Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, Anfang August 1908 (Hermesberger Hof)


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<nach dem 03.08.1908>
Hermersbergerhof
Lieber Freund.
Das war aber mal eine große Überraschung, als mir der Briefträger hier herauf in die Einsamkeit einen Brief von Ihnen brachte. Ich hätte nicht gedacht, daß die Post so findig wäre, auf diese Adresse hin richtig zu befördern. Herzlichen Dank dafür. Und am meisten erfreut mich an diesem Brief die Nachricht, daß es Ihnen besser geht u. daß Sie so angenehm mit ihrem Freunde leben. Nun sein Sie auch weiter recht vernünftig, und opfern Sie nicht in München wieder leichtsinnig von den Kräften, die Sie in Tegernsee sammelten. Was die erfrischende Luft anlangt, so sind wir wahrscheinlich besser daran als Sie dort in dem heißen T. Aber es ist ja nun mal so chacun à son goût. Ich muß hier noch schwieriger um ¼ Stündchen zum Schreiben kämpfen als Sie. Denn nicht nur wünscht Aenne jede Minute meine Gegenwart, sondern findet es auch höchst unnötig, daß ich schon wieder schreibe. Also, eine eingehende Schilderung meines Agamemnon-Eindrucks dürfen Sie heute nicht erwarten. Lassen Sie mich darum nur noch einmal bei dem bleiben, was mir persönlich nahegeht! Denn es betrübt mich, daß Sie aus meinem Brief, den ich in so treuer Gesinnung schrieb, nichts herausgelesen haben, als daß ich "mein Kommen bereue, weil ich in CH. nicht fand, was ich suchte". Stand das wirklich darin? Haben Sie wirklich nicht gemerkt, daß ich das nur schrieb, weil ich mich beunruhigte u. weil ich so gern nur ein Wort von Ihnen gehört hätte, daß Sie nicht durch meine Anwesenheit um Ihre Arbeitsruhe gebracht seien? Ist das nicht so natürlich? Kann denn darin liegen, Sie seien mir nicht, was Sie sein sollten, wenn ich die Sorge nicht loswerden kann, mein Besuch sei zur Unzeit gewesen? Muß es mich nicht deprimieren, wenn es statt der sonst üblichen Freudigkeit eine plötzliche u. unerwartete Erschöpfung im Gefolge hat? Ich glaubte, es müsse doch, wie immer, das gleiche Gefühl in uns von unserem Beisammensein ausgelöst werden u. sehe mich da für Sie schmerzlich enttäuscht. Da liegt dann wohl die Schuld in mir, daß ich nicht die Gabe hatte, diese Befreiung in Ihnen zu wirken, die mich sonst so glücklich machte. Denn Sie waren mir ja, was Sie waren - von je! Also, mein Freund, drehen Sie meine Worte nicht um, und richten Sie nicht gegen sich, was doch niemals gegen Sie sprechen konnte. Und lassen Sie mich heute, wo ich in Eile u. unter schwierigen Umständen nur dies wenige sagen kann, doch meinen Brief das für Sie sein, was er sein möchte, nicht Vorwurf oder Verwirrung, sondern Klarheit zwischen uns, auch wenn wir uns "aussprechen"! Und sonst soll er viel innige Wünsche bringen u. mit diesen Glückssymbolen den Anfang einer neuen freien Epoche gesunder Arbeitsfreude u. selbstgewisser Schaffenskraft! Und an meiner treuen, unveränderten Teilnahme an allem, was Sie angeht, zweifeln Sie nie. Das ist so selbstverständlich, daß Sie nicht erst darum bitten sollten! Wenn ich nur immer den rechten Ausdruck dafür fände, der Ihnen helfen u. Ihre Zuversicht stärken könnte! Immer, für immer in treuer schwesterlicher Liebe
Ihre Käthe H.

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| <Abdruck einer Feder und von Blättern>
"Glück auf zu freiem Fluge!"