Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5./6. Juli 1908 (Heidelberg)


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Heidelberg. Sonntag. 5. Juli 08.
Mein lieber Freund.
Wenn Sie sich wegen des Nichtschreibens entschuldigen, so muß ich es wohl tun, weil ich schon wieder schreibe! Ich will es dadurch leichter zu machen suchen, daß ich versuche, mich kurz zu fassen, denn eigentlich könnte ich schon wieder ein Buch voll schreiben. - "Buch"- (daher kam ein Gruß vom 27., leider wenig erfreulich!) - liegt das wohl an der Stettiner Bahn? Ist es ein Dörfchen mit Schloß der Familie Voß? Ist es das Buch, wo ich als Kind bei Pastor Wackernagels in Garten u. Feld Indianer spielte u. in der Scheune mit dem Jungen unters Dach kletterte, um von dort in die Garben hinterher zu springen? Das war doch gerade, als wenn man fliegen könnte.- Und wenn
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| man das Dorf rechts von der Eisenbahn liegen ließ, u. ging links die Landstraße, so kam man bald bei einer Biegung an einen "Verbotenen Weg". Da war mal ein schöner Wald, Wiesen mit Orchis u. zwischen den welken Blättern die reizenden, blauen Leberblümchen. An einem kühlen, sonnigen Vorfrühlingstag ließ mein Vater dort den Wagen weiterfahren u. ging mit mir durch diese unbekannte, fremde Gegend, doppelt geheimnisvoll durch das heimliche Bangen, weils doch "verboten" war. Dann kreuzte ein breiter Graben unsern Weg, u. mein Vater trug mich über das Wasser - Das ist auch so ein Tag im Leben, wie sie für immer Leuchtkraft behalten. Gingen wir dort nach Karo oder Malchow zu? Wir kamen dann bei einem Forsthaus wieder zum Wagen, u. der Förster schenkte mir blaue Häherfedern!, die ich damals zum ersten male sah.
Wieviel Erinnerungen gibt es
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| doch noch, die ich gern aufgesucht hätte, wozu wir nicht gekommen sind.
Und doch mache ich mir jetzt schon Gedanken u. Sorgen, ob mein Besuch nicht eine unverantwortliche Störung war, die Ihnen nur Kräfte u. Zeit gekostet hat, die Sie so nötig für Ihre enorme Tätigkeit brauchten. Ich hatte mir eingebildet, solche frohen u. freien Ferientage würden, wie sie mir Frische u. Kraft wieder gaben, auch für Sie nur Gutes wirken können. Aber aus Ihrem lieben Brief klingt kein Ton der Freudigkeit mehr. Und mit meinem Wunsch, Ihnen eine Geburtstagsfreude zu machen, ists auch mißglückt. Erst schicke ich das dumme Zeug zu spät ab, dann wollen Sie die "Hölle" nicht, u. die Biskuits machen Sie mir zum Vorwurf, die Decke ist Ihnen zu feurig u. überhaupt! Aber warten Sie nur, im Gebrauch wird sie bald dunkler, u. es sind nicht immer 30° im Schatten, da wird sie am Ende doch noch zu Ehren kommen.
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Wie kolossal waren Sie wieder beschäftigt. Die Schule absorbiert doch sehr viel Kraft, u. ich kann so gut begreifen, wie solch widerwärtige Lügerei Sie dann verstimmt. Es ist wohl furchtbar schwer, eine einmal ausgesprochne Lüge zurück zu nehmen. Sie wissen, ich habe einen ähnlichen Fall erlebt, der mir sehr zu schaffen machte. Hat doch hier selbst die Mutter kein Geständnis erzielt. Aber ich habe den Eindruck, daß das Kind es nicht wieder tun würde u. das ist mir viel wert. Hoffentlich läßt sich doch auch in Ihrem Fall die Sache noch zum Guten, denn eine fortgesetzte Unklarheit u. Mißtrauen sind unerträglich.-
Morgen reist Aenne für einige Tage mit ihrer Mutter nach Stuttgart. Erholung wird das wohl leider nicht viel bringen. Meine Tante Thes in Cassel setzt mir zu, mit den Schwestern Kley aus Bonn, die ich beide sehr gern mag, nach - Freudenstadt zu gehen. Ich würde es aber nur tun, wenn für
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| Aenne ein Erholungsaufenthalt absolut notwendig würde, u. ich weiß, daß sie allein nicht ginge. Ich brauche es nicht u. will lieber nach Cassel, wo ich vom [über der Zeile] etwa 10. August ab willkommen bin.Vorher gehe ich dann auf einige Tage nach Hünfeld u. kann damit vielleicht einmal die Fahrt über Würzburg verbinden.
Sehr begierig bin ich, zu hören, wie sich Ihre Reisepläne mit dem Freund Ludwig gestaltet haben. Wie schade, daß ich nun doch weder ihn noch Herrn Dr. Oesterreich zu sehen bekam.- Gerade dies Jahr wäre nun mal wie geschaffen fürs Neckartal gewesen. Wir haben ein wunderbares, klares, trocknes Wetter, Tag für Tag, herrliche, warme Sonne, kühler Wind u. keine Spur der sonst üblichen Schwüle seit den zwei ersten Tagen nach meiner Rückkehr. Ich habe es so hier noch nie
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| erlebt. Man braucht wirklich keine "andre Luft". - Wie freute ich mich immer der Sonne, wenn ich an Ihr Arbeiten auf dem Balcon dachte, u. hoffte, sie solle Ihnen erfreulich sein. Und nun ists Ihnen so garnicht gut gegangen. Das tut mir so leid. Und Ihrem Herrn Vater ging es nicht gut. Ist er denn nun wieder gesund? Ich wollte wirklich, Wünsche wirkten telepathisch- das Unangenehme behielte ich gern für mich.
