Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. November 1908 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Nov. 08.
Lieber Freund.
Schon über acht Tage liegt der verspätete Geburtstagsbrief für Kurt auf meinem Schreibtisch - u. heut muß er wieder warten. Denn ich habe so sehr den Wunsch, einmal wieder mit Ihnen zu "plaudern". Es ist eine schlechte Schreibeperiode bei mir, wie Sie bemerken; die Tage sind [über der Zeile] neben dem Beruf mit allerlei gleichgültiger u. doch notwendiger Beschäftigung ausgefüllt, auch Geselligkeit, Vorträge, Spaziergänge kamen dazu - u. abends bin ich so abscheulich müde, daß Sie kein Vergnügen an mir gehabt hätten. Aber sehr gefreut habe ich mich, einmal wieder einen "Brief" von Ihnen zu erhalten, der noch dazu die glückliche Vollendung
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| der Humboldt-Arbeit meldete. Die Einzelheiten über den Inhalt der Schrift machen mich doppelt begierig darauf. Hoffentlich ist die wissenschaftliche Form, die Sie Ihren Gedanken gaben, nicht zu hoch für mein Verständnis. Daß ich in Bezug auf die Negativität des Lebens anders denke, wissen Sie ja. Wohl sehe ich auch das Unzulängliche, empfinde es an mir selbst am meisten, aber ich glaube an das Leben des Ewigen in dieser sich wandelnden Wirklichkeit, nicht in einer vollkommenen Jenseitigkeit. Darum bin ich auch mit ganzer Seele einverstanden mit Ihrer Forderung eines Suchens des Ewigen im Zeitlichen - des Glaubens an den unvergänlichen Wert dieses höchsten Lebensinhalts. Wem die Augen offen sind für diese innere, ewige Welt, dem verschiebt
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| sich der Maßstab für die Werte des äußeren Lebens, u. ein Abglanz der ewigen Vollendung u. Ruhe erfüllt seine Seele. In der Gesinnung liegt die Kraft ewigen Lebens, nicht zu einer unbegrenzt zeitlichen Fortdauer, sondern im Bewußtwerden u. der Betätigung einer Macht, die als Wille über allen Willen empfunden wird. Wo im Bewußtsein diese Ewigkeit sich auftut, da lebt sie voll, auch wenn ihr Ausdruck ein begrenzter bleibt. Was aufhören kann, ist die Form; Ich kann die Ewigkeit nicht hinter der Zeit, nur in ihr sehen, u. Gott nicht hinter der Welt, sondern in ihr lebendig fühlen, denn "in ihm leben, weben u. sind wir".
Im Innern des Menschen suche ich die jenseitige Welt, hier wurzelt sie u. hier vollendet sie sich. Die
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| Vorstellung einer zeitlichen Fortsetzung ist mir nicht wahrscheinlicher, als die einer körperlichen Auferstehung. Nicht ein Streben nach außen ist mir die Ewigkeitssehnsucht des Menschen, sondern ein Entfalten seines eigensten, angebornen Wesens.
Doch, das ist ja alles schon so oft zwischen uns verhandelt, u. ich sehe uns am Elbufer gehen bei diesen Gedanken!. Statt dessen machen Sie jetzt Grunewaldwanderungenals Führer junger Seelen, oder wünschen die geliebte Lehrtätigkeit zurück. Ob ich das verstehen kann?! Wenn es nun auch kein directer Ersatz ist, so muß Ihnen doch der schöne Erfolg der Steglitzer Vorträge eine rechte Freude sein. Könnte ich sie doch auch hören!
