Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. Oktober 1908 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Okt. 08.
Lieber Freund.
Welch Freude war es mir, den schönen Weg einmal wieder zu machen, den wir vor 5 Jahren zuerst zusammen gingen. Komt es Ihnen nicht eigentlich auch so vor, als wenn das schon viel, viel weiter zurück läge? Und doch war meine Erinnerung noch sehr lebhaft u. meine Gedanken weilten viel bei dem, was wir damals sprachen u. erlebten.
Wir gingen diesmal zu viert: Frau Ges. Rat Fürbringer, meine Freundin Aenne u. ein 18 jähriges Nichtchen von ihr aus Hamburg waren dabei. Wie immer mußte ich führen, was durch allerlei
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| neue Wegweiser sehr erleichtert ist. Auf der Höhe steht nun wieder ein stattlicher Turm u. wir waren von der Hirschgasse aus schon in 2 Stunden dort. Der Wald ist meist schon bunt gefärbt u. die Luft war so duftig blau u. voll milder Sonne, ein wahrhaft friedevolles Verklingen der Kontraste. Ich hatte mich auf die Kiefern gefreut, die mir einmal so lebhaften Eindruck machten. Sie sind jetzt teils verschwunden, teils krank u. häßlich. Einige Häher flogen kreischend davon auf u. verschwanden im Walde. Eine Feder haben sie mir diesmal nicht geschenkt!
Auf jener freien Halde mit dem Blick auf die sanften Reihen der Odenwaldberge, wo es prachtvoll sonnig u. warm war, lagerten wir länger. Ganz verändert u.
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| fremd war mir auch dieses Bild durch die andre Tagesbeleuchtung, denn ich kannte es bisher immer nur gegen Abend u. diesmal war es wenig über die Mittagsstunde. - Am Schriesheimer Hof tranken wir guten, frischen Apfelmost u. dann gings hinunter in das Tal. Ich hatte es doch so schön nicht mehr in der Erinnerung. Vielleicht war ich auch nie so ungeteilt für den Eindruck der Natur empfänglich. Die leuchtend grünen Wiesen mit den vielgestaltigen Baumgruppen u. dem klaren, lebhaften Bächlein zwischen den schön bewaldeten Bergen, bei jeder Biegung des Weges in neuer, reizvoller Beleuchtung - - es war bezaubernd. In Unmengen standen da die Zeitlosen im Sonnenschein u. in der Luft
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| glänzten geheimnisvolle, goldne Fäden, die wie endlos sich fortspannen. Ob sie ein fernes Ziel zu erreichen strebten?
Über allem war ein unendlicher Friede, u. lange, lange hat mir nichts so wohlgetan, wie diese stille Schönheit der Welt.
Vielleicht war diese Sonne, die für alle scheint, für mich etwas Ähnliches wie für Sie der warme Schein aus all den dankbaren Kinderherzen. Innig fühle ich mit Ihnen, wie glücklich Sie in diesem persönlichen Widerhall sind.
- Bitte, geben Sie einliegenden Brief an Ihre liebe Mutter, u. seien Sie selbst recht herzlich gegrüßt von
Ihrer
schwesterlich treuen
Käthe Hadlich.