Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. Mai 1908 (Heidelberg)


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Heidelberg. 31. Mai. 08.
Mein lieber Freund.
Sie werden inzwischen schon von Hermann gehört haben, welch tiefer Schatten auf unsere schönen Pläne fälllt. Aber lassen Sie unsihm helfen, das Schwere zu ertragen; lassen Sie uns ihm in treuer Liebe nah sein, es wird ihm wohltun. Wir wollen ihm treu bleiben, nicht wahr?
Wenn sie auch vielleicht nicht soviel von seinem Umgang haben, wie Sie von einem Freunde fordern, es ist doch Geben seliger als Nehmen! Er hat die Gabe nicht, sich frei zu geben, er ist so verschlossen, aber er leidet doppelt, weil er nicht sprechen kann.
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Doch ich will, wenn auch mit Ungeduld, denn ich wäre lieber schon dort, Ihre letzten lieben Zeilen beantworten. Herzl. Dank dafür u. für die "Drucksache". Wenn Aenne hier wäre, würde sie Ihnen mit Nachdruck auseinandersetzen, was das heißen will, daß ich dazu in dieser ganzen Woche nicht eine Minute Zeit finden konnte.
Also Großputzerei zu meinem Empfang wäre mir nicht nur peinlich, denn ich scheue es sehr, Umstände zu verursachen, sondern es wäre auch zwecklos, denn ich würde es nicht mal merken. So was sieht man nur bei sich. - Dann also freue ich mich sehr, sehr darauf, am Donnerstag 5.48 von Ihnen abgeholt zu werden, ohne Tante,
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| die verhindert ist. - Können Sie wohl in Erfahrung bringen, ob Scholz an einem der Festtage predigt? Dann ginge ich gern hin, auch Hermann käme mit. Und überhaupt wäre es gut, wenn Sie schon ein wenig Programm machten, was wir dann bei der Fahrt beraten könnten.
Hermann kann nur von Samstag morgens bis Montag abend da sein.- Ich kann es noch garnicht glauben, daß das wirklich wahr sein soll! Gestern morgen deutete mir Tante es an u. heut kamen ein paar kurze Worte von ihm. Es ist so grausam. Als neulich das furchtbare Hagelwetter all die blühende Frühlingspracht zerstörte, war mirs wie ein persönlicher Schmerz, aber was ist
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| das dagegen. Und wie hart, daß man nur mit leiden, nicht helfen kann! Entbehren ist schwer, aber härter noch zu verlieren, was man besaß. -
Sie werden begreifen, daß meine Gedanken heut davon nicht los können. Wir sehen uns ja bald u. dann hoffe ich, soll es eine gute, trotz allem sonnige Zeit sein. Am Mittwoch 3 Uhr 42 bin ich in Cassel, Donnerstag 11 Uhr 20 fahre ich weiter. Die Adresse, falls eine Nachricht nötig wäre, ist wie immer Augustastr. 4.III. Bis Mittwoch früh erreicht mich die Post noch hier.
Herzlichste Grüße an Ihre Eltern u. Sie, u. auf Wiedersehen!
Treulich aber traurig
Ihre
Käthe Hadlich.