Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Mai 1908 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Mai 1908.
Lieber Freund!
Entschuldigen Sie die Schrift, aber ich soll viel im Freien sein, u. da möchte ich die stille Stunde im Grünen gern mit Ihnen verplaudern. Wenn ich aber beichte, daß ich wieder auf dem Friedhof bin, werde ich wohl doch gezankt werden? Es ist aber ganz ungerechtfertigt, denn es kann nirgend schöner sein, als in diesem stillen Garten, voller Blüten u. munterer Vogelstimmen, überall dies entzückende, junge Grün. Ich möchte den Großstadtlärm nicht eintauschen gegen den Gesang der Nachtigall, Finken u. Meisen, Kuckuck u. Amsel, der hier von allen Seiten tönt. Es weckt mir vielmehr den Wunsch, Sie auch einmal hier so führen zu können, wo es so schön ist u. wo ich so gern allein bin.
Daß es Zeiten giebt, wo mir der dauernde Aufenthalt an diesem Ort des Friedens sehr
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| anschauenswert erscheint, hat ja mit der schönen Außenseite, die mich hier umgibt, nichts zu tun. Ich habe die Zeit der Mutlosigkeit einmal wieder hinter mir, so sehr ich es selbst mißbillige, daß eine so verzweifelte Mutlosigkeit immer wieder Macht über mich gewinnen kann, so sind solche Zeiten eben doch mehr als düstere Einbildungen. Daß Sie mich in diesem einsamen, schmerzlichen Kampf verstehen, ist mir Kraft u. Hülfe. Dann denk ich freilich auch wieder, ich sollte über solche Sachen hinaus sein, aber es scheint fast, als wenn jede Epoche des Lebens in neuer Form die alten Leiden wieder mitbrächte u. als ob Leben eben nur in einem steten Überwinden sich behaupten könne. Immer ringen wir aus diesem täglichen Getrübe des Daseins heraus nach leitender Erkennntnis u. doch will der Weg sich immer wieder verdunkeln.
Mag man noch so fest an den idealen Gehalt des Menschenlebens glauben,
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| was hilft es, wenn man so wenig davon in diesem realen Dasein zum Ausdruck bringen kann?
Mit Freude hörte ich, daß Sie mit Zuversicht u. Gelingen arbeiten. Wie gern hätte ich mir davon bei der Wanderung in Rudolstadt erzählen lassen! Herzlichen Dank für die beiden Karten. Wollen Sie mir nicht mal erklären, was Sie eigentlich mit dieser Reise nach Jena bezweckten? Sie beunruhigen mich mit allerlei Andeutungen, die ich nicht verstehe.
Ja - reisen - Mit dem Juli am Ammersee ists selbstverständlich nichts. Im Juli kann ich nicht fort, u. außerdem wäre mir das keine Erholung. Ich brauche Höhenluft, wenns etwas nützen soll. Übrigens werde ich dies Jahr überhaupt nur nach Cassel gehen. Darum - nehmen Sie lieber den Umweg über Heidelberg in Ihr Programm
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| auf. Oder gehen Sie nicht doch vielleicht mal an die See?
Was nun Pfingsten angeht, so könnte ich freilich um diese Zeit einen Abstecher nach Berlin wohl möglich machen. Ich habe schon länger an diese Möglichkeit gedacht u. meine Tante! in der Knesebeckstraße hat mich dringend eingeladen. Aber wenn dann der Humboldt "ins Feuer" soll, kann ichs wirklich nicht verantworten! Doch nun antworten Sie mir bitte einmal ernstlich u. aufrichtig. Glauben Sie, daß wir beide etwas von meinem Kommen haben würden? Können Sie es mit Ihrer Arbeit vereinen, mir etwa 3-4 Tage zu opfern, die wir dann zu Tagestouren verwenden würden, abgesehen von gelegentlichen kürzeren Besuchen oder gemeinsamen Wegen? Ich denke, falls ich komme, 2 Wochen zu bleiben, (wohl 6.-22.) u. muß natürlich dann
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| auch allerlei Familie u. Kunst "erledigen". Es wäre mir aber das Hauptanliegen, einige schöne Tage mit Ihnen zu verleben, soweit sich das mit Ihren Arbeitsplänen vereinigen läßt. Selbstverständlich werde ich darin keine unvernünftigen Ansprüche machen. Sie müssen wissen, ob u. wie Sie es einrichten wollen.
Abends. Das Schreiben draußen ging nur langsam; ich mußte immer wieder gucken u. lauschen. Der Frühling ist nun mit einem male doch ganz überraschend gekommen u. man sieht mit Staunen all die Schönheit. Inzwischen hatte ich nun auch noch einen seltenen Kunstgenuß: die Tanzschule der Duncan. Haben Sie diese Kinder je gesehen? Das ist wirklich Musik in menschlicher Gestalt, diese Harmonie der Bewegungen, diese naive frische Gestaltungsfreude, die in diesem jugendlichen Körpern
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| zum Ausdruck kommt, ist wirklich entzückend. Ein Reigen mit einem großen Schleiertuch, das wie eine Wolke auf u. niederschwebend sich wie lebendig dem Tanz der Mädchen einfügte, war ganz ergreifend schön.
- Jetzt sitze ich in der stillen Nacht an meinem Schreibtisch u. durch das offene Fenster kommt vom Geisberg her das Lied einer Nachtigall bis zu mir. Das ist das erste Mal in den 10 Jahren die ich nun schon hier bin. Denn am 8. Mai ist es genau 10 Jahre, seit ich dauernd hierherkam. Welch lange Zeit! Wie vieles hat sich außen u. innen geändert. Was ist nun von alledem mein, was habe ich dazu getan, u. was wird mir bleiben? Was kann die Blüte dafür, die der Wind in den Staub weht, daß sie nutzlos verdorren muß? Die Welt ist so reich - u. so grausam.
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| Ob wohl der Schluß Ihrer kleinen Reise doch erfrischend war? Hoffentlich haben Sie die Ihrigen wohl angetroffen. Ich würde mich sehr freuen, an Pfingsten Ihre lieben Eltern wieder zu sehen.- Sie haben mir nie gesagt, ob Sie die schwarze Person ähnlich fanden? Ich schicke Ihnen hier noch einen andern Abdruck von ihr- "große Ereignisse u. kleine Leute werfen ihren Schatten voraus!"- welchen finden Sie besser? Wenn Sie wollen, behalten Sie das, was Ihnen ähnlich scheint!
Aenne finde ich zum Glück wohler als vor meiner Abreise. Sie ist sehr in Anspruch genommen von einer merkwürdigen Mission. Sie muß für ein altes Fräulein, die aus guter Familie, aber ganz am Rande mit ihren Mitteln u. außerdem geistig nicht normal ist u. die nicht mehr
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| für sich einstehen kann, ein Unterkommen suchen. Sie wird wohl am Ende nach Illenau in die Irrenanstalt kommen, aber einstweilen will sie nicht.
Morgen fange ich nun also die Stunden in Schwetzingen wieder an, die dann mit den Sommerferien abschließen werden. Ich habe dies selbst angeregt, weil ich es für richtig hielt. Die betreffende Correspondenz interessiert Sie vielleicht, ebenso Ada Thönes u. s. w. Kennen Sie Weinel? Sind Ehrismanns nicht unglaublich höflich?
Recht herzliche Grüße an Sie u. Ihre Eltern. In treuer Freundschaft
Ihre
Käthe Hadlich.

[] Aenne trug mir noch extra Grüße auf.