Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. September 1908 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21. Sept. 08
Lieber Freund.
Das war doch endlich wieder mal eine frohe Nachricht! Haben Sie herzlichen Dank dafür. Aber auch ohne das hatte ich gern heut schreiben wollen, denn da die "gute" Tante heut abend für ein paar Tage zu Besuch kommt, hätte ich so bald keine Ruhe dazu. Auch heut wird es wohl leider nichts Besonderes werden, denn ich schreibe mal wieder auf dem Friedhof, wohin Aenne mich geschickt hat, damit ich doch im Freien bin. Wir haben hier auch seit kurzem herrliche Tage u. es tut dem Herzen wohl, endlich einmal wieder blauen Himmel u. Sonne zu sehen. Ich werde immer von längerem trüben Wetter ganz melancholisch, um wieviel mehr, wenn ich auch noch trübe Gedanken dazu habe. Wie schön, daß jetzt zu der Sonne von
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| außen, dem harmonischen Zusammensein mit Aenne auch noch eine so helle, freudige Nachricht von Ihnen kommt. Wie wünsche ich von ganzem Herzen, daß es in jeder Beziehung so weitergehen möchte. Ihre liebe Mutter soll ja nicht gleich wieder aufhören, sich zu schonen, wenn sie eine kleine Besserung spürt; man muß Geduld haben, wenn man sie befestigen u. erhalten will. -
Daß der Elternabend in der Schule eine Freude für Sie sein würde, hatte ich mir lebhaft gedacht. Wie wird dieser schöne Eindruck erfrischend u. belebend auf Sie gewirkt haben. - Aber daß Sie den Abschied von dieser Wirksamkeit nicht zu einem lähmenden Schmerz werden lassen, darum möchte ich Sie herzlich bitten. Das Leben ist ja ein stetes Kommen u. Gehen, wir alle müssen beständig verzichten, u. ein Auflehnen wider die Notwendigkeit
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| reibt auf, ohne irgendwem zu nützen. Sollten wir nicht vielmehr dankbar sein, daß wir besaßen, auch wenn wir es wieder hergeben müssen? Dankbar für jede Freude, jede Förderung, jede wahrhaft gelebte Stunde! Wie warm u. froh berührt mich aus Ihren Zeilen ein neues freudiges u. tieferes Lebensgefühl.
Auch ich stehe dem Leben wieder mit Zuversicht u. ernstem Willen gegenüber. Es war diesen ganzen Sommer nicht viel los mit mir, u. auch rein äußerlich mit der Erholung ists auch mäßig. Die Entzündung im Halse, die meiner Ansicht nach noch immer nicht überwunden war, obgleich mein Onkel nichts konstatieren konnte, hat sich jetzt wieder zu einer Eiterung zusammengezogen. Es war mir ein paar Tage recht elend dabei.
Da werden Sie sich nicht wundern, wenn dieser Brief noch viel "konfuser"
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| ist als der Ihrige, mit dem Sie mir so herzliche Freude machten.
Das wurde nun doch zu kühl draußen , u. so sitze ich wieder "daheim", wo Sie ja auch bekannt sind! Mein geistiges Leben war recht schwach in all den Sommermonaten. Man hat bisweilen so viel mit sich zu tun, mit inneren Kämpfen u. Schwierigkeiten, daß man nichts aufnehmen u. nach außen geben kann. Ich habe das Gefühl, recht alt zu werden, u. was das Schlimmere ist, ohne mir einen dauernden Wirkungskreis nach außen u. eine stille Selbstgewißheit nach innen erringen zu können. Ein Blatt, das der Herbstwind verweht. -
Wie schön ist das, was Sie von der sittlichen Kraft in Paulsens persönlicher Wirkung sagen. Was ist alle intellektuelle Spitzfindigkeit gegen dies Höchste. Ich fühle aus Ihren Worten, wie sehr Sie die
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| immer neue Wirkung dieses edlen Charakters entbehren. Aber ich glaube, daß ein solcher Einfluß auch mit dem Tode nicht erlöschen kann. Glauben wir denn nicht an ein Fortleben des Geistes?
Wie Sie jetzt in treuer, strenger Pflichterfüllung das scheinbar Unmögliche durchsetzen, tun Sie es doch auch in seinem Gedenken.
- - Bald, wenn die Tante fort ist, hoffe ich Ihnen mal wieder einen besseren Brief zu schreiben. Heut fehlt es mir doch an Ruhe u. die Halsgeschichte greift mich an, daß ich meine Gedanken nicht beisammen habe.
Bleiben Sie gesund u. in der Freude des Schaffens! Grüßen Sie Ihre Eltern herzlich. Auch meine Freundin läßt grüßen.
Ob sie schreibt oder nicht, denkt Ihrer stets treulich
Ihre alte Freundin.