Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. August 1908 (Kassel)


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Cassel. Sonntag. 16. Aug. 08.
Mein lieber Freund.
Dank für Ihre Karte. Ich hatte die Nachricht schon gestern Abend aus der Zeitung erfahren u. sie hatte mich tief bewegt. Ich weiß, was dieser Verlust Ihnen bedeutet. Aber Sie werden die lebendige Wirkung dieses Geistes festhalten, in seinem Andenken Kraft u. Zuversicht finden, u. so kann er Ihnen nicht sterben, denn er lebt in Ihnen: verpflichtend, hebend, tröstend! Er hat Ihnen vertraut, u. Sie werden nicht mit Worten, sondern mit Taten danken. Kann man schöner fortleben?
Trotz allem aber bleibt es ein Abschied. Und ich fühle ihn mit Ihnen, mehr als Worte sagen können.
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Es ist mir, als hätten wir sehr lange nichts von einander gehört. Ob sie wohl recht erholt heimgekehrt sind? Ob Sie Ihre Eltern gesund antrafen?
Am gleichen Tage traf ich hier in Cassel ein u. freue mich nun des Zusammenseins im Familienkreise. Leider kommt Hermann erst im Oktober her.
Leider habe ich mir eine Halsentzündung zugelegt u. bin darum heut nicht sehr schreibefähig. Aber ich möchte Ihnen doch so gern ein Zeichen des Gedenkens senden.
Von meinen Eindrücken der Agamemnon-Aufführung wollten Sie auch noch hören u. ich denke noch oft daran zurück. Da ich den Text nicht kannte, so kann ich natürlich nur von dem Eindruck der Vorstellung sprechen. Der war ein ganz überwältigender. Ich hatte
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| etwas Fremdartiges, ein Schauspiel erwartet u. fand das Leben selbst in symbolischer Verklärung. Als den unmittelbaren Willen persönlicher Götter empfinden diese Griechen die ewigen Gesetze unsres geistigen Lebens. Voll Weisheit u. klarer Erkenntnis sprechen sie in ihrer Bildersprache ewige Wahrheiten aus u. die fatalistische Ergebenheit in eine blinde, göttliche Willkür wird siegreich überwunden von dem Glauben an eine allwaltende Gerechtigkeit. Es ist keine Beschönigung des Lebens, denn hart u. grausam nimmt das Schicksal seinen Lauf, aber eine Verklärung, denn es will nicht Zerstörung, sondern Vergeltung. Der übermenschliche Gehalt des Lebens, dem gegenüber der Einzelwille nur Werkzeug ist, kommt in seiner dämonischen Kraft genügend
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| zum Ausdruck. Das ist kein willkürliches Spiel der Götter, sondern tiefe Lebenskenntnis, die in dem äußeren Schicksal nur das Walten ewiger Weisheit sieht.
Die Aufführung war nach der Übersetzung von Willamowitz-Möllendorff mit allerlei Abänderungen. Die Darstellung nur von Dilettanten war von unmittelbarer, zündender Wärme. Besonders die Frauenrollen von künstlerisch ausgebildeten Heidelbergerinnen wurden großartig vorgestellt. Natürlich wars eine moderne Aufführung, besonders die Kassandra psychologisch durchgeführt, aber in der Gesamtwirkung von klassischer Einfachheit. Noch lange klang die Wirkung alles beherrschend in mir nach u. man stand - ich möchte sagen, dem Leben selber in seiner ernsten Größe gegenüber. Was will das Schicksal mit dir? Kannst Du das Leben als Ganzes, als Göttliches fassen? Oder kann das nur die Kunst? <li. Rand> Ich möchte den Brief noch in den Kasten schicken, drum für heute lebewohl! <Kopf> Grüßen Sie Ihre Eltern herzlich u. seien Sie selbst gegrüßt. In treuer Teilnahme an allem, was Sie bewegt, Ihre Käthe Hadlich.