Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. Juli 1908 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15. Juli 08.
Lieber Freund.
Theorie u. Praxis sind immer zweierlei, u. so will ich entgegen der Theorie rasch noch versuchen, ob ein Gruß Sie vor der Abreise in Berlin erreicht! Dank für die Karte heut. Ich hatte wohl etwas auf Nachricht gewartet, wenn ich auch keinen Brief erwartet hätte. In solcher Zeit vor der Reise ist immer so vielerlei andres. Aber ich hätte doch gern gewußt, was Sie nun eigentlich vorhaben. - Es tut mir sehr leid, daß Sie nun doch allein
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| reisen, ich hatte mir Gutes von der Gesellschaft Ihres Freundes für Sie versprochen. Hoffentlich sind Sie vom Wetter begünstigt u. finden recht gründliche Erholung. Möchte es Ihnen dort besser gefallen, als in Churwalden! Dazu gehört nicht viel, nicht wahr? Also, möge es Ihnen dort sehr gut gefallen!
Wenn Sie in München was von der Kunst aufsuchen, versäumen Sie bitte die Schackgalerie nicht: Böcklin, eins immer schöner als das andre, Lenbach, Hirtenknabe, Feuerbach, die singenden Kinder- u. noch vieles. Könnte ich Sie nur dort führen, ich kenne die Stadt
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| so gut u. ich liebe München so. Sie werden aber wohl erst auf der Rückreise dort Aufenthalt machen. Es ist sicher besser, erst an die Erholung zu denken.
Es ist doch wohl sicher, daß Sie die Rückfahrt nicht mit dem Umweg über das Neckartal machen? Denn es wäre mir leid, wenn ich dann wieder gerade ein paar Tage vorher fortgereist wäre, wie damals!! Meine Pläne sind ziemlich bestimmt, u. bleiben bei Cassel. Ich bedaure, daß ich für Aenne nichts tun kann, möchte gern, daß sie für eine Weile nach Wilhelms-Höh könne, aber es wird wohl nichts damit werden. Sie sieht oft so schlecht aus, aber die Nerven scheinen mir doch besser. Man hat doch eigentlich nichts als Sorgen, finden Sie nicht auch?
Wenn Sie auch nicht gerade geräuschvoll sind, wird es Ihren Eltern doch recht still vorkommen, wenn Sie fortgehen. Grüßen Sie sie, bitte herzlich. - Kann Ihr Freund aus München nicht mit ins Gebirge kommen? Das wäre gewiß sehr anregend u. erfreulich für Sie.
Nun lassen Sie mich bald u. Gutes von Ihnen hören! Schreiben Sie mal wieder ne Karte, ja? Mit herzlichsten Wünschen für Ihr Wohlergehen
Ihre
Käthe Hadlich.
[li. Rand, S.1] Von der "guten" Tante hatte ich einen sehr freundlichen Brief. Ich bin froh, daß sie mir das viele Ausreißen nicht übel genommen hat!