Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22./23. Oktober 1908 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22. Okt. 08.
Lieber "Einsiedler"!
Wie froh bin ich, daß Sie mit der Arbeit nun über den Berg sind! Es ist enorm, was Sie da durchgesetzt haben u. ich wünsche Ihnen herzlich Glück dazu. Nun gebe der Himmel u. die heilige Fakultät ihren Segen dazu, daß Sie bald in reiner Freude den Erfolg genießen. Denn Sie werden nun doch wohl umgehend Schritte zur Habilitation tun?
Das einzig Betrübende an der Sache ist, daß Sie mir das angekündigte Vertrauen nicht zu Teil werden ließen u. daß ich von Correcturbogen nichts gesehen habe. Ich hätte mich so gern ein wenig nützlich gemacht, aber wer weiß, ob ich es gekonnt hätte?
Dann macht es mir Sorge, was
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| Sie vorhaben, wenn die forcierte Tätigkeit nun mit einem mal aufhört? Jedenfalls haben Sie wohl schon irgend einen Plan. Sorgen Sie doch dafür, daß Ihre Gesundheit nicht Schaden leidet. Wie schön muß das Gefühl sein, daß Sie nun doch das scheinbar Unmögliche durchsetzen konnten, ohne den Wert der Arbeit damit zu gefährden. Wie freue ich mich darauf, wenn sie auch in Heidelberg erscheinen wird. Denn ich verspreche mir davon sehr viel mehr, als mir z. B. von Ihrer Doktorarbeit zugänglich war u. als ich von Hermanns "falscher Metaphysik" habe. Die Abhandlung scheint mir zwar weit besser, als Hermanns frühere Aufsätze, u. ich habe sie mit Interesse gelesen. Es ist aber nichts, was mir wirklich davon bliebe, u. stellenweise kann ichs garnicht verstehen.
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| Wie haben Sie wohl den Übergang in den Winter bestanden? Hat Ihr Herr Vater auch keinen Rheumatismus gekriegt? Mit Freude las ich auf der Karte Ihrer lieben Mutter, daß sie mit ihrem Befinden zufriedener ist. Möchte es weiter so vorwärtsgehen. Bitte sagen Sie herzlichen Dank für ihren freundlichen Gruß.
Die Nachrichten von der Familie in Kassel etc. sind ziemlich dünn. Ich denke wohl nächstens mal wieder von Hermann direct zu hören. In letzter Zeit war eigentlich nur die Tante die Vermittlung. Diese Tante Thes macht mir rechte Sorgen mit einem chronischen Katarrh. Sie ist zwar in ärztlicher Behandlung, aber es ändert nicht merklich. Wie eine Ironie ist es, daß jetzt Mama u. die beiden Schwestern zufolge einer
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| Einladung in Bogen sind, als Gesunde, u. Tanting könnte die milde, südliche Luft so gut tun.
Ich empfinde dies Jahr auch die Kälte recht unangenehm. Ich habe wohl "meine Natur verändert", denn ich erinnere mich nicht, sonst so gefroren zu haben. Dabei ist aber fast immer schönster Sonnenschein, u. das Neckartal ist wie immer herrlich. Mit dem Skizzieren ists jedoch vorbei.
Eine große, ganz unerwartete Freude machte mir dieser Tage Frau Prof. Fürbringer. Sie schickte mir mit einer liebenswürdigen Widung das Werk von Kerschensteiner: Die Entwicklung der zeichnerischen Begabung, das ich nun mit Eifer studiere. Sehr vermisse ich hier sonst alle berufliche Anregung. Nur zwei recht nette, aber rückständige Zeichenlehrerinnen
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| sind mein Umgang. Hätte ich nur Lili Scheibe hier. Es ist schade, daß ich mit ihr so wenig zusammenkomme, u. daß alle geplanten Wiedersehen nichts wurden. Von Ada hörte ich seit der Verheiratung nichts. So gehts halt, dann sind die Leute für andre verloren. Ich hatte ihr ein Aquarell aus Parpan geschickt, wenn es nur angekommen ist!
Die letzte Zeit ihres Hierseins war ich recht viel mit Ella Grassi aus Rom zusammen. Wissen Sie, wir trafen sie auf dem Kümmelbacher. Sie studiert mit Eifer weiter, treibt jetzt besonders "Psykologie", wie sie sagt. Ich unterhalte mich sehr gern mit ihr, u. sie hat eine gewisse Vorliebe für mich gefaßt. Sie saß dann mit einem Buch, während ich malte; sie hat sehr viel Freude an der Natur u. kommt in Rom gar nicht hinaus. Den letzten Abend auf dem Schloß, drunten die Stadt im Lichterglanz,
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| da war sie so begeistert, daß sie gar nicht fort wollte.
Mein geistiges Leben ist ungemein eng. Ich komme wenig zum Lesen, bin aber wohl im ganzen frischer u. fähiger, als im Sommer. Das beschauliche Leben bekommt mir, u. doch hätte ich so gern mehr Arbeit. D. h. müßig bin ich ja nie, aber man merkt so wenig von meiner Tätigkeit.
Wie ists wohl mit Steglitz? Sie werden doch nicht wieder solch schlecht bezahlte Vorträge übernehmen? Oder wenn, dann doch nicht so viele! - Haben Sie eine Ahnung, von wem der Paulsen-Nachruf in der deutschen Rundschau, gez. Th. L., ist? Gedanken u. Form des Ihrigen gefallen mir weit besser.-
Aus Hünfeld bekam ich wieder ein Bildchen von der Kleinen mit dem Großvater. Aber Sie hätten ja
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| doch keinen Sinn dafür, wie fabelhaft sich das Geschöpfchen in der kurzen Zeit entwickelt hat. Dies geistige Werden ist ja mindestens ebenso interessant wie die spätere Entwicklung zur Selbständigkeit.

23.X. Gestern war ich doch zu müde, um weiter zu schreiben. Überhaupt werden Sie finden, es sei ein arger "Schwätzbrief", wie die Aenne sagt. Und so gehts allemal. Das letzte Stimmungsbild: Schriesheim - ich bin mir bewußt, daß ich Ihnen schon lange inhaltlich garnichts zu bieten habe. Äußerlich ist mein Leben so einförmig, u. innerlich ist es still. Von dem Guten, das man hat, spricht man nicht u. die Sorgen betreffen mehr äußere Schwierigkeiten u. Mängel.
Nicht alle. So vor allem Hermann. Sein heutiger Brief hat wieder einen so mutlosen, gedrückten Ton, wie
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| es an ihm ganz fremd ist. Er hat 8 Unterrichts- u. 10 Hospitationsstunden u. auch sonst allerlei Arbeitspläne. So wird ihm ja die Tätigkeit Zufriedenheit u. Ruhe mit der Zeit wiederbringen.-
Sehr glücklich bin ich über das fortgesetzt gute Einvernehmen mit meiner Aenne. Es scheint, als hätten wir die Grenzregulierungen gut überstanden. Der heutige Kalenderspruch paßt wirklich ausgezeichnet. Goethe trifft eben immer das Rechte.
Schreiben Sie mir nur gleich eine Karte, wenn der Druck fertig ist, daß ich mich mit Ihnen freuen kann. Ihre Eltern grüße ich herzlich, u. meine Freundin trug mir Grüße für Sie auf.
Treulich
Ihre
Schwester.