Hoffentlich schreiben Sie mir das nächstemal, daß der Tiefstand mal wieder vorüber ist. Es ist mir doppelt schmerzlich gerade jetzt diese Depression, die mich wie ein Vorwurf trifft.
An Ihrem Geburtstag hatte ich auch eine tiefe Erregung. Hermann schrieb mir, so mutlos, gleichgültig, u. doch klang zum erstenmal der tiefe Schmerz durch, unter dem er
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| wie vernichtet scheint,- dann ein Mißverständnis, als ob ich ihm sein Wesen in Berlin hätte zum Vorwurf machen wollen, kurz, ich war ganz außer mir. Ich antwortete ihm gleich, u. habe nun die Beruhigung, daß wenigstens wir wieder im alten Ton verkehren u. daß er wieder natürlicher, offner schreibt. Er darf sich nicht so schrecklich isolieren, denn sein ganzes Treiben war ja nur äußerlich u. sein eigentliches Ich verschanzt, wie in Angst vor jeder menschlichen Berührung. Jetzt, hoffe ich, ist doch wieder ein Anfang gemacht. Er ist ja noch jung, er wird u. muß überwinden. Aber helfen wollen wir ihm, so weit man das kann- nicht wahr? Er schreibt: "Wenn er nicht auf Ernst Schwaltes, Sanborns u. unsers unbedingtes Herzens-Verständnis rechnen könnte,
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| wüßte er trotz der auch ohne Verständnis unwandelbaren Liebe von Mutti u. den Kindern nicht, was er eigentlich hier solle."- Habe ich nun nicht doch recht, wenn ich ein ebenso lebhaftes Schmerzempfinden bei ihm vermute, wie wir es haben- auch wenn er sich anders äußert? Die Bücher sind ihm nichts, "es ist doch alles dummes, wertloses Zeug, worin nicht ein Tropfen Herzblut steckt."- Aber sein Beruf, das hoffe ich, soll ihm immer lieber werden, man spürt schon, daß der Umgang mit der Jugend seinen Zauber auf ihn übt. Und jetzt wird er auch das Seminarjahr machen; er hat sich schon gemeldet. So wird es ja wieder werden mit der Zeit. Und wenn es auch eine harte Zeit ist - werden wir nicht alle durch Leiden erzogen?
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Von Gerta hatte Mama nun endlich auch Nachricht. Sie will bei ihrer Rückkehr von Bonn nach Weimar sie in Cassel aufsuchen. Es ist doch gut, daß sie diese Aussprache sucht u. wird uns hoffentlich Ihr Handeln verstehen lehren. Die Reise von Jena nach Bonn habe sie mit Ada Thönes gemacht, die im Herbst heiraten werde. Ich hörte direct nichts seit jener Karte in Berlin.-
Als Ersatz für die Schwetzinger Stunde kommen jetzt die zwei niedlichen kleinen Mädchen, die ich Ihnen mal als Photographie schickte. Das freut mich recht. So geht es eben doch immer still weiter mit dem Beruf, u. zum Herbst ist wieder allerlei in Aussicht.
- Für mich arbeite ich auch immer wieder. Und wenn ich auch nie mit
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| dem Resultat zufrieden bin, so läßt mich doch die Hoffnung nicht los, ich könne noch einmal ein Ausdrucksmittel finden für das, was ich vorstellen möchte. Einen der letzten Versuche schicke ich Ihnen zur Ansicht mit. Ob was drin ist? Ich weiß es nicht. Es ist eine Waldwiese in der Nähe von Kohlhof. Ahnen Sie, an was für Klänge sie mich gemahnte?
Daß Sie wegen des dummen Buchstabens von mir solch Umstände machten, ist mir ganz peinlich. Da er nun aber mal angewendet werden soll, möchte ich fragen, ob Sie nicht noch mehr Kapitelanfänge brauchen? Ich würde sie gern zu machen versuchen, wenn ich nur die Grundform der betreffenden Buchstaben angegeben bekäme. Bitte- Sie würden mir eine Freude
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| damit machen!
Ob Sie wohl mal in den Garten von Karl Brose gehen werden? Ich schrieb ihm eine Karte, weil ich ihn doch nicht aufsuchte u. er von meiner Anwesenheit durch Ännchen hörte. Da habe ich ihm auch Ihren möglichen Besuch angekündigt. Es wäre mir interessant, was sie wohl von dem Urheber dieser Anlagen sagen würden. Ich glaube, sie wären enttäuscht. Aber eventuell wäre er ja auch wieder nicht da!- Wenn ich noch an das Erstaunen der kleinen Pütterchens über mich denke, muß ich wirklich lachen. Wäre ich als Mondkalb vor ihren Augen vom Himmel gefallen, es wäre keine größere Verblüffung möglich gewesen.
Aber, jetzt werden Sie denken: Hilf Himmel, so ists, wenn
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| sie sich kurz faßt!! Und Sie haben ganz recht.
Also, leben Sie wohl- aber wirklich: recht wohl! Schütteln Sie mal alles Trübe u. Drückende ab - Die Sonne scheint doch auch für uns! Sie lächelt "liebevoll", sagt der Wacholderbaum!- -
Grüßen Sie Ihre lieben Eltern u. seien Sie selbst herzlich gegrüßt von meiner Freundin Aenne u.
Ihrer Freundin
Käthe.

6.VII. Heut war die letzte Schwetzinger Stunde. Einen dicken Rosenstrauß- Schluß!- In der Bahn unterhielten sich die Bauern: "Amerika is unner uns, das geht immer so rum, wie beim Mond. Un wir sinn oba druff!" Gell, wir wollen auch "oba druff" sein?