Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23./24. Juli 1908 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23.VII.08.
Lieber Freund.
Verzeihen Sie, daß ich mit dem Stift schreibe. Es ist ein so herrlich sonniger Tag, daß ich nicht zu Haus bleiben wollte u. da ich allein bin, so möchte ich in Gedanken liebe Gesellschaft aufsuchen! Jetzt ist es gewiß in Tegernsee wundervoll u. Sie werden sich freuen an gemeinsamen Wanderungen. Lassen Sie sichs gefallen, mein Freund, wenn Ihr Reisegefährte fröhlich u. sorglos mit Ihnen die Oberfläche des Daseins genießen möchte. Die Tiefe geht Ihnen nicht verloren, auch wenn Sie eine kurze Zeit in heiterer Zerstreuung die Seele ruhen lassen.
Ich kann Ihnen nicht sagen, wie mich das alles quält, was Sie von Ihrer plötzlichen Nervendepression schrieben. Zunächst das Realste: Ihre Arbeit u. die Habilitation. Ob Sie in der gesetzten Frist fertigwerden würden, war Ihnen ja schon damals fraglich. Aber wenn das nun
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| wirklich ausgeschlossen ist, hat da das Verschieben der Habilitation um einige Monate ernste Bedenken? Könnten Sie dann nicht doch noch etwa einen Teil der Schrift als Manuskript einreichen?
- Was aber ist die Ursache des unerwarteten Rückfalls? Daß er nach diesem Winter nicht schon eher kam, ist vielleicht merkwürdiger, als die Tatsache an sich. Freilich habe ich an solche Möglichkeit jetzt ebensowenig gedacht, wie Sie, denn der Mensch glaubt so gern, was er wünscht. Daß für mein Gefühl über unserm Berliner Zusammensein wie ein Druck lag, den ich nicht verstand, haben Ihnen ja gelegentliche Äußerungen gesagt. Ich suchte vergeblich nach einem Grund, u. Sie selbst versicherten, es läge nichts vor. Aber dennoch blieb es in mir, wie ein ungelöster Accord, als hätte ich trotz all der vielen schönen Stunden etwas Wichtiges versäumt. Denken Sie an den stillen Frieden des Dilsbergs, an Dresden, an Griesbach - das wollte die lärmende, heftige Großstadt nicht aufkommen lassen.
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| Und dieses Etwas - das ich nicht nennen kann, das Sie aber kennen u. fühlen, das weiß ich, suchten wir umsonst.
Ich strebte diese Sehnsucht als einen unberechtigten Anspruch zu unterdrücken u. nahm dankbar u. offnen Herzens die vielen schönen u. wohltuenden Eindrücke unseres gemeinsamen Lebens auf als unverdientes, verpflichtendes, tröstendes Glück. Aber daß es Ihnen nicht helfen konnte, läßt mich mein Kommen bereuen. Wie nahe liegt der Gedanke, daß ohne mein ahnungsloses Dazwischenkommen das schwer behauptete Gleichgewicht noch bis zu den offiziellen Ferien vorgehalten hätte.
Ich kenne den Zustand tiefer Qual, den Sie mir schildern, in dem alle Werte des Lebens sich verschieben u. in dem mit der eignen Aktivität auch aller Inhalt des Daseins erloschen zu sein scheint. Es ist krankhaft, man weiß es deutlich, u. doch kann man sich nicht freimachen. Aber nicht durch Grübeln u. Einsamkeit ist da Frieden zu gewinnen,
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| denn die verdüsterten Gedanken malen alles grau in grau, sondern neben körperlicher Ruhe tut mir in solchen Tagen der Verkehr mit Menschen not, der mich fühlen läßt, daß auch ich nicht ein haltloses Blatt im Winde, sondern ein Mensch unter anderen bin. - Wie sagt Mephisto von der "schlechtesten Gesellschaft"?- u. Sie haben ja jetzt einen Freund, u. darum bin ich froh. Lassen Sie sich ablenken, schütten Sie alle Trübsal in den Tegernsee u. lassen Sie das Gefühl des Lebens wieder beglückend u. neu in Ihr Herz einziehen. Wie liegt es doch voller Hoffnungen vor Ihnen! Mag der Weg mühsam u. weit sein, Sie wissen ja, wieviel Sie schon überwunden haben u. daß das Ziel nahe ist.
