Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23./24. Februar 1908 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23. Februar. 1908.
Mein lieber Freund.
Sie wissen, wie tief mich all das berührt, was Sie schreiben. Ich möchte darum auch mit der Antwort nicht zögern, wenn es mir auch von der Aenne eine spöttische Bemerkung eintragen wird!
Wie viel hat sich ereignet, seit ich nicht von Ihnen hörte. Es ist ein Grundton in meinem Dasein ausgeschaltet, wenn er nicht in Berührung mit Ihrem Erleben mitschwingen kann. - Soll ich es freudig begrüßen, daß Sie die Schultätigkeit fortsetzen? Ich glaube doch, obgleich auch ich eigentlich die Arbeitsentlastung gewünscht hätte.
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| Krisen, wie die augenblickliche Enttäuschung, halte ich nicht für tödlich, bei der großen Lebenswärme, die Sie der Sache widmen. Das Risiko des Dilettanten ohne methodische Schulung im Unterricht empfinde ich an mir selbst aufs stärkste. Ein Mißerfolg, der zur Klärung des Weges, zur Selbstkritik u. einem veränderten Ansatzpunkt führt, kann nur segensreiche Wirkung haben. Im allgemeinen aber glaube ich, daß Ihre zweifelnde Stimmung der Klasse gegenüber großenteils auf Gebilden Ihrer Phantasie beruht. Wo haben Sie den Glauben an Ihre gute Sache, das schöne, gerade Selbstvertrauen? Das ist das Mittel zum Siege, nicht ein ängstliches Abwägen u. Prüfen jeder momentanen Wirkung u. Stimmung.
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| Und was hat das Dissidententum des Vaters mit dem Vertrauen der Frida Pütter zu tun? Liegt da noch irgend etwas andres vor?
- Sie hatten den Mann nach dem Eindruck seines persönlichen Wesens geschätzt u. wollen ihn nun einfach abtun, weil sein religiöses Empfinden einen andern Ausdruck sucht, als das Ihre? Das finde ich unduldsam. - Aber wir wollen dies Kapitel heut nicht aufrühren, sondern ich möchte vielmehr betonen, daß ich für die Kinder an keine Schädigung durch den verschiedenartigen Einfluß glaube. Sie haben nicht die Klarheit der scharfen Unterscheidung, wenn sie ihnen nicht durch absichtlich hervorgekehrte Differenz zum Bewußtsein gebracht wird. Es lebt vieles ungestört nebeneinander in ihnen fort,
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| u. all diese Einschläge behalten ihren Wert für die spätere eigne Ausgestaltung. Wahrhaft religiöses Empfinden, wahre Frömmigkeit, berührt belebend u. zündend ihre Seelen, wo immer sie ihnen entgegentritt, u. wird nicht vergehen, wenn auch vielleicht der Ausdruck dafür wechseln sollte. Sie wissen, mir ist das offne Bekenntnis des Suchenden lieber, als das gedankenlose Mitgehen so vieler im alten Geleis. -
Daß Sie die Steglitzer Vorträge abbrechen wollen, ist mir eine ordentliche Beruhigung. Ich begriff wirklich nicht, wie Sie sich zu einem so wenig lohnenden Unternehmen verpflichten konnten. Hatten Sie sich garnicht nach den dortigen Verhältnissen erkundigt? Wahrscheinlich ist auch überhaupt das geistige Niveau, das Sie fordern, zu
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| hoch für das Publikum. Die Leute wollen meist unterhalten sein, nicht sich anstrengen.
Das ist es wohl überhaupt, was Ihnen momentan bei allem nur das Minus sichtbar werden läßt: die zu hoch gespannten Anforderungen. Es ist doch übertrieben, wenn [über der Zeile] Sie jetzt in allem nur Nieten sehen, weil nicht der volle Ertrag dessen erscheint, was Sie Ihrem Bewußtsein nach einsetzten. Es werden auch wieder Zeiten kommen, wo die Erfolge klar u. ungehindert zu Tage treten. Z. B. in der Schule mag in den positiven Leistungen ein Fehlschlagen der Probe Sie enttäuscht haben, was sich z. Z. doch auch durch die Verwirrung der verschiedenen Auffassung erklärt ist, aber ebenso rasch kann ein guter Aufsatz, eine Äußerung eignen
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| Lebens Ihnen wieder das beglückende Gefühl dessen geben, was Sie in der Tiefe geweckt haben.
