Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29./30. August 1908 (Kassel)


[1]
|
Cassel, 29. August. 08.
Lieber Freund.
Sie werden sich denken, wie sehr der Inhalt Ihres letzten Briefes meine Gedanken beschäftigt. Immer, wenn Sie von der Erholungsreise kamen, haben Sie mit doppelter Anspannung der Kräfte gearbeitet, ohne Rücksicht auf die kaum gestärkte Gesundheit. Aber diesmal ist es ein ganz bestimmtes Ziel, eine Frist von Tag u. Stunde, die Sie Ihrem Schaffen setzen. Dieser äußere Zwang kann zum Druck werden, wenn er eine Unmöglichkeit fordert, aber das hoffe u. glaube ich nicht. Sie werden
[2]
| mit Ruhe u. Klarheit über Ihre Kräfte disponieren u. Sie werden sicher, wie bisher, zum Ziele gehen. Ich weiß, was ein großer, fester Wille vermag, u. ich bin glücklich in dem Vertrauen, das mich für Sie beseelt. Nur um das Eine möchte ich Sie bitten, lieber Freund - : suchen Sie Ihre Leistungskraft nicht durch Reizmittel künstlich zu steigern, vertrauen Sie Ihrer Natur, der sieghaften Kraft Ihres ernsten Willens. Bitte, wollen Sie mir das versprechen?
Was ich tun kann, Ihnen zu helfen, wird immer von Herzen gern geschehen. Lassen Sie mich also nicht nur im äußersten Notfall, sondern so viel als möglich teilnehmen. Am Willen soll es gewiß nicht fehlen, möge auch die Fähigkeit da sein, daß Sie Vertrauen zu meiner Hülfe haben können.
Die Schule wird natürlich in dieser
[3]
| Zeit zurücktreten müssen, aber die gegenwärtige Generation hat ja Ihr Interesse ohnehin nicht so sehr gefesselt. Also zersplittern Sie Ihre Kräfte nicht, Sie werden auch mit einem geringeren Einsatz noch lebendig wirken.
Wie schade, daß das Wetter so miserabel ist, daß Sie wohl garnicht mehr auf dem Balcon sein können. Ob Sie regelmäßig spazieren gehen? Und ob wohl Ihre liebe Mutter auch an die Luft geht? Die Bewegung im Hause ersetzt das nicht, die strengt nur an. Lieber sollte sie sich im Hause mehr helfen lassen u. sich in freier Luft gesunde Müdigkeit u. Appetit holen. Aber - ich weiß, meine gutgemeinten Ratschläge waren auch an Pfingsten erfolglos u. ich habe so viel daran gedacht, wie ich es hätte anders machen sollen, sodaß ich nützlich gewesen wäre.
[4]
| Aber mein Wollen blieb auch in dieser Richtung ohne Erfolg.
Von mir ist nichts zu erzählen. Ich lebe ganz still, erhole mich, so gut es geht, bin "häuslich" fleißig u. besuche die verschiedenen Verwandten. Heut morgen machte ich auf Wilh-Höh mit Hanna Virchow einen Spaziergang. Wir sind wirklich herzlich befreundet. - Haben Sie eigentlich auf der Rückreise Ihren Freund Nieschling gesehen? Ich kann es noch nicht verschmerzen, daß ich mich ihm so ungewöhnlich stumpfsinnig zeigte. Ich brauche immer einige Zeit, bis ich aus dem angeborenen Schneckenhaus herauskomme, u. dazu war das Beisammensein zu kurz u. zu unruhig. - Was schrieb Frl. Schilplin? - Doch ich will nicht fragen, sondern Sie nur bitten, mir doch öfter mal eine Karte zu schreiben. Ich meine, dazu könnten Sie doch hie
[5]
| u. da Zeit haben, u. die Bitte um diese Rücksicht sei keine Unbescheidenheit? Ich schreibe Ihnen gern, wenn ich glauben darf, daß es Sie freut u. nicht stört. Über Ihren lieben, letzten Brief denke ich so viel nach. Und ich empfinde so dankbar das Vertrauen, das daraus spricht. Lassen Sie mich nun aber auch etwas wirklich tun, um es zu rechtfertigen. Eigen berührte es mich, in wie vielem sich mein Brief, der sich mit Ihrem kreuzte, auch in den Gedanken mit ihm zusammentraf, ohne doch eine Ahnung von der realen Grundlage bei Ihnen.
Wissen Sie auch, daß am Montag der 31. August ist? Fünf Jahre, seit wir uns kennenlernten.
Morgen, Sonntag, werde ich die Meistersinger sehen. Ich freue mich darauf u. werde dabei auch Ihrer
[6]
| gedenken. Sie schrieben im Winter sehr entzückt über das Vorspiel.
Kurt ist im Manöver u. zählt die Tage, bis er wieder frei sein wird. Hermann scheint ganz zufrieden. Ich bin ihm einen Brief schuldig. Überhaupt müßte ich wohl ein Dutzend Briefe schreiben u. bin so faul seit der Halsentzündung. Ist eigentlich je ein Brief von mir an Ihren Herrn Vater angekommen u. eine Gratulation? Sie erwähnten es nie. Ich erwarte nicht etwa eine Antwort, nur ein Wort von Ihnen! Der Brief war, glaube ich, herzlich dumm. Aber das wollte ich Sie immer bitten, meinen Dank auszurichten für einen Zeitungsausschnitt über den Schönhauser Park, den ich mit Interesse las. Sagen Sie Ihren Eltern auch herzlichste Grüße u. seien Sie selbst vielmals gegrüßt von
Ihrer
getreuen Freundin
Käthe Hadlich.