Wenn ich mich bei den engen Grenzen meiner Kräfte u. Fähigkeiten bisweilen nur mühsam behaupte, so ist das wohl erklärlich. Aber ich weiß, daß nun Jahr zu Jahr die Rückfälle seltener
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| werden, daß man lernen muß, den Einklang zu mehren, daß diese dunklen Tage ihre verderbliche Macht immer mehr einbüßen, je klarer man sie als krankhafte Einbildung erkennt. Und wieviel mehr muß das bei Ihnen der Fall sein, mein Freund, bei dem unerschöpflichen Reichtum schaffender, bildender Lebenskraft, den das Schicksal Ihnen mitgab.

24 Juli - Wie freue ich mich der Sonne für Sie. Solche Tage müssen Ihnen ja guttun. Auch ich bin etwas marode, u. so kann ich es verantworten, daß ich wieder im Freien bin, statt zu arbeiten.- Ich habe heute nacht so schauderhaft geträumt, Aenne wäre verunglückt, daß es mich noch verfolgt, daß man sich auch im Traum noch weiter quälen muß! Ich kann mir ja garnicht ausdenken, was aus meinem Leben würde ohne sie.
Wenn das daheim leer u. hoffnunglos erscheint, dann ist es wohl einmal nötig,
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| sich klarzumachen, wieviel man immer noch zu verlieren hat. Ich habe seit Ostern das Gleichgewicht ziemlich zurückerobert, denn ohne das ist mir das Leben allerdings unmöglich. Aber es kommen immer neue Schwierigkeiten von innen u. außen, sodaß man wohl nie von einer erreichten Harmonie reden kann. Es macht mich sehr glücklich, wenn mein wirklich ernstes Streben danach von Ihnen empfunden wird. Und in diesem tiefsten, persönlichsten Lebenskampfe, mein Freund, da wollen wir einander Gefährten u. Helfer bleiben. Das ist der objektive Gehalt, den ich aus unsern Beziehungen zu verlieren nicht ertragen könnte.
Sie sprachen von einer notwendigen, religiösen Ergänzung, ohne die das Leben nichtig sei. Auch ich kann nicht leben ohne den Glauben an jene "jenseitige Welt", die ich freilich nicht in einem räumlich u. zeitlos fernen Jenseits suche, sondern tief im Herzen, jene Kraft der Weltüber
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|windung, die durch alle Hüllen u. Widersprüche der Wirklichkeit einen unvergänglichen, göttlichen Lebenskern schimmern sieht, vor dem aller andre Lebensinhalt nur Mittel zum Zweck werden kann. Es gibt keine Humanität, keine vollendete Menschlichkeit, die nicht über die Grenzen des Realen hinauslangte in eine unsichtbare Welt der Ergänzung. Mögen wir diesen Ausgleich für das große Minus des wirklichen Lebens als göttliche Kraft u. Gnade in uns, als Hoffnung oder wie immer empfinden, wenn es nur ein lebendig Wirkendes bleibt u. wir seine Macht durch unser Wesen zum Ausdruck bringen, dann soll die Form, die wir ihm in der Sprache geben, keine Trennung sein, nicht wahr?
Wenn nun auch die individuellen Eigenheiten unsres Wesens mich nie an der schönen, tiefen Übereinstimmung irremachen können, so freut es mich doch stets, auch Einheit im Ausdruck zu finden. Geradezu überraschend war diese Einheit in unserm Urteil über den Wacholder!
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| Anfangs erinnerte mich die etwas schwüle Stimmung an den kleinen Johannes. Dann fesselten mich die Naturschilderungen u. die poetische Ausgestaltung des Weltbildes. Aber allmählich wurden mir die Dialoge mit ihrer einseitigen Beweisführung unerträglich, der Roman weichlich sentimental u. so habe ich den 2. Band nur durchgeblättert. Eigentümlich ist mir, daß der Vers, mit dessen Pantheismus sich ursprünglich die individuelle Fortdauer durchaus vertrug, diese zum Schluß im All vergehen läßt. In der Regel zeigt uns die Erfahrung des Lebens doch gerade gegen das Ende eine Rückkehr zum Glauben an persönliche Unsterblichkeit.