Ich stand in dieser Woche einmal
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| wieder lebhaft unter dem Eindruck Dantes. Frl. Maria Bassermann, eine Nichte des Schwetzinger Übersetzers, trug an 2 Abenden eine große Reihe von Gesängen aus der Hölle u. dem eben erscheinenden Fegfeuer vor. Sie sprach mit wundervollem Ausdruck u. großer Anschaulichkeit, sodaß die schwer zugängliche Dichtung einem wahrhaft menschlich nahe trat. Ich wollte, wir hätten dies zusammen erleben können. - Haben Sie wohl mal Zeit gehabt, das Buch zur Hand zu nehmen? Man kann es nicht so einfach lesen; wenn es wirken soll, muß man mit Sammlung u. Andacht den Gedanken folgen, die Stimmungen mit empfinden.-
Daß Sie schon Schnee haben! Bei
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| uns ist kalter Ostwind, man friert beständig, aber noch [über der Zeile] ist kein rechter Winter. Wie lebhaft versetzte mich Ihre letzte Karte heut nach Pankow. Ich wollte nur, daß meine liebe, alte Heimat Sie fröhlicher stimmte. Es ist so hübsch, daß für mich dort nun auch Erinnerungen leben an schöne Stunden, die uns gemeinsam waren. Aber die Vergangenheit ist für mich, mein lieber Freund, Ihnen gehört die Zukunft, frei ist der Weg u. Segen u. Liebe geleiten Sie. Ich kann es verstehen, wie nach der großen Anspannung der Kräfte nun eine Müdigkeit in Ihre Stimmung kam, aber ich sehe meinen Freund viel lieber froh in seiner jungen Tatkraft.
Fast hätten Sie diese Nachricht von mir aus Kassel bekommen,
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| denn da meine Tante kränker geworden war, wäre ich am liebsten hingereist. Zum Glück geht es jetzt besser u. es liegt keine directe Gefahr vor. Der Gedanke an einen möglichen Verlust hat mich sehr erschüttert. Ich kann mir nicht denken, wie ich das verwinden sollte. Ich habe nicht sehr viele Menschen, die mir nahe zugehören, aber umso tiefer ist mein Leben mit ihnen verwachsen. - Daß Sie das Grab meines Vaters aufsuchten, danke ich Ihnen herzlich. Ich hatte so lebhaft daran gedacht, als ich hier am Allerseelentag auf dem Friedhof war. Und als hätten Sie meine Gedanken geahnt, schicken Sie mir einen Gruß von dort! - Wird denn auf dem alten Kirchhof immer noch beerdigt?- Daß Sie den formlosen Gärtner Fischer fürchten wie
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| einen Cerberus tut mir leid. Ihm kann ich wirklich nicht gut schreiben, u. Onkel war von mir benachrichtigt über Ihren eventuellen Besuch. Doch jetzt wärs da draußen kahl u. öde.
Es war gut, daß ich gerade jetzt nicht von Hause fort mußte, denn ich habe 2 neue Schülerinnen, kleine Russinnen von 8 u. 11 Jahren. Beide begabt, die ältere still u. fleißig, die kleine ganz Leidenschaft. Es scheint, wir nehmen uns an, was mir nach der ersten Stunde nicht ganz sicher war. Es interessiert mich sehr, ob ich etwas mit ihnen erreichen werde. -
Sie haben lange nichts erwähnt wie es Ihrer lieben Mutter geht. Darf ich das als ein gutes Zeichen deuten? Bei Knaps war 6 Wochen lang Logierbesuch aus Hamburg - schecklich! Für Aenne giebt das natürlich immer noch extra Unruhe. Aber ich hoffe, jetzt
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| wird sie sich doch bald völlig erholen.
Ich war lange unter dem Druck unbefriedigter Wünsche u. stiller Sorgen. Jetzt lenkt mich die Arbeit innerlich ab u. die Nachrichten von Kassel lauten besser. Aber es ist oft so eine unüberwindliche Müdigkeit in mir, die keinen freien Gedanken aufkommen läßt, sodaß mir das Leben nur schwer u. dunkel erscheint. Wir haben beide das Zeug nicht zum naiven, selbstverständlichen Daseinsgenuß. Aber was hilfts! Wir müssen doch durch - u. wir wollen auch, nicht wahr?
Mich freut es unendlich, wenn ich nun wieder mehr das Gefühl gegenseitiger Anteilnahme mit Ihnen haben kann. Wenn ich auch weiß, daß keine innere Entfremdung vorlag, so brauche ich doch den persönlichen Austausch. Aber in der
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| langen Stille habe ich diesen unberechtigten Wunsch zum Schweigen gebracht. Nun ist mir, als hätte ich das Reden verlernt.
In der Hoffnung, recht bald wieder Gutes von Ihnen zu hören schicke ich recht herzliche Grüße für Ihre Eltern u. von Aenne für Sie.
Aus ferner Stille grüßt Sie in treuem Gedenken
Ihre
Käthe Hadlich.