Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13. April 1908 (Kassel)


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Cassel. 13. April 1908
Mein lieber Freund.
Ich stehe eben im Zeichen der unabgeschickten Briefe, denn da die Kritik selbst bei meinem Stumpfsinn noch groß genug ist, die Inhaltslosigkeit derselben zu erkennnen, so "wende ich lieber die 10 cf nicht daran". Die Feder ist spitz u. hart, sodaß das Schreiben ordentlich was tut, das Wetter ist rauh u. naß, sodaß man durch u. durch friert - was soll da Vernünftiges dabei herauskommen. Ich bin nur froh, daß Sie bei diesem Hundewetter nicht auf die Reise gehen. Sie versäumen wirklich nichts, wenn Sie dies miserable, sogenannte Frühjahr in der großen Steinwüste Berlin zubringen. Wie unter einem
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| Albdruck liegt die Natur, u. all die schwellenden Knospen warten vergeblich auf einen befreienden Sonnenstrahl.- Auch die Menschen sehnen sich umsonst nach Wärme u. Sonnenschein u. die Krankheiten sind sehr verbreitet. Hier habe ich zum Glück alles wohl gefunden, aber meine Freundin habe ich nur mit Sorge verlassen, denn sie war recht angegriffen durch den unangenehmen Kieferhöhlencatarrh, den sie von mir "geerbt" hatte. Hoffentlich kann sie mir bald Besserung melden, u. hoffentlich haben Sie mir gute Nachrichten zu geben? Herzlichen Dank für die Tegeler Karte u. den letzten Brief, der mir so ausführlich von den Schulerlebnissen berichtete. Nun sind also Ferien; wie mag es da mit der eignen Arbeit vorwärtsgehen? Es freute mich sehr , daß Sie solch erfrischende "festreiche" Zeit hatten, denn jedes Gegengewicht gegen die aufreibende, angespannte Tätig
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|keit ist ein Segen. Nutzen Sie doch auch die Ferien, jede sonnige Stunde für die Erholung! - Sie sind aber "letz", mein lieber Historiker, wenn Sie am 7. April meinen, wir wären vor einem Jahr noch in Dresden gewesen.
Meine diesjährigen Ferien haben sich nun ganz anders gestaltet, als ich dachte. Ich freue mich, daß ich nun doch hierher kommen konnte: u. es ist sehr gemütlich u. ich habe auch gestern schon die ganze Familie beisammen gehabt, da Hermann für den Sonntag herüberkam. (Er hat Ihren Freund noch nicht gesehen auf der Senne.) - Mein Aufenthalt hier wird wohl unfreiwillig lang werden, denn meine Stundenkinder sind bis auf eins alle verreist u. es fielen auch in der letzten Woche schon Stunden aus, sodaß ich einmal ohne Hetzerei abreisen konnte.
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| Um Schwalbes noch einmal vor ihrer Übersiedlung nach Rostock zu sehen, war ich einen ganzen Tag in Karlsruhe. Das war wirklich sehr nett, u. ich bedaure ihr Fortgehen sehr. Die Kinder sind so lieb, jeder in seiner Weise, u. Hanna, mein Patenkind natürlich extra. Jetzt wird ein Wiedersehen sehr unwahrscheinlich. Auch meinen alten Jugendfreund werde ich vermissen.
Vor 14 Tagen war ich mit ihm in Wiesloch, wo seine Schwester in der Irrenanstalt ist. Ich werde sie künftig manchmal besuchen, wollte aber nicht gern zuerst allein hingehen. Es war mir eine große Erregung, dies arme Wesen wieder zu sehen, die nun schon so viele Jahre geistesgestört ist. Wir waren als Kinder so viel zusammen, aber seit ihrer Krankheit sah ich sie nicht mehr. Ich hätte sie nicht erkannt, so verändert
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| war sie auch äußerlich, u. die Stimme war völlig fremd u. seltsam rauh. Als sie mich sah, war sie sehr scheu u. ablehnend, dann streckte sie mir plötzlich übern Tisch die Hand entgegen.- Wie entsetzlich ist diese Krankheit, die den Menschen in seinem ganzen Wesen verkehrt u. ihn völlig unkenntlich macht. Wie unheimlich ist das Unberechenbare. -
Auch sonst hatte ich mancherlei trübe Erlebnisse. So kam vor allem ganz unerwartet die Todesanzeige der kranken Cousine aus der Großgörschenstraße. Sie war im Begriff, mit ihrer Mutter nach Elbing zu der verheirateten Schwester zu ziehen, die Möbel waren gepackt u. alles bereit, da starb sie plötzlich im Elisabetkrankenhaus. Sie war ja seit Jahren gelähmt, aber ungemein lebensfreudig u. regen Geistes. Nun muß die arme Mutter, die seit Jahren nur für dies kranke Kind lebte, allein fortziehen. - Die andre Tante, die Sie damals auf dem Bahnhof sahen, zieht in die Knesebeckstraße, also in Ihre Nachbarschaft. Wenn ich da mal wieder nach Berlin kommen sollte, wäre das Zusammentreffen mit Ihnen weit leichter als damals, wo ich so verstört in Berlin umherirrte. -
Jetzt wünsche ich Ihnen, daß in Berlin all die Sonne scheint, nach der wir uns vergeblich sehnen. Grüßen Sie Ihre lieben Eltern u. verleben Sie gesunde, frohe Feiertage. - Fast hätte ich vergessen zu fragen, ob Sie wohl beifolgenden schwarzen Abdruck erkennen?
Herzlich
Ihre
Käthe Hadlich.