[7]
|
30.8.08
Eigentlich wollte ich Ihnen, außer dem, was zwischen den Zeilen steht, nicht eigehender auf Ihre Auseinandersetzungen antworten, weil ich halb u. halb fürchte, Sie lieben es nicht. Aber es wäre doch auch wieder unnatürlich.
Können Sie denn nicht einmal den Arzt allein sprechen u. fragen, ob nicht eine Arbeitsentlastung Ihrer lieben Mutter durchaus notwendig wäre? Wenn es sich um eine ernste Erkrankung handelt, dann muß es doch trotz aller Schwierigkeiten an Gewohnheit u.s.w. möglich gemacht werden, sie zu entlasten. Was nützen alle Medicamente, wenn die Lebensweise sie überanstrengt! Wo so viel auf dem Spiel steht, muß doch eine Abhilfe möglich sein, u. eine energische ärztliche Verordnung müßte eingreifen, wo die Selbstlosigkeit Ihrer Mutter
[8]
| u. die hergebrachte Ordnung der Dinge keine Rücksicht für ihre Gesundheit kennt. Kann man das Essen nicht holen lassen? Kann die Aufwartung nicht für länger kommen? Lassen Sie, bitte, die Zeit nicht ungenützt vergehen, versuchen Sie energisch u. practisch Abhilfe.- Und mein lieber Freund, noch etwas. Es wird mir, nach den gemachten Erfahrungen, nicht leicht, aber da es sich nicht um Sie, sondern um Ihre verehrte, liebe Mutter handelt, möchte ich doch reden. Wenn es sich darum handelt, momentan Mitttel zu freier Verfügung zu haben, so kann ich Ihnen ohne alle Schwierigkeit ein paar Hundert M auf unbestimmte Zeit schicken. Es ist mir in Ihren Händen mindestens so sicher, wie auf der Sparkasse. Ich meine, Sie sollten sofort handeln, um das Übel nicht größer werden zu lassen, u. nicht damit warten,
[9]
| bis Ihre Arbeit gedruckt ist.
Verzeihen Sie diesen Vorschlag, wenn Sie ihn aufdringlich finden. Sie müssen doch fühlen, wie es mir herzliche Sorge ist, der Gedanke, es könnte etwas versäumt werden, was später nicht gut zu machen wäre. Da Sie die gesicherte Aussicht auf das Honorar haben, übernehmen Sie ja kein Risiko u. es handelt sich nur darum, daß Sie es so früher zur Verfügung hätten. Ob es sich dabei um 3 oder um 6 [über der Zeile] oder mehr Monate handelt, wäre für mich ganz gleich.
Und dann die ernste Frage nach der Berechtigung Ihrer Lebensziele überhaupt! Ich verstehe so gut, wie Sie gerade jetzt den gesicherten Erwerb vermissen. Er wird in absehebarer Zeit Ihren Zweifeln ein Ende machen. Denn
[10]
| daß Sie mit Erfolg kämpfen, ist ohne Frage. Hätten Sie leichtsinnig Ihre Zeit vergeudet, so dürften Sie sich mit Zweifeln u. Vorwürfen quälen. Aber Sie sind im Einverständnis mit Ihren Eltern einem ernsten, idealen Ziele nachgegangen, u. Ihr Streben erfüllt sie mit Stolz u. Freude. Sie haben in treuer Pflichterfüllung u. bester Einsicht gehandelt, das dürfen Sie jetzt nicht verleugnen.
Und so gehen Sie mit Zuversicht weiter, es muß gelingen. Lassen Sie Freudigkeit u. Liebe Ihr Herz erfüllen, das giebt Ihrer lieben Mutter mehr, als äußerer Verdienst, u. trübe Sorgen.
Und wenn das Schicksal u. Sie es mir gestatten würden, durch eine so kleine, äußere Gefälligkeit,
[11]
| die mir ohne alle Schwierigkeiten möglich ist, Ihnen momentan nützlich sein zu können, so wäre ich sehr glücklich. Es brauchte niemand außer uns davon zu wissen, u. Sie könnten mir wohl einen Weg angeben, wie ich es Ihnen unauffällig zustellen kann. Bedenken Sie nur das eine dabei, ob es Ihrer lieben Mutter ein Hülfe sein kann.
Und innige Grüße zum 31.! Welch lieber Gedenktag ist er mir. Glauben Sie wohl, daß wir den Vertrag auf weitere fünf Jahre erneuern können?
Sorgen Sie nur recht vernünftig, lieber Freund, daß Ihre Gesundheit Stand hält. Denn davon hängt ja alles ab. Lassen Sie mich Revisionen lesen, so viel Sie mir anvertrauen können. Ich werde mir die größte Mühe
[12]
| geben.
Bis zum 9.Sept. bin ich hier. Dann gehe ich für 2 Tage nach Hünfeld, dann ebenso nach Frankfurt, u. am 14. Sept. bin ich wieder zu Haus. - Und nun vergessen Sie über aller Arbeit nicht ganz Ihre Schwester, die Ihrer in treuer Liebe gedenkt!