Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2./3. Oktober 1908 (Heidelberg)


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Heidelberg. 2. Okt. 1908.
Lieber Freund.
Nun ist also wirklich Herbst,- Oktobertage, aber wie wunderbar schön sind sie! Diese strahlende Sonne ist ganz gewiß auch Ihnen zu lieb da, u. möchte die Welt für Sie in freudigen Farben malen. Wie über der nun abgeschlossenen Epoche des Schullebens liegt Ihnen auch über der äußeren Welt heut der Glanz ewiger Schönheit, alles Vergängliche, Unzulängliche umhüllend - verhüllend! Eine ungetrübte Erinnerung wird Ihnen diese Zeit an der Mädchenschule bleiben, weil all das für Sie nachklingt, was Sie an hohem Wert mit liebevoller Sorge hineinlegten,
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| u. was Sie an jungem, freudigem Leben zu wecken verstanden. Sie scheiden aus Beziehungen, die Sie geschaffen haben, kraft Ihrer Persönlichkeit, u. das Bewußtsein dieses Erfolges wird sie begleiten zu allen ferneren Wirkungskreisen. Aber ich verstehe sehr wohl, wie über der nun abgeschlossenen Lehrtätigkeit ein eigner Zauber lag. Die geringe Stundenzahl, die Ihnen die Möglichkeit großer Frische u. Vertiefung gab, ließ Ihnen nie die Last des alltäglich Berufsmäßigen nahekommen. Die jugendliche Schwärmerei der Mädchen, die Sie mit feinem Gefühl zu regeln wußten, gab der persönlichen Wechselwirkung einen freudig belebten Zug, der Ihrem pädagogischen Einfluß nur verstärken konnte. Möchte die Saat,
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| die Sie in die Herzen streuten, zum Segen aufgehen.
Sie werden andre Formen persönlicher Wirksamkeit noch oft im Leben finden. Und wo Sie Ihre Kraft einsetzen, so rückhaltlos u. freudig, wie bisher, da werden Sie glücklich u. befriedigt sein. So lassen Sie uns die Vergangenheit dankbar bewahren, aber nicht um sie trauern, sondern daran stark werden fürs Leben.
Mit Ungeduld warte ich auf Nachricht, wie der Druck Ihrer Arbeit fortschreitet? Und dringend hoffe ich, daß Ihre liebe Mutter weitere Fortschritte in der Besserung macht. Lassen Sie mich bald einmal davon hören. - Ich freue mich, daß die Herbstblüten frisch bei Ihnen ankamen. Haben Sie
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| die eine ganz weiße dabei bemerkt? Ich hatte ihr einen extra Gruß für Sie aufgetragen. Aber Sie werden wohl keine Zeit für so etwas haben. Sonderbar war aber die Sache mit der Kette. Wer mag sie vermißt haben?
Ganz erschüttert bin ich von den Nachrichten über das entsetzliche Unglück an der Hochbahn. Hoffentlich haben Sie keine Beziehungen zu irgend einem der Verunglückten. Wenn jemals auf der Stadtbahn etwas passieren sollte, bitte, schreiben Sie mir gleich eine Karte, damit ich nicht unnötig in Sorge bin.
Ich habe schon so viel derart mit erlebt, u. bin ängstlich. In letzter Zeit habe ich im Traum mit größter Deutlichkeit wiederholt so Schreckliches erlebt, daß es mich
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| wie ein Erlebnis verfolgte. Aenne u. mein Vater kamen dabei um. - Das spricht wohl für etwas aufgeregte Nerven, aber im allgemeinen geht mirs recht gut. Das Hünfelder Bild haben Sie vielleicht in der Eile nicht richtig gesehen u. am Ende meine Cousine u. mich verwechselt! Denn von mir findet man die Aufnahme sehr vorteilhaft; daß Ihnen aber das Annelieschen nicht gefällt, finde ich barbarisch. Ich bin ganz entzückt von dem Geschöpfchen, das mit seinen 8 Monaten schon fabelhaft klug, liebenswürdig u. sehr niedlich ist.
Am Mittwoch, als Ihre Schule schloß, habe ich endlich meine bis jetzt einzige, Stunde wieder angefangen. Die beiden kleinen Brauschens, die Sie auch im Bilde kennen, zeichneten mit Eifer u. waren sehr zutraulich.
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| Wegen Institutsunterricht habe ich natürlich Schritte getan, es ist aber momentan nichts damit. Aber auch die verschiedenen andern Kinder, die mir angekündigt waren, sind bisher nicht gekommen.
Na, nur Mut, es wird schon schief gehen! Einstweilen arbeite ich noch fleißig im Freien, wozu die verspätete Sonnenwärme einladet. Schade, daß Sie nicht für ein paar Ferientage herkommen können. Ob Sie mal im Schönhauser Garten waren? An den Fischer kann ich wirklich nicht gut schreiben; aber er wird sich doch gewiß auch ohnedies an unsern gemeinsamen Besuch zu Pfingsten erinnern, wenn Sie sich darauf berufen. Ich denke mir, daß Sie nachmittags mehr Chancen haben, den Onkel nicht zu treffen. Aber ich kenne seine Gewohnheiten garnicht
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| u. muß Sie einem günstigen Zufall empfehlen!
Der Besuch meiner Tante war recht gemütlich, bis auf die dumme Halsgeschichte. Jetzt scheint mir aber die Sache doch überwunden.
Haben Sie eigentlich mal den Aufsatz von Hermann in der Zeitschr. für Phil. u. phils. Kritik gelesen? Denken Sie, dieses Blatt hat hier beim Philosophentag viel Verbreitung gefunden, sowohl Arnold Ruge, als Hermann waren genannt. Zu meinem Ärger war auch in einer Empfehlung der Kantstudien Ihr Name nicht erwähnt. Sie haben doch schon so viel publiziert!

3.X. Am 2. Okt. ist Hermann in Kassel eingetroffen. Ob Sie ihn wohl auf der Durchreise gesehen haben? Vielleicht hat er sich in Berlin garnicht aufgehalten. (In Kassel will er mit Herrn Sanborn u. Frau zusammentreffen.) Er hat in München kürzlich den Dr. gemacht. Vor einem Jahr waren die beiden mit Hermann u. Gerta hier. Wie mag H. jetzt daran zurückdenken?
Immer, wenn ich schrieb, vergaß ich, Ihnen für den Paulsen-Nachruf zu danken. Er ist ganz der Ausdruck Ihrer Verehrung für die rein menschliche Größe dieses Mannes, die sicherlich mehr u. besser gewirkt hat, als der größte wissenschaftliche Scharfsinn.
Daß der Rousseau nun bald erscheinen wird, freut mich sehr, denn er muß Ihnen wirklich noch gerade unerträglich geworden sein.
Und nun, mein lieber Freund, verzeihen Sie, wenn dieser Brief nüchtern u. inhaltslos ist. Ein Schelm giebt mehr als er hat. Ich hoffe auf einen guten, arbeitsfrohen Winter für uns Beide. Grüßen Sie Ihre verehrten Eltern herzlich, u. nehmen Sie selbst Grüße von meiner Freundin u. mir u. gute Wünsche in treuer Freundschaft.
Ihre Käthe Hadlich.