Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. August 1908 (Kassel)


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Cassel. 21. August. 1908.
Lieber Freund.
Auch der Balcon, von dem ich hier schreibe, ist hübsch, wenn auch nicht so hinter Blumen versteckt wie der Ihre. Dafür hat er den in der Stadt seltenen Vorzug nur auf grüne Bäume den Ausblick zu gewähren. Hier könnte man angenehm leben, wenn das Wetter nicht so kühl wäre u. wenn mein Hals mich nicht ins Zimmer gebannt hätte. Es war ja nichts Schlimmes, eine eitrige Entzündung, wohl durch Staubinfection, aber Schmerzen u. Fieber nehmen den Menschen immer mit. Wie behaglich hatte ich es aber dabei in Tantings hübscher Wohnung u. bei ihrer sorglichen Pflege. Für Krankheitsfälle hat das Alleinleben doch manchmal Schattenseiten.- Wenn ich jetzt doch nur mal eine Karte bekäme, wie
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| es Ihnen geht! Ich glaube nicht, daß ich anspruchsvoll bin, denn ich erwarte ja keine Briefe. - Aber ich muß schon sehen, wie ich mich damit abfinde.
Ist Resignation notwendig mit einem inneren Absterben verbunden? Ich kann u. will es nicht zugeben. Dann könnte wohl kaum noch viel Leben in mir sein, nach allem, was ich schon in mir überwinden mußte. Es giebt ein Stumpfwerden, eine erkünstelte Gleichgültigkeit, die tötet. Aber wahre Resignation verdient nicht den Ton stiller Verachtung, mit dem Sie davon reden, sie ist ein stetes Sichbehaupten. Freilich, es werden in diesem stillen Kampf viel Kräfte aufgezehrt, die sich gern freudig nach außen wenden würden. Aber so ist nun einmal das Leben u. das Gefühl der Freiheit ist das höchste, was wir retten können. Freiwillige Unterwerfung unter das Unabänderliche- sogar " ein mut'ger Tod ist unser - letztes Glück". - Und Kassandra erscheint mir nicht schwächlich
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| deswegen, wenn es auch nicht "Worte des Glücklichen " sind. Wie problematisch ist überhaupt das "Glück"! Wenn wir es denen, die wir liebhaben, wünschen so können wir eigentlich nicht ein stetes Genießen meinen, sondern eine immer neue, freudige Kraft, darum zu ringen! Wer die Tiefe kennt, das dunkle, leidvolle Leben, dem scheint sein Dasein gewichtiger als eines, das leicht vom Glück getragen ist - u. doch, wer weiß davon, wer schätzt es höher ein von denen, die es sehen? Vergessen ist eins wie das andre. Wie ergreifend ist diese Klage der Kassandra!
Und Leiden ist ein verschwiegener Besitz. Denn wer möchte Mitleid? Aber helfen können wir einander, wenn ein stilles Verstehen uns verbindet zu gemeinsamem Kampfe. Mir kommt das Resignieren zu u. Ihnen der frohe Erfolg - aber
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| kämpfen u. siegen wollen wir beide.
Wie gern aber würde ich gerade jetzt etwas Reales für Sie tun. Was können Ihnen meine Gedanken helfen! Ich kann das Gefühl nicht abschütteln, daß - so unvergänglich auch ist, was Sie Paulsen verdanken, - Sie das teilnehmende Interesse u. die zuverlässige Freundschaft dieses Mannes um einige Jahre zu früh verloren haben. Das Bewußtsein seiner Wertschätzung u. seiner Hoffnungen für Sie ist ein bleibender Besitz, aber es hätte, trotz seiner idealistischen Auffassung, seine Hülfe Ihnen doch auch practisch förderlich sein können.
Wie gern hörte ich etwas mehr von dem, was ihn betrifft, als die kurzen Notizen der Kasseler Zeitung. - Was hörten Sie über seine letzten Tage? Haben Sie nicht zu seinem Gedenken etwas geschrieben? Aenne schickte mir einige Ausschnitte der Heidelb. Z., aber von Ihnen höre ich garnichts.
