Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. März 1908 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27. März 08.
Lieber Freund.
Es ist wenig Aussicht zu einem halbwegs vernünftigen Brief, denn ich habe die Erkältung oder Infection oder was es sonst war noch immer nicht wieder aus dem Kopf. Aber da ich mit dadurch veranlaßt besonders viel allein bin, habe ich Sehnsucht nach einem Plauderstündchen mit Ihnen. - Wie mag es Ihnen gehen? Nun sind die Steglitzer Vorträge endlich fertig. Ich freue mich nur, daß Sie dieselben doch noch drucken lassen. Es ist wirklich Mißgeschick, daß die Umstände Ihnen so oft hinderlich sind, Ihre Leistungen entsprechend zu verwerten. Denn wenn ich auch idealistisch genug bin, danach den Wert dieser Leistungen
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| nicht einzuschätzen, so verstehe ich doch vollkommen, daß u. warum Sie Wert auch auf diese Seite des Berufslebens legen. Mit Ihren Ansichten über diesen Punkt kann ich mich nur völlig einverstanden erklären. In unserm speziellen Fall freilich war ich andrer Ansicht u. glaubte Ihre "Selbständigkeit" nicht gekränkt. Durch die Wendung aber, die Sie der Sache gegeben haben mit dem Versprechen auf die Zukunft, erfreuen Sie mich sehr. Erfreut u. dankbar nehme ich dies Versprechen an, in dem festen Glauben, daß es Ihnen so ernst damit ist, wie mir; daß es nicht leere Wort sind, sondern daß Sie darauf vertrauen, meine Freundschaft werde sich selbstverständlich u. unbedingt bewähren in allem, was ich irgend
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| tun kann.
Was haben Sie denn nun aber für Absichten mit der Ferienerholung? Ist die mit Jena ganz aufgesteckt? Das fände ich schrecklich unvernünftig. Tun Sie doch irgend etwas, was mich freuen kann!!
Die größere Ruhe, mit der Sie sich gegen die Widerwärtigkeiten unempfindlicher machten, war auch mir Beruhigung. Ich habe es garnicht gern, wenn ich Sie so in gespannter, überreizter Stimmung weiß.
Von mir kann ich eben garnichts erzählen. Der Besuch der Schwestern war, wie das immer ist, äußerst freundlich u. nett. - Mit meinen Stunden, die eine Woche ganz ausfallen mußten, habe ich mal mehr, mal weniger Erfolg. Vor 14 Tagen
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| in Schwetzingen wurde ich durch eine wirklich überraschend gute Leistung erfreut. Sonst ist mein Dasein auf das geringste Maß von Betätigung beschränkt. Das Beste ist noch, daß ich doch zum Lesen frisch u. aufnahmefähig war. Tagebuchblätter u. Briefe von Hebbel haben mich sehr beschäftigt, Weinel: Individualismus u. Christentum hat mich interessiert u. jetzt bin ich mit Eifer u. Freude an Ihrem Humboldt. Es ist mir, als wenn diese Arbeit meinem Verständnis näherstände, als manche Recension u. degl. die beängstigend über mein Verständnis gingen. Wenn hier auch gewiß vieles ist, was bei mir aufs "Steinichte" oder auf Unverstand fällt, so kann ich der geschilderten Entwicklung
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| u. der klaren Darstellung der Ideen u. Standpunkte völlig folgen, u. einzelne Sätze haben geradezu persönliche Färbung für mich, als wenn sie Resultat gemeinsamer Erörterungen wären. Ich muß natürlich langsam lesen, denn es ist schwer u. inhaltsreich, u. ich wollte nur immer, ich könnte gleich im unmittelbaren Eindruck mit Ihnen drüber reden. Aber so geht es immer im Leben: man muß sich mit einer unzureichenden Gegenwart behelfen u. tröstet sich mit einer Möglichkeit für die Zukunft, die nie kommt.
Waren Sie eigentlich an jenem Samstag mit Hermann in Schönhausen? Was Sie über Ihre u. seine Eigenart sagen, ist natürlich immer
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| die alte Differenz. Aber freuen sollte es mich, wenn diese Aussprache doch die Möglichkeit einer gerechteren, persönlichen Verständigung gäbe. Was wird er nur in seinen Berufsplänen beschließen?
Ich hoffe ihn nun doch zu Ostern zu sehen. Denn die Tante, bei der ich immer in Cassel bin u. die ich noch in Aachen glaubte, wird wahrscheinlich bald wieder zu Haus sein u. ich kann dann am 10. April zu ihr kommen. Halb bedaure ich es, hier fortzugehen, denn so werde ich wohl der schönsten Zeit hier aus dem Wege gehen. Aber da wir diesmal hoffentlich keine kleinen Kinder oder Patienten dort haben, so hoffe ich von der Ruhe u. Luftver
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|änderung, den andern Eindrücken rechte Erholung. Ich bin damit an Weihnachten entschieden zu kurz gekommen.
Nun schreiben Sie mir recht bald Gutes von Ihrem Ergehen. Hoffentlich sind Sie u. die Ihrigen gesund. Bei den Abschiedsfeiern in der Schule wünsche ich Ihnen recht viel gute, freundliche Eindrücke. Sie haben diesen Kindern doch eine Ahnung für das wahrhaft Wertvolle im Leben mitgegeben.
Verzeihen Sie die ausgesucht schlechte Schrift. Teils versagt die Feder, teils meine Hand. Ich verschreibe mich beständig.
Drum will ich auch lieber aufhören u. hoffen, daß Sie Schlechtes mit Gutem vergelten
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| werden u. mich mal nicht garzu lange warten lassen.
Grüßen Sie Ihre verehrten Eltern herzlich. Auch meine Freundin läßt Sie grüßen.
Müde aber herzlich
Ihre
Käthe Hadlich

[] Ist der kleine Scholz wieder gesund? Was hat ihm denn gefehlt?