Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2. Dezember 1908 (Heidelberg)


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Heidelberg. 2. Dez. 08.
Lieber Freund.
Es ist mir keine ruhige Stunde zu einem Briefe beschieden, aber ich möchte nun doch nicht länger zögern, Ihnen das Schreiben von Hahn zurück zu senden, wegen dessen langem Ausbleiben ich mich ohnehin schon entschuldigen muß. Also haben Sie Nachsicht, wenn dies wieder nur ein flüchtiger Wisch wird, statt des eingehenden u. ausführlichen, den ich schreiben möchte. Alle Tage habe ich es mir gewünscht, aber immer kam etwas dazwischen, was mir teils die Zeit, teils die Stimmung nahm.- Heut komme ich nun gerade von einem wunderbaren Genuß; wir waren über dem Nebelmeer auf dem Königstuhl. Hätten Sie doch mit uns sein können u. dies eigenartige Naturschauspiel bewundern! Hier unten
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| ist es Tag für Tag trübe u. dunkel, der eisige Nebel lastet dicht u. gleichmäßig über dem Tal. Aber kaum ist man über die Höhe der Wolkenkur hinaus, so fängt es an heller zu werden, erst ganz blaß, dann warm u. leuchtend kommt die Sonne zum Vorschein, u. unter uns liegt wie ein erstarrtes Meer die weite Rheinebene u. das Neckartal mit seinen Windungen. An der Grenze zwischen Tag u. Nacht zieht sich ein breiter [über der Zeile] Streifen schneeweißen Rauhreifs; fast so dicht wie belaubt scheint der Wald, u. die Kiefern stehen geplustert wie frierende Spatzen.- Wie Inseln in einem See ragen die Ausläufer des Odenwalds bei Schriesheim, Dossenheim, Neuenheim in die dichte, wellige Oberfläche der Nebelschicht hinein, der Geisberg unter uns ist ganz umflutet, so daß kaum die runde Kuppe heraussieht. Die Buchenbestände haben noch viel Blätter u. leuchten intensiv rot
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| im Abendlicht, die Nadelwälder scheinen fast schwarz aus dem weißen Meer zu ragen, es ist eine seltsam fremde, märchenhaft schöne, stille Welt. Und so ists da oben alle Tage, während wir hier frieren müssen. Wie ein kaltes Tuch legt sich die Hülle wieder um uns, wenn wir aus der freien Höhe heruntermüssen. Aber schön ist es doch, daß wir es überhaupt haben können [über der Zeile] hinauf zu kommen, wenn auch nur für kurze Stunden. - Gestern war ein andres Bild: Da hatte ich meine drei hiesigen Studenten hier zum Abendessen. D. h. der dritte war Dr. Arnold Ruge, die beiden andern Georg Weises Freund v. Moellendorff u. ein Vetter meiner Vettern Georg Schwidtal. Es war ganz gemütlich u. sie blieben bis ½ 12, also haben sie sich doch wohl unterhalten. Aber ich habe so eine Erinnerung an einen Abend, wo es schöner war!
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Der Brief, den ich hiermit zurückschicke, hat mich interessiert u. gefreut. Sie beide kommen offenbar schriftlich viel besser miteinander aus, als mündlich. Es ist viel Widerspruchsvolles u. noch viel Sturm u. Drang in diesem Menschen, u. sein Wesen berührt mich, wie sein Bild, mehr als eigenartig, wie anziehend. Aber Anregung u. Leben gehen von ihm aus u. sein Streben ist sicherlich ernst. Nur spielt er sich wohl gern etwas auf das Originelle auf.- Es ist etwas daran, daß er meint, Wahrheiten müßten von jedem einzelnen neu erobert werden, es ist aber verkehrt, wenn sie deswegen mit dem Anspruch wissenschaftlicher Neuheit ausgesprochen werden. Eigentümlich ist mir, wie er diesen Vorwurf wieder lediglich auf die Form, als "unkünstlerisch" bezieht, gerade wie er s. Z. nach dem Stil strebte, als dem Einzigen, was zum
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| Aussprechen seines inneren Dranges fehlte. - Und ebenso übertrieben, wie er es im Ausdruck zu sein liebt, scheint mir seine Theorie über die Stellung im Leben. Ich kann es nicht glauben, daß der Fortschritt der geistigen Kultur nur im Gegensatz zur natürlichen Form des Lebens u. der Gesellschaft erkämpft wird. Gewiß soll die Lebensstellung nicht Selbstzweck, sondern nur Basis sein, aber die Notwendigkeit einer absoluten Freiheit, wie sie sein Vorbild Nietzsche gebrauchte, darf man doch nicht zur Norm erheben. - Der Ausspruch von Novalis, daß Philosophie eine Art Heimweh sei, entzückt mich sehr; die "Ahnung von den verborgenen Quellen des Lebens", die Sehnsucht danach!
Heut abend haben Sie wieder in Steglitz einen Vortrag gehalten; wäre das doch auch für uns erreichbar.
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Der Brief von Kl. R. ist ganz reizend. Dies Mädchen ist merkwürdig klar, reif u. sympatisch. Und wieviel verdankt sie gerade Ihrem Einfluß. Was von Ihren pädagogischen Erfolgen zu mir dringt, erfüllt mich immer mit Bewunderung. Mit erstaunlich feinem Gefühl wissen Sie immer den rechten Ton zu finden u. zu wecken. Es scheint ein so warmes, herzliches Vertrauen aus allem, ohne sentimentale Übertreibung. Ich empfand wohl manchmal diese Lehrtätigkeit bei der Intensität u. tiefen Liebe, mit der Sie daran hängen, wie ein gefährliches Spiel, aber immer wieder fühle ich, wie sie trotz allem beherrschend darüberstehen. - Sie können sich denken, mit welch innerem Anteil ich mir all die Bilder der jungen