Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. Januar 1908 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29. Jan. 08.
Lieber Freund.
Sie haben ganz recht, daß ich Ihnen länger schon geschrieben hätte, wenn es mir besser gegangen wäre. Ich fühlte mich ebenfalls briefschuldig, da ich doch inzwischen Ihre freundliche inhaltsreiche Sendung empfing, für die ich herzlich danke. Den rückzusendenden Teil der Sachen schicke ich nächstens. Es hat mir manche dunkle Winterstunde verkürzt, mich durch diese mannigfachen Dokumente aus Ihrem Leben recht lebhaft zu Ihnen versetzen zu können. Die Briefe freuten mich besonders, die herzliche Anhänglichkeit des alten Speyrers, die verständige, klare u.
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| tüchtige Art der Klara Runge; (das muß ein liebes Mädel sein), dann die lebhafte Anerkennung Hahns u.s.w.- Nur Ulm blieb mir dunkel.
Extra Dank auch für die Glocke. Das Blatt scheint mir entschieden im Aufschwung unter der neuen Führung. Nur das blanke Papier u. die übelriechende Druckerschwärze stören mich. Inhaltlich finde ich es sehr vielseitig, anregend; es scheint, als wenn Ihr Freund ein "geborener" Amerikaner wäre? Mit Interesse habe ich seine Schilderung des Kunstmuseums u. seine kritischen Bermerkungen gelesen. Nur bisweilen hat er eine etwas maßlose Überschwenglichkeit im Ausdruck, die mir nicht zusagt.
Ich habe leider im solchen Zeiten der Ebbe, wie eben jetzt, immer ein ganz besonders schlechtes Gedächtnis. Darum
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| bleibt mir von dem, was ich lese nur meist ein unbestimmter Gesamteindruck. Seien Sie darum nicht böse, wenn ich auch auf Ihre Recensionen nicht eigentlich antworten kann. Ein solches Auseinanderwirren von Begriffen, wie in der Abhandlung über Herders u. Kants Ästhetik geht über meine Fassungskraft. Ich kann es wohl momentan mitdenken, aber nicht behalten. Ich glaube, Sie sind davor sicher, ein "Damenredner" zu werden! - Mit weit mehr Verständnis u. Sympathie las ich die Beiträge in der Glocke; ebenso den "Totentanz". Es ist etwas Eignes, wie Gebräuche u. Sitten oft fortbestehen, wenn ihr Sinn längst verlorenging. Aber im Gegensatz zu Lessings Behauptung "wie die Alben den Tod bildeten", las ich kürzlich bei Willamowiz-Möllendorff, daß auch sie "Totengerippe" tanzen ließen.
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| Wer mag recht haben? Am Ende doch wohl der moderne Forscher, dem ein größeres Material zur Verfügung steht.
Das Protestantenblatt scheint einen sehr energischen, freien u. frischen Geist zu haben. Dagegen schickte mir Ada Thönes ihr neu gegründetes Blättchen im Anschluß an ein rheinisches, ev. Gemeindeblatt, das mir wenig Eindruck machte. Dann bekam ich auch von ihr jetzt ihre Dr. Arbeit, vollständig erschienen in den "Abhandlungen zur Philosophie u. ihrer Geschichte". Hoffentlich kann ichs bald lesen! -
So weit ichs beurteilen kann, hat Hermann Sie mit der Umwandlung in einen Schuppeaner beschuppt. Denn ich verstand ihn Neujahr so, als wenn er rein objektiv durch Schuppe überhaupt die Möglichkeit eines Verständnisses für dessen u. damit auch die Überleitung zu Ihrem Standpunkt
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| gefunden hätte. Wegen seiner Berufsstellung hatte ich sehr gehofft, daß Sie ihm zu einer Klärung hätten helfen können. Denn er weiß wohl garnicht, wie "man" das macht u. will, wie immer, seinen Weg gehen. Er hat sich nicht staatlich, sondern bei der Stadt Greifswald gemeldet, aber mit der Bemerkung sich der Universität zuwenden zu wollen, was ich für unnötig u. unklug hielt. Ob sie ihn nehmen, da er niemand dort kennt, ist wohl recht fraglich.
Daß die Schule in letzter Zeit Schmerzenskind war, tut mir sehr leid. Es ist gewiß, daß Sie nicht dauernd in dieser Beschäftigung Befriedigung finden können, denn unter diesen Bedingungen kann es doch nie ein Ganzes sein. Aber als belebender Sonnenschein sollte diese Wirksamkeit von Mensch zu Mensch neben Ihrer sonstigen Tätigkeit
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| herlaufen. Daß Sie tief u. dauernd wirken, auch wenn Sie es momentan nicht bemerken, ist mir so zweifellos, daß ich Ihre skeptischen Anwandlungen nur als "Stimmung" betrachten kann. Ich weiß, wie nach Jahren u. Jahrzehnten die Einflüsse der Schule noch lebendig sein oder auch wieder aufwachen können. Unverstandene Worte, die wohl mal liegenblieben, u. die dann plötzlich Sinn bekamen.- Da wirkt oft viel weniger der bewußte Einfluß, als ein unmittelbar, persönliches Wort; die Kinder spüren doch die Persönlichkeit, wo sie ihnen entgegenkommt. Darum - lassen Sie sich nicht verstimmen, werden Sie nicht Schulmeister, sondern bleiben Sie Freund u. Führer, es ist doch der Mühe wert.
