Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2. März 1908 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 2. März. 1908.
Lieber Herr Spranger.
Gestern, am Sonntag, hatte ich Ihnen geschrieben, da ich es ohnehin vorhatte u. nun gleich auch die Briefe etc. mit zurückschicken wollte. Heute bei Licht scheint mir der Brief nicht zum Schicken geeignet. Ich war über ein paar Sätze Ihres gestrigen Schreibens gestolpert u. das lag wohl zu sehr zwischen den Zeilen. Was hat es aber für einen Zweck, eine Verstimmung weiterzutragen; es scheint mir doch nicht der Moment dazu. So will ich daran denken, daß Sie mir einmal sagten, in welcher Eile sie oft schreiben u. will als
[2]
| mißglückte Ausdrucksweise ansehen, was mich verletzte.
Lassen Sie mich zunächst recht herzlich danken für den Ruska, der mir ein sehr erwünschter Besitz ist u. außerdem auch noch durch Inhalt u. Bilder an mancherlei andere Streifzüge erinnert. Auch für Ihren lieben Brief u. die guten Wünsche danke ich sehr. Ihren lieben Eltern werde ich noch direct schreiben. Ich höre mit Bedauern, daß es Ihrer Frau Mutter nicht gut geht, u. wünsche recht baldige Besserung. Hier hört man auch überall von Influenza u. kann nur froh sein, wenn man sie nicht selbst hat. Auch bei meinen Stunden merke ich die Folge an häufigen Versäumnissen. Wir haben bis jetzt noch keinen Tribut gezahlt. Wenn die guten Wünsche
[3]
| zu meinem Geburtstag sich alle erfüllen würden, dann wäre es auch wirklich ausgeschlossen. Ich bekam sehr viel liebe Briefe, das ist immer die größte Freude. Nur Hermanns Brief hat einen gedrückten Ton, der ihm sonst nicht eigen ist. Wenn er doch nur endlich angestellt würde! Am 27. März muß er in Cassel in den Dienst, wann er aber durch Berlin kommt, weiß ich noch nicht. Ich hätte gern einige der erfreulichen Dokumente beigelegt, aber ich glaube, Sie haben eben doch keine Zeit.
Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß Ihre gestrige Absage eine ernstliche Enttäuschung für mich war. Meinem Gefühl nach wäre es mir eine Gefälligkeit von Ihnen gewesen, statt meiner auf der Eisenbahn zu fahren. Sie wollen
[4]
| es nicht, also gut. Ich muß mich damit abfinden, obwohl es mir nicht nur um des dadurch vereitelten Planes willen, sondern auch um Ihrer innerer Stellung zu mir, die sich dadurch anders zeigt, als ich glaubte, schmerzlich ist. Ich bin überzeugt, daß jeder meiner Geschwister, sogar Kurt, es getan hätte; weiß es z. Z. aus Erfahrung.
Im Übrigen sind Sie im Irrtum, wenn Sie meinen, ich "bedauerte" Sie. Ich kann Bedauern ebenso wenig leiden, wie Aennes beliebte Redensart: es soll's gröschte Unglück sein. Es giebt einen Mittelweg, die Schwierigkeiten eines andern mit zu empfinden u. als berechtigt anzuerkennen ohne mitleidigen Beigeschmack, wenn man überzeugt ist, daß gerade im Überwinden die Kraft wächst. Daß für selbstquälerische Naturen in einer Reihe von Enttäuschungen das Gefühl innerer Freiheit u. Selbstgewißheit verlorengehen kann, das zu erfolgreichem Ringen notwendig ist, weiß ich nur zu gut aus eigner Erfahrung. Wie empfindlich sind überreizte Nerven für jede Dissonanz! In solchen Falle kann eine Unterbrechung des täglichen Lebens, fremde Eindrücke, eine schöne Natur als ausgleichender Factor im Rechnungsabschluß wirken. Dazu schien mir der Frühling in unserm Neckartal, von dem ich weiß, daß Sie es besonders gern haben, der von Verpfichtungen freie Verkehr, den Sie hier haben können, besonders geeignet. Sie wollen es anders, u. werden wissen, weshalb.
Was mich dabei betrifft, so hatte ich wohl gedacht, daß mancherlei
[6]
| Schweres, was dieser Winter für mich brachte, u. das sich nicht schreiben lassen wollte, dabei zur Sprache kommen würde. Aber es liegt absolut keine Notwendigkeit, kein "dringender Fall" vor. Jeder kann sich nur allein helfen, u. der Wunsch der Mitteilung ist kein zwingender Grund. Meine persönlichen Wünsche sind wirklich nebensächlich.
- Daß die Glocke solche Schwiergkeiten im Gedeihen hat, ist ja sehr unangenehm. Hoffentlich ist es nur eine Kinderkrankheit, u. der Kompromiß hilft ihr darüber fort. Es ist doch wohl kein Gesinnungsopfer, wenn das Blatt auf Politik verzichtet? Sonst wäre allerdings die Sache wohl schon tot für Ihren Freund u. seine Zuversicht mehr nur sein persönliches Losreißen davon. - Eigentümlich ist mir
[7]
| der Kontrast des jetzigen Briefes mit dem früheren, in dem er es so seltsam lobt, daß "Sie seine Stellung nicht ausnützen wollten, um ein paar Dollars zu verdienen."Ist denn die bedrohliche Lage der Zeitschrift so plötzlich gekommen? Wenn es nun schwierig für das Blatt ist, Ihren "politischen Artikel" zu drucken, wäre es da nicht im beiderseitigen Interesse, Sie bekämen ihn zurück? - Der schicksalsmutige Ton des Briefes berührt sehr sympathisch. Das ist im Grund dasselbe Vertrauen auf die "Innenkraft" des Menschen, die die Welt gestaltet, die sich in Ihren Versen neulich aussprach. Die eigentlichen Schwierigkeiten liegen nur da, wo der Zusammenstoß mit den Realitäten
[8]
| an der eignen Kraft irre werden läßt. Daß dies bei Ihnen immer nur eine Folge körperlicher Erschöpfung ist, daß in Ihnen die Kraft zum Siege liegt, das weiß ich sicher. Sonst könnten Sie mir wirklich "leid tun"!.
Von meinen Stunden ist nichts Besonderes zu berichten u. Heidelberg steht im Zeichen des Karnevals, wofür ich keinen Sinn habe, also kann ich diesem Brief nicht den gewünschten Inhalt geben. Daß gestern der Rathausbrand den Nachthimmel glühend färbte, daß fast auch die ehrwürdige Heiliggeistkirche in Flammen aufging, werden Sie wohl aus der Zeitung hören. Um Ihnen aber etwas "Alldahiesiges" mitzuschicken, lege ich den kleinen Ruska-Aufsatz bei. Vielleicht haben Sie ihn jedoch schon? - Die beiden kl. Skizzen schicken Sie mir vielleicht gelegentlich mal wieder. Churwalden ist Makulatur, amüsiert Sie aber vielleicht, ehe Sie [über der Zeile] es forttun. Ich möchte es nicht wieder, es ist das Porto nicht wert. - Herzliche Grüße an die Ihrigen, auch Aenne trug mir Grüße an Sie auf <li. Rand> Freundschaftlich wie immer Ihre Käthe Hadlich.