten Zusammentreffen mit Hermann zu bekommen. Hat es stattgefunden, haben Sie ihn gesprochen? Wie gern würde ich das wissen. Sie haben ganz recht, daß Sie die beabsichtigte Habilitation nicht als Basis für seine Zukunft ansehen könnten, u. es ist ja gerade eine so große Beruhigung für mich,
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| daß er sich nun endlich bereit erklärt hat, doch erst Oberlehrer zu werden. Was dann weiter wird, wollen wir seinem guten Stern überlassen - mir ist es von größter Wichtigkeit, daß er endlich die Notwendigkeit einer festen, die Gründung eines Hausstandes ermöglichenden Berufstellung eingesehen hat. Da ist doch endlich mal ein klarer Anfang. Möchte er es nun blos nicht wieder garzu unpractisch angreifen. Ob sie ihm etwas raten könnten? Er könnte so sehr einen practisch erfahrenen, teilnehmenden Freund brauchen, aber er will garkeinen Rat!
Für mich war die ganze Zeit, die er mich ohne Antwort ließ, recht schwer. Es war so mancherlei zwischen uns zur Sprache gekommen, das zu sagen mir sehr hart war u. ich bekam nur eine Karte: es werde sich alles historisch entwickeln u. ändern, er bleibe für mich
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| der Alte. - So sehen wir uns wieder, tagelang im Familienkreise, ohne jedes persönliche Wort. Welche Erlösung war mir da sein endliches Sprechen. Ich weiß bei ihm nie mit Sicherheit, wie er denken u. handeln wird, ich brauche gerade bei ihm eine Verständigung mehr als bei jedem andern. Das alles war nun gerade keine Nervenerholung. Dann erkrankte am 2. Januar unser kleiner Pflegling schwer an Blinddarmentzündung, so daß der arme Onkel, der sich endlich wieder etwas erholt hatte, schleunigst nach Haus kommen mußte. Da gab es Tag u. Nacht Sorge u. Unruhe, u. am Montag, wo ich reisen sollte, war ich mit Nervenschmerzen u. Fieber so marode, daß ich es verschieben mußte. Jetzt bin ich nun seit Donnerstag Abend hier, bringe die Tage
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| größtenteils halb im Schlaf auf dem Sopha zu, habe Kopfweh, bin geistig stumpf u. körperlich erschöpft. Also, mein lieber Freund, etwas Frohes u. Freundliches habe ich nicht zu melden.
An den Beginn Ihrer politischen Vorträge hatte ich lebhaft gedacht. Ich finde es unglaublich, daß in einem Ort wie Steglitz so erbärmlich wenig geistiges Interesse ist; haben Sie denn nicht ein Fixum für Ihre Vorträge ausgemacht? Sie können doch nicht von einer so ruppigen Beteiligung abhängig sein? Das sind ja hinterwäldlerische Zustände in der berühmten Großstadt! Sehr betrübt bin ich, daß Sie ganz frei sprechen, ich also keine Aussicht habe, etwas davon zu erfahren. Giebt es nicht vielleicht einigermaßen brauchbare Berichte im Steglitzer Blättchen? - Möge die Freude des Gelingens Sie dauernd entschädigen.
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| Die Goetheschen Worte Ihres Aufsatzthemas summten mir in Cassel oft im Kopf herum. Im Grunde reizen sie immer meine Opposition.
Gewiß bin ich sehr dafür, daß die Frau, wie jeder rechte Mensch, voll u. ganz ihre Kraft für einen Zweck einsetzen soll. Dieses sich aufgeben für die Erfüllung einer Aufgabe, wie sie das Leben stellen mag, aber als spezifisch weibliche Bestimmung zum "dienen" hinzustellen, ist mir sehr entgegen. Daß die Frau in ihrem natürlichen Beruf als Gattin u. Mutter größerer Selbstlosigkeit bedarf als der Mann, ist ja sicher. - Vielleicht ist es nur das Wort, an dem ich mich stoße, jedenfalls mag ich es nicht. - Ich würde mich sehr dafür interessieren, wie Sie mit Ihren Kindern die Aufgabe lösen. Ist
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| Ihnen bei den Mädchen nicht auch Widerspruch gegen Goethes diktatorische Verordnung begegnet? Es scheint mir garnicht sehr würdig, die Frau durch Ermahnung zur Unterwürfigkeit zu möglichster Abhängigkeit zu erziehen. Wie ich glaube ist das eine Eigenschaft, die sie nur zu leicht von Natur hat, u. man sollte sie anleiten, als freier u. verantwortlicher Mensch selbständig für sich einzustehen. -
Wenn ich nicht so müde wäre, möchte ich gern noch etwas "Streit suchen". Aber ich kann heut wirklich nicht.
Daß Ihnen der Nietzsche-Briefwechsel nicht gefällt, tut mir leid. An die Einleitung der Förster N. erinnere ich mich garnicht mehr. Aber die Briefe selbst der beiden Menschen hinterließen mir einen
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| tiefen Eindruck von ernstem Streben u. sehnlichem Wollen, so viel Hoffnung u. junge Kraft, soviel Vertrauen u. Freundschaft u. dann Enttäuschung u. tragisches Scheitern - hart u. grausam vollendet sich das Schicksal aus den Tiefen der Charaktere heraus. Ich kann hier nicht verurteilen, ich kann nur beklagen.

14. morgens. Nur noch in Eile Schluß, damit dieser Wisch doch endlich fortkommt. Er soll Ihnen recht viele herzliche Grüße bringen u. trifft Sie hoffentlich gesund u. arbeitsfroh. An Stoff zur Tätigkeit fehlt es ja nicht. Aus einer Karte, auf der die Casselaner Großmutter Knaps zur Urgroßmutter gratulierten, sehe ich, daß Herm. am 12. noch dort
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| war. Ich bin erstaunt, daß er so viel Zeit hat.
Hier ist tiefer Winter, der Neckar ist zu u. bot gestern ein lustiges Bild mit all den sich tummelnden Menschen. Ich bin wenig draußen, es war mir zu schlecht. Auch Aenne gehts nicht gut. Sie hat einen sehr heftigen Katharrh. - Wie befindet sich Ihr Onkel? Möge das neue Jahr ihm bald das Augenlicht wiedergeben u. ihm überhaupt licht u. freundlich sein. - Grüßen sie Ihre verehrten Eltern, u. schreiben Sie manchmal eine Karte, wenn es zu mehr nicht reicht, an
Ihre
getreue Käthe Hadlich

[Fuß] Eben läßt Aenne herzlich grüßen.