Je länger ich lebe, komme ich immer mehr zu der Überzeugung, daß man nicht mehr tun kann, als von ganzem Herzen sein Bestes leisten, daß man aber den Erfolg in Demut als ein Geschenk hinnehmen muß: "etliches fiel auf ein gut Land". Ich halte es für ein Unrecht, sich durch Mißerfolge entmutigen zu lassen, sie sollen uns nur zeigen, wie wir es anders machen müssen. Ebenso lähmend aber ist es, Unmöglichkeiten zu fordern. Sie mögen in der methodischen Schulung Verbesserung nötig finden, u. sie wird bei dieser Erkenntnis nicht ausbleiben, aber das, was Sie sonst bisher pädagogisch wirkten, ist doch nicht plötzlich fortgewischt, u. das
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| ist in keinem Examen abzufragen. Das wissen Sie selbst am besten.
Sie schrieben an Aenne von der immer größeren Begrenzung der Möglichkeiten. Das ist gewiß für den jugendlichen, himmelstürmenden Idealismus ein Verzicht, aber doch eine notwendige, segensreiche Erziehung durch das Leben. Wer sich diesem Zwang der Wirklichkeit nicht fügen will, der verpufft zwecklos seine Kräfte in verzweifelter Auflehnung. (Ibsens Brand, den wir kürzlich lasen, mit seinem fanatischen: "Alles oder nichts.") - Die äußeren Bedingungen u. die eigne Begrenztheit ist immer viel zu eng für das Maß des Wollens u. doch ists schon eine so schwere Aufgabe, die Sphäre des Möglichen voll auszufüllen. Man
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| kann sich die Sicherheit des Erfolges auch durch ein zu viel des Erstrebten, ein Zersplittern der Kraft gefährden. Und hieran fürchte ich manchmal wirklich für Sie. Sie breiten das Feld Ihrer Tätigkeit immer weiter, als Sie bei aller Anspannung der Kraft, normaler Weise gesundheitlich leisten können. Hätten Sie nicht ernstlich besser getan, statt der Steglitzer Vorträge sich auf Ihre Hauptarbeit zu beschränken? Sie leben so in einem gewaltsam forcierten Kräfteaufwand, der ganz notwendig in Mißverhältnis zu den Erfolgen stehen muß. Das steigert die ohnehin in dieser Welt harten Kampfes unausbleiblichen Enttäuschungen, die gereizten Nerven erhöhen die Empfindlichkeit für jeden Stoß u.
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| so geht es weiter in aufreibender Quälerei. Wo soll das Gleichgewicht da wieder herkommen?
Wollen Sie wirklich nicht versuchen, ob Sie in einigen stillen Ferientagen in unserm lieben Neckartal Frieden u. Freiheit wiederfinden? Es scheint, als ob pekuniäre Schwierigkeiten Sie davon zurückhielten. Das kann doch aber wirklich nicht maßgebend sein, wenn sonst so unzweifelhafte Vorteile in Frage kommen. Sie halten es für möglich, nach Cassel zu kommen, aber das wäre für mich um diese Zeit sehr untunlich. Wenn es einen Zweck hätte, käme ich gern irgendwohin entgegen, aber wieviel Unbehagen hat solch Zusammentreffen am dritten Ort. Wollen Sie mir nun nicht die große Liebe
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| tun u. einige Stunden Bahnfahrt mehr auf sich nehmen u. mir nur die Kosten überlassen, die ich sonst doch auch hätte u. für die ich immer eine ganz nette heimliche Kasse erübrige? Ich würde dies als ein Zeichen von Freundschaft u. Vertrauen als das liebste Geburtstagsgeschenk von Ihnen empfangen. Ich weiß, wie schwer diese Äußerlichkeit Ihrem stolzen, empfindlichen Wesen ist, aber kann man denn der Freundin nicht auch mal ein Opfer bringen? Als solches fühle ich meine Bitte für Sie durchaus, aber wenn Sie nicht kleinlich sind, müssen Sie die Berechtigung derselben einsehen. Es handelt sich doch nicht um die Paar Groschen, die so oder so ausgegeben würden, sondern darum daß ich die Kapitalanlage mit einer Fahrt für Sie am lohnendsten finde,
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| dadurch, daß sie uns ein wirklich erholendes, behagliches u. friedliches Zusammensein ermöglicht. Daß ich nach den langen Schreibepausen dieses Winters ein Sprechen sehr wünsche, ist wohl natürlich. Daß ich einen Aufenthalt in unsrer frühlingsschönen Natur gerade nach der gesundheitschädigenden Überarbeitung für dringend nötig u. nützlich halte, ist vielleicht noch berechtigter. Ich glaube, Ihre lieben Eltern werden darin ganz meiner Ansicht sein u. ich bitte sie herzlich, mein Anliegen zu unterstützen. Wenn Sie wüßten, wie sehr Sie mich mit der Annahme meines Vorschlags erfreuen können, Sie würden gewiß nicht zögern. Und die Fahrt Jena, Saalfeld, Würzburg hier ist wohl kaum mehr als die Hälfte weiter als die nach Cassel.
