Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. November 1908 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24. Nov. 08.
Mein lieber Freund.
: Dienstag, spät abends - u. schon seit Sonntag früh habe ich Ihre Sendung in Händen, die mich mit der Fülle ihres Inhalts ganz überwältigt hat. Sie müssen es nicht für Undankbarkeit halten, daß ich nicht sogleich zum Schreiben kam, denn ich bin von Dank u. Freude erfüllt. Das war ein verfrühtes Weihnachtspacket mit all seinen schönen u. lieben Einzelheiten - nur der Tannenbaum fehlte, den Lichterglanz haben Sie mitgeschickt. Wieviel Schönes, Unvergängliches wird mir aus Ihren Worten entgegen leuchten, vor allem dem Humboldt, diesem Sorgenkind der letzten Monate, das nun in schöner Vollendung
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| in die Welt hinausgeht, lebendig zu wirken, u. Zeugnis abzulegen von Ihrem Streben u. Können, Ihrem Denken u. Sein. Wie unendlich freue ich mich, dies Werk zu lesen, dessen Entstehen ich mit so warmer Teilnahme verfolgen durfte, das wohl wissenschaftlich für meinen Verstand zu hoch sein wird, u. das mir doch gerade besonders viel zu sagen haben wird. Das Vorwort in seiner knappen, bedeutenden Sprache habe ich schon mehrmals gelesen; es ist vollendet im Ausdruck, voll Ernst, Würde u. innerer Wärme. Klassisch, wie der Geist dem das Buch geweiht ist, sind Ihre Worte doch zugleich ein echter Ausdruck Ihrer Persönlichkeit. Und diese Persönlichkeit ist es, die mit Sicherheit u. Kraft ihren Weg zu finden weiß, auf dem ich
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| meinem Freunde schwesterlich nahe sein darf, in gemeinsamem Suchen, - nicht führend, wie Sie fälschlich meinen. Aber ich fühle mit inniger Dankbarkeit Ihre Worte, sie bedeuten mir Glück u. Erfüllung, denn Höheres könnte ich mir nicht wünschen. Darum lassen Sie sich aus treuem Herzen Dank sagen für alles, alles; nicht nur, was Sie mir sichtbarlich gaben, auch für das Unsichtbare: für das, was Sie sind, u. was Sie mir sind. Möge der Himmel Sie schützen u. Ihnen Erfolg schenken. - Ich kann auch heute nicht ausführlich schreiben u. bitte Sie, noch ein wenig Geduld mit mir zu haben. Es ist so viel, worauf ich zu antworten hätte, aber die Lampe geht aus u. ich bin sehr müde. Verblüffend war das eingelegte Blatt im Rousseau. Sie können wohl auch alles? Machen
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| mir Concurrenz in der decorativen Kunstfertigkeit! Sie haben mit Ihrer Buchstabensymbolik überraschend u. tief auf mich gewirkt. Immer - Ewigkeit- ob zeitlich oder nicht, ich fühle das Unendliche!
Wie glücklich werden Ihre Eltern sein, nun dieser große, entscheidende Schritt getan ist. Wie wird die Anerkennung Ihnen von allen Seiten entgegenkommen! Aber niemand kann treuer u. inniger mit Ihnen fühlen u. stolz auf Sie sein als ich.
Ihnen allen herzlichste Grüße u. gute Wünsche für die Gesundheit. Bald hören Sie wieder von
Ihrer
getreuen Freundin
Käthe.

[] Aenne freut sich mit uns u. schickt viele Grüße.