Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24./25. Juni 1908 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24. Juni 08.
Lieber Freund.
Wenn es auch noch einige Tage hin ist bis zum Geburtstage, warum sollte ich nicht immer mit dem Schreiben beginnen! Meine Wünsche für Sie sind ja doch immer die Gleichen: Alles, was das Leben reich u. glücklich machen kann, möge das Schicksal Ihnen gewähren. All das, was mit glühender Lebenskraft in Ihnen nach Erfüllung ringt, möge sich trotz Druck u. Schwierigkeiten behaupten in freier Entfaltung. Sicher u. fest im Bewußtsein des in treuer Arbeit errungenen Besitzes, werden Sie auch nach außen hin
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| immer erfolgreicher in diesem entscheidungsvollen Jahre vorwärtsschreiten. Und was immer Ihr Herz sich wünscht, möge der Himmel Ihnen gewähren. Möge er vor allem Ihre lieben Eltern gesund erhalten. - Und was uns Beide angeht? Da wünsche ich nichts, da vertraue ich, AEI. Zeitlos u. nicht von dieser Erde ist das, was uns verbindet. Aber Kraft u. Zuversicht giebt es uns für den irdischen Kampf. Nicht weichlich bewahren möchte ich Sie vor diesem Kampf, denn nur durch ihn geht der Weg zum Siege, aber glücklich macht es mich, wenn ich aus Ihren Worten fühle, wie in unserer Gemeinsamkeit Ihr Wille stärker wird u. die Gewißheit wächst. Mehr u. Höheres kann mir das Schicksal nicht geben.
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| Davon sei dieses Blättchen uns Symbol.
Welch eine befreiende Kraft dies schöne Zusammensein für mich gehabt, kann ich Ihnen nicht beschreiben. Die lange Dunkelheit des Winters u. viel quälende Gedanken hatten mich so gelähmt, daß ich mir vorkam, wie ein gespießter Schmetterling. Aber jetzt habe ich die Flügel wieder frei u. nehme es mutig mit dem Leben auf. Niemand u. nichts kann doch den Glauben an den hohen, beglückenden Wert des Lebens rauben, an jene innere - jenseitige Welt, die keine Worte fassen u. die sich uns in gemeinsamer Gewißheit offenbart. Mag man für sich selbst wohl einmal kleinmutig verzagen, am andern
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| kann man niemals irre werden. Darum wollen wir zusammen halten, wie bisher, mit einander u. für einander!
Der schöne Rembrandtsche Daniel steht vor mir auf dem Schreibtisch. Ich liebe dies Bild so sehr, daß ich mich nicht davon trennen konnte. Haben Sie das gewollt? - Es ist eine solche Zartheit u. lichte Poesie in diesem Kunstwerk, wie es bei Rembrandt ganz selten vorkommt, darum aber desto überwältigender wirkt.

25.VI. Hätte ich doch nur etwas recht Schönes für Sie zum Geburtstag! Ob Ihnen der Dante gefallen wird? Vielleicht haben Sie in den Sommerferien mal Zeit dafür. Ich schicke Ihnen mein Exemplar, da ja
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| in absehbarer Zeit die andern [über der Zeile] Teile erscheinen, u. ich sie Ihnen dann gleichmäßig gebunden geben möchte. Wenn wir doch einmal etwas derartiges zusammen lesen könnten!
Ich habe dies Buch wohl mit innerem Gewinn gelesen, aber es bleibt doch bei mir viel in einer dunklen Gefühlsmäßigkeit stecken. Wieviel klarer u. durchsichtiger ist alles, was Sie mir vermitteln, ohne deshalb an Wärme einzubüßen.
Sagen Sie, wieviel ist eigentlich in dem Hahnschen Aufsatz wohl Ihr Einfluß? "Philosophie in ihrer höchsten Form ist Kunst u. dennoch wird sie nie das Leben ganz ausschöpfen." Der Aufsatz in seiner Sprache u. seinen Bildern, seiner Gedankenentwicklung gefällt mir sehr bis auf das Gobineausche Citat, das sehr lang u. doch nur ein indirectes Zeugnis ist. Wo ist
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| der Aufsatz nun eigentlich erschienen? Verzeihen Sie, wenn er durch eifrige Benutzung ein bißchen gelitten hat, das Papier ist auch ziemlich schlecht!
Jetzt ist mir, als müßte ich Ihnen wieder von all den kleinen Vorkommnissen des Tages berichten, wie ichs in Berlin tat. Die Tage dehnen sich, da ich fast immer allein bin. Sie wissen, ich bin immer für entschlossenes Vorgehen, u. so habe ich mich sofort an die Zahnärztliche Procedur begeben - nicht ohne Kampf mit Aenne, die gerade tat, als solle sie dran glauben. Ich nehme es ja selbst im Grunde schwerer, als ich eingestehe. Aber was hilft es, zu klagen? Man muß doch durch.
Am Montag 8.24 war ich schon unterwegs nach Schwetzingen, wo die Stunde ganz nett verlief. Es werden nun noch 2 sein, nächsten Montag ist Feiertag! u. am 15. Juli
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| hat diese Episode ein Ende. Ich glaube nicht, daß ich dort noch wesentliche Erfolge haben würde. Das Mädchen hat eine ursprüngliche Begabung u. Phantasie, aber eine große Schwierigkeit, gewissenhafte Naturbeobachtung wieder zu geben. Sie ist nicht eigentlich renitent, aber fast nicht zu beeinflussen. Ich bin erlahmt u. hoffe für sie von einem neuen, kräftigeren Einfluß alles Gute.-
Meine andern Kleinen waren munter, nur der kl. Engländer ist ein fauler Strick. - Die Luft hier hat wie immer höchst erschöpfend auf mich gewirkt, na - u. die Zahngeschichte ist auch nicht zum Erholen. Aber nächste Woche soll das besser werden. In meiner Wohnung war alles so behaglich u. mit Blumen geschmückt, u. meine Aenne empfing mich lieb, wie immer. Leider geht es ihr
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| garnicht gut, u. ich wollte nur, es könnte etwas für ihre Gesundheit geschehen. Man kommt doch aus den Sorgen nicht heraus, u. es ist umso quälender, wenn man garnichts zur Besserung tun kann. Die ewige Gewitterluft hier ist auch garnichts für ihre Nerven. Und wenn nur wenigstens andre Gewitter immer ganz zu vermeiden wären! Aber ich habe doch alle Hoffnung, woher soll denn immer electrische Spannung kommen, wenn man sich doch von Herzen versteht u. lieb hat?
Die lange Fahrt hierher hat mir recht nachdrücklich die große Entfernung von Berlin ins Gedächtnis gerufen. Wie gut, daß Gedanken u. Briefe sie so leicht überbrücken! Und so werde ich doch am Sonnabend mit innigen Wünschen bei Ihnen sein, u. so dürfen Sie sich trotz aller Schranken des indviduellen Lebens niemals ganz vereinsamt fühlen, denn abgesehen von den Lieben, die Sie in Berlin haben, bin ich doch noch immer in treuer Liebe Ihnen nah als Ihre Schwester.
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