Meine Freundin hat den ersten Band jetzt mit in Würzburg. Ich bin begierig auf ihre Eindrücke. Wenn der Aufenthalt ihr doch etwas Erholung bringen möchte. Aber sie kommen ja schon Donnerstag oder Freitag zurück, das lohnt kaum. Danach haben wir noch einen netten Plan, dessen Ausführung aber leider noch von allerlei Umständen abhängt. Wir möchten gern am 3. August für einige Tage in die Pfalz,
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| wo uns ein hübscher, billiger Aufenthalt in der Nähe von Landau empfohlen ist (Hermersberger Hof 550 m). Es wäre fein, wenn etwas daraus würde. Ganz besonders aber möchte ichs Aennes wegen wünschen, der diese Freude u. Zerstreuung gewiß gut täte. Ich gehe dann direct nach Cassel u. erst auf der Rückfahrt nach Hünfeld. Ich bin so oft umbestellt worden mit meinem Kommen, daß [über der Zeile] ich beinah vor Ärger das Reisen ganz verschworen hätte. - In der Pfalz werden wir mit einer sehr netten Dame, Frau Dr. Weltz zusammen treffen, deren ältester Sohn soeben das Abitur machte. Diesen jungen Menschen, von dem sein Director sagte, er sei einer von den wenigen, die selbst denken, wünscht Ihnen die Aenne immer in die Nähe. Er würde Sie gewiß interessieren. Aber er geht jetzt nach Jena zum Studium.
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Von Ada Thönes hatte ich statt des lange versprochenen Briefes mal wieder ein paar Karten. Sie fährt Dienstag durch Cassel zum Jenenser Jubiläum. Anfang September soll dann die Hochzeit sein. Wenn Sie zu Haus die Blätter f. rel. Erz. noch haben, schicken Sie mir sie vielleicht gelegentlich mal. Es hat Zeit damit, ebenso wie mit der Waldwiese!
Einen schönen Sonntag morgen hatten Aenne u. ich noch neulich auf d. Königstuhl, (ein wenig seitlich von dem Weg, den wir 3 gemeinsam gingen). Wir brachten einige Stunden dort in der Stille zu, Aenne in der Hängematte, ich auf dem Waldboden, Ihren Humboldtaufsatz als Begleitung. Es ist ja viel mehr darin, als Sie wissen, u. die Gedanken, die er entwickelt u. anregt, geben diesen friedlichen Morgenstunden gemeinsamen Inhalt u. bleibende Bedeutung.
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Meine Freundin trug mir vor ihrer Abreise noch Grüße für Sie auf, u. läßt sagen, daß sie auf ihren Brief keine Antwort erwarte. Sie behauptet, es sei so dumm gewesen, daß eine gelegentliche Grußkarte als Erwiderung mehr als genügend wäre.
Daß Sie mit Hermann auf keinen grünen Zweig kommen, das tut mir wirklich leid. Aber ich weiß, daß man das nicht wollen kann u. ich kann auch nichts dazu tun. Aber bitten möchte ich Sie, sein augenblickliches Wesen nicht persönlich zu nehmen. Wenn ich das wollte, hätte ich auch Grund genug zum Übelnehmen. Er ist sich seiner verletzenden Ablehnung nicht bewußt. Er macht mir ernste Sorge, wie er sich ohne jedes Interesse an der Welt in seinen Schmerz vergräbt. Möchte doch bald
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| in seinem Innern ein Lebensfunke erwachen, der ihm den Willen zu Überwinden giebt.
Also es war ein Mißverständnis, daß ich mich mit dem bewußten E. als stiller Teilhaber an Ihrem Buche glaubte. Sie schrieben, der Anfang hätte umgedruckt werden müssen, u. da hätte nun dies E. den Anfang machen sollen. - Lassen Sie es jetzt nur lieber abgetan sein, u. wenn Sie wieder eine Arbeit drucken lassen, beehren Sie mich mit einem neuen Auftrag, ja?
Es ist mir ein Trost, daß Sie Ferien haben, denn die Länge des Briefes ist unheimlich. Ich erwarte nicht, daß Sie zu einem Briefe Zeit finden, u. es ist mir viel lieber, wenn sie sich erholen u. ruhen. Aber "als mal" ne Karte bekomme ich, nicht wahr?
In Treue
Deine Schwester.

[li. Rand] Am Samstag abend gehe ich in eine Aufführung von Äschilos' Agamemnon.