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Ich las in diesen Tagen die Humboldtsche Übersetzung des Agamemnon u. bin erstaunt, wie jemand so feinsinnige Bemerkungen über den Geist der Sprachen machen kann u. dabei so wenig "geistig" übersetzen. Ich erkannte die Dichtung stellenweise garnicht wieder u. ohne die Erinnerung an die Aufführung wäre mir vieles einfach unverständlich geblieben.
Das "Fremde" des Griechentums liegt doch wohl nicht in einer grenzenlos unbeholfenen, dunklen Sprache, sondern in den Gedanken u. der Art zu empfinden, die aus daraus anspricht. Mag er im Rhytmus die Form nachgeahmt haben, an Klang u. Worten ist seine Übersetzung höchst nüchtern u. unpoetisch.
Ich habe viel darüber nachgedacht, worin eigentlich die gewaltige Wirkung des Dramas selbst für uns Moderne noch besteht, denen doch rein äußerlich vieles naiv erscheint. Die "klassische Ruhe" ist in keiner der
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| Personen verkörpert. Mit voller Lebenswärme u. heißem Empfinden stehen all diese Menschen vor uns, nicht in abgeklärter Überindividualität, sondern ganz individuell begrenzt. Und keiner trägt den Stempel jener sprichwörtlichen "griechischen Heiterkeit", sondern es geht ein tiefes Empfinden für die Tragik des Lebens durch alles. Mit rücksichtsloser Klarheit steht das Leben vor ihnen, keine Tröstung, keine Verheißung persönlicher Vergeltung in einem Jenseits versucht ihr Loos zu mildern. Aber dies begrenzte Menschenschicksal ist auf einen ewigen Hintergrund gestellt, u. im Zusammenhang mit diesem kann u. muß das Einzelne den innereren Ausgleich finden. "O Jammer, Jammer; doch das Gute siege!" Dieser Glaube leuchtet durch alles - u. alles Treiben u. Trachten der Menschen kann nur dies zum Ausdruck bringen.
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Worin liegt nun eigentlich das spezifisch Antike, der Gegensatz zum Christlichen? Im Moralischen doch keineswegs. Oder doch in der "Rache" der Götter? Aber ist das nicht eigentlich nur die natürliche Form des Vergeltungsgedankens bei der gänzlich irdischen, diesseitigen Denkweise, die mir als das uns Fremdeste erscheint?
Walter, (der Bruder von dem Griesbacher Vetter), der öfter abends zu uns kommt, behauptet, die Antike habe wohl heroische Größe, aber auch ein weniger feines Empfinden, weniger Seele. - Alle Vorstellungen sind ja ganz entschieden äußerlicher, realer als bei uns. Aber ich weiß nicht, ob damit notwendig ein weniger starkes u. tiefes Empfinden verknüpft sein muß. Aber es giebt keine geistige Welt, die unabhängig vom irdischen Schicksal bestände u. in die sich diese Menschen flüchten
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| könnten. Das ist die Enge, die ihre Einfachheit u. ihre einheitliche Größe bedingt. Der Dichter aber läßt uns durch dies äußere Schicksal in jene innere, höhere Welt sehen, u. erhebt das Einzeldasein damit zu vollem Menschentum. Aber nicht psychologisch, in innerer Entwicklung, sondern in einer Kette von Taten wird der göttliche Sinn u. Wille zur Darstellung gebracht. Immer aber wächst das Schicksal mit innerer Notwendigkeit aus den Menschen hervor.
Das alles ist so ungenügend u. wird Sie langweilen. Wenn Sie wüßten, unter welchen Schwierigkeiten ich hier schreibe, beinah wie auf dem Hermersberger, dann würden Sie Nachsicht üben. Aber lassen Sie nun wenigstens diese "gute Absicht" einer Antwort wert sein. Grüßen Sie Ihre lieben Eltern herzlich. Ebenso grüßt Sie in treuer Freundschaft
Ihre Käthe Hadlich.

[li. Rand] Meine Tante u. Aenne trugen mir Grüße für Sie auf.