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| Sehen Sie mal die neueste Bergbahnkarte. Weckt sie nicht den Wunsch nach freier sonniger Höhe? Und der Aufenthalt an sich ist hier doch nicht kostspieliger, als woanders. -
Es steht so wenig von allem, was ich sagen möchte in diesen Zeilen. Könnten sie doch in teilnehmenden Verständnis wirkliche Hülfe bringen! Es ist heut schon sehr spät, drum muß ich aufhören. Vorträge über Erziehung, Försters Jugendlehre, Coeducation etc. könnten noch endlosen Stoff geben. Sonst arbeite ich mich eben mit Ausdauer durch Ada Thönes' Leibniz. Ein geschmackloser Aufsatz von Erich Schmidt in der Wochenschrift von Hinneberg über Fichte hat uns sehr mißfallen. Haben Sie in Woche 7 die Aufnahme des Neckars gesehen?
Sie haben garkeine Zeit, oder waren Sie doch einmal in der englischen Ausstellung? - Die missa solemnis, ein Maler Wiethüchter im Kunstverein waren bedeutende Eindrücke, sonst geht alles seinen <Kopf> stillen Gang. Herzliche Grüße an Ihre verehrten <li. Rand> Eltern u. Sie. In treuer Freundschaft Ihre Käthe Hadlich

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24.II. morgens
Ich habe garnicht gesagt, wie ich mich über die "Assistentenanstellung" an der Humboldt-Ausgabe freue. - Woher kommt es denn, daß Ihre Arbeiten so im Druck verzögert werden? Ich hörte auch nie, wie es nun eigentlich mit dem Rousseau ist? Wird die Übersetzung gemacht? Ist die Sache überhaupt aufgegeben, doch hoffentlich nicht?
Morgen werde ich doch wohl endlich mal wieder was von Hermann hören. Ich fürchte, es wird nicht viel Gutes sein, sonst hätte er wohl schon mal früher geschrieben. - Etwa am 12. März kommen meine beiden Schwestern wahrscheinlich für ein paar Tage her, u. um die Osterzeit hoffe ich, auch Lili Scheibe für einige Tage hier zu sehen. Nun lassen aber auch Sie uns endlich etwas bestimmtere Pläne machen. Aenne möchte noch was dran schreiben, also:
Adieu!
[li. Rand S.1] Ihre Drucksachen etc. kommen ganz bald zurück.

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<Beilage: Brief von Anna Knaps>
Lieber Herr Spranger!
Es drängt mich Ihnen zu sagen, daß ich einen großen Irrtum finde in Ihrem Ausspruch an unsere Freundin, daß sie Macht habe über "einen" Menschen. Lieber Philosoph, es giebt noch einen solchen, der weiblich & im allgemeinen von heiterer Gemütsart ist.
Dann irrte sie als sie schrieb "Aenne wird sich moquieren", das ist unter <Wort unleserlich> Verhältnissen ganz & gar nicht der Fall, denn wer die Macht hat, der hat auch die Pflicht zu helfen & zwar so rasch als möglich. Ich möchte sogar gerne viel Gutes & Liebes beifügen, wenn es nach diesen Blättern nicht unendlich würde.
Freuen wir uns alle drei des 25. Februar & unseres vereinten Daseins!
Herzlich Ihre Anna Knaps.