Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. April 1908 (Kassel)


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Cassel. 18. April 1908.
Lieber Freund.
Morgen soll Ostern sein, das Fest des wieder erwachenden Lebens! Aber draußen kämpft ein flüchtiger Sonnenschein gegen trübe, kalte Regenschauer u. ebenso vergeblich suche ich im Innern gegen eine drückende Melancholie anzukämpfen. Was ist es eigentlich, das nun schon seit längerer Zeit auf mir lastet? Von Heidelberg ging ich so schweren Herzens fort, daß ich mir sagte: wenn ich diesmal ohne irgend ein eingreifendes Schicksal zurückkehre, will ich nie mehr an Ahnungen glauben. - Es liegt wirklich
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| garnichts Greifbares vor. So will ich die Sache mit dem berüchtigten Worte "nervös" abtun, u. hoffen, daß die Ruhe hier ausbessernd helfen wird. Bis jetzt merke ich noch nichts davon. Es ist aber auch kaum an die Luft zu kommen. Nur gestern u. vorgestern war es schön, wirklich entzückend schön. In der Aue ist eine kleine Insel, von künstlichen Wasserarmen umgeben, ein richtiges, kleines Zaubereiland, auf dem die Blüten schon wie ein Teppich die Erde bedecken. Dort war ich mehrmals bei Sonnenschein. - Mit den Menschen, deren Nähe ich hier suchte, bin ich bisher nur äußerlich zusammen gekommen. Hermann u. Kurt sind verreist. Kurt nach Hamburg, Hermann für 2 Tage nach Frankfurt. Er erzählte mir, das
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| Zusammensein mit Ihnen wäre sehr erfreulich gewesen. Sonst ist er in Dienstlaune, umso mehr, als Gerta in Jena nicht Urlaub bekommen konnte. -
Von Heidelberg höre ich wenig, von Ihnen nichts.
Aber einen recht herzlichen Ostergruß für Sie u. Ihre Eltern will ich doch schicken u. hoffen, daß bei Ihnen mehr Grund zu froher Osterstimmung ist. Das nächste Mal hoffe auch ich wieder mehr über der Situation zu stehen. Es geht ja immer nur bis zu einem bestimmten Punkte abwärts, dann hebt sich die Welle wieder wie von selbst. Was an mir ist, diesen Tiefstand
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| zu überwinden, werde ich tun, u. eine gute Nachricht von Ihnen wird dazu sicher mithelfen.
In treuem Gedenken
Ihre
alte Freundin

[] Denken Sie, nun wird das Lillchen Scheibe doch auf 1 oder 2 Tage hier durchkommen. Darauf freue ich mich.