Ja, wer immer über den Dingen, über dem Leben stehen könnte. Ich war auch recht drunter, u. als ich gestern
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| Abend noch gut über die alte Brücke ging u. die dunkle Flut da unten still u. eilig die leise knirschenden Schollen talab trieb, dachte ich mirs sehr schön, so kühl u. willenlos fortzutreiben. Das ist ein Strömen u. Kämpfen, ein Bild bewegten Lebens, u. doch, was wissen die Schollen von Reibung u. Leiden, von Streit u. Qual? Täuscht man sich wirklich nur von einer Hoffnung zur andern? Für Cassel traf es doch nicht ganz zu, denn abgesehen von der Erholung war die Zeit doch keine leere. Vor allem an das Zusammensein mit meiner Tante, der einzigen Schwester meines Vaters, denke ich mit inniger Freude. Es ist doch etwas wert, schwere Tage zusammen zu tragen; u. ein Glück, helfen zu können. Solche Zeiten, in denen man nach außen wirken
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| kann, entschädigen für vieles. Diese Freude an der eignen Kraft klingt mir auch aus den Versen unter der Sixtina, u. die sollten Sie festhalten, denn Sie haben mehr Grund dazu, als unendlich viele Menschen.
Wenn ich so eingesponnen in meiner stillen, eng begrenzten Existenz die Ergebnislosigkeit so vielen guten Willens beklage, die Unmöglichkeit auszuwirken, was in mir an Kräften latent ist, wenn ich oft an den nächsten u. einfachsten Pflichten scheitere, dann bin ich nahe daran mutlos an mir selbst zu verzweifeln. Wenn ich aber ähnliche Stimmungen bei Ihnen finde, wo ich das Übertriebene u. Ungerechtfertigte der Klage so klar empfinde, wenn ich sehe, wie auch bei Ihnen das Wort des Erreichten verschwindet vor dem Erstrebten, dann tröste ich mich, daß doch am Ende auch bei mir
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| etwas mehr fertig gebracht sein mag, als ich selbst sehe. So helfen Sie mir immer, direct u. indirect. Sie wissen garnicht, wie groß Ihr Einfluß ist!
Und hoffentlich ist auch bei Ihnen die Ermüdung u. Depression wieder vorbei u. die freudige Zuversicht in die eigne Kraft, die den Kampf leicht macht, begleitet Sie. Welch eine Fülle von Tätigkeit geht von Ihnen aus, wie reich u. bewegt ist das Leben, in dem sie zielbewußt u. in treuer Pflichterfüllung vorwärts schreiten. Immer näher rückt die Zeit, wo sich auch in der äußeren Stellung die Wirkung Ihres inneren Besitzes ausprägen wird. Sie haben Anerkennung u. Interesse gefunden, wo sie Beziehungen zu knüpfen suchten; Sie werden den rechten Kurs schon finden, denn Ihr Auge ist klar, u. sie halten das Steuer fest.
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| Die Vorträge in Steglitz können Sie doch wohl nur als eine Übung im Reden betrachten, oder als ein gutes Werk. Denn die Bezahlung ist doch derart, daß ich staune. - Wenn ich nicht irre bekommt Ernst Schwalbe für eine Reihe bakteriologischer Vorträge in Mannheim jedes mal 50 oder gar 60 M. Ist man denn in Berlin so billig? - Vielleicht haben Sie aber doch noch rechte Freude an der Dankbarkeit des Publikums. Es ist mir nur immer ein Schmerz, daß Sie die Vielseitigkeit Ihrer Verpflichtungen nur auf Kosten Ihrer Gesundheit bewältigen können. - Das aber dürfen Sie mir nicht antun, zu Ostern nicht zu kommen! Jetzt habe ich schon Lili Scheibe deswegen abgesagt. Aber ich würde gewiß nicht aus Egoismus um Ihr Kommen bitten, ich halte es ganz gewiß für nötig in
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| Ihrem eignen Interesse. Ich halte einige wirkliche Ruhetage nach dem langen, anstrengenden Winter für so notwendig, daß ich persönlich ja auch verzichten wollte, wenn Sie statt dessen vielleicht versprechen würden, etwa eine Fußtour mit einem Freunde oder degl. zu unternehmen? Hat die Zeitverschwendung in Dresden Sie gereut? Bitte, wollen Sie nur ernstlich, dann geht es auch!
Wie traurig für Ihre liebe Mutter, daß Sie nicht einmal in Ruhe krank sein kann! Sie darf sich das wohl nicht leisten, sie ist eben unentbehrlich. Hoffentlich ist sie jetzt wieder ganz gesund? Sehr herzlich wünsche ich auch gutes Gelingen für die Augenoperation Ihres Onkels. Sind eigentlich beide Augen erkrankt?
Von mir weiß ich nicht viel zu berichten.
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| Es war lange sehr dunkel u. sehr, sehr still. Die Kunst schläft, u. ich fülle die Zeit mit allerlei nützlicher, häuslicher Arbeit. 3 meiner Schüler machen mir Freude, in Schwetzingen schwankt der Erfolg. - den Aufsatz von Troeltsch lasen wir auch. Ich war über den Lobeshymnus zu Anfang auf den Katholizismus erstaunt, im ganzen unbefriedigt. Sehr viel mehr hatte ich dieser Tage an einem Artikel von Eucken über dasselbe Thema in derselben Wochenschrift.
Den Moment, wie der Neckar seine Fesseln sprengte, habe ich leider verpaßt. Die riesigen Eisstücke die an den Ufern getürmt liegen, geben jetzt noch ein Bild von der Gewalt des Schauspiels. Und jetzt wollen wir auch den Druck einmal wieder abschütteln u. frei u. freudig dem Frühling entgegen gehen. Es ist doch keine leere Hoffnung, er kommt gewiß! Mit herzlichen Grüßen u. vielen guten Wünschen
Ihre Käthe Hadlich

[li. Rand, S.12] Aenne trug mir noch extra Grüße auf. Es geht ihr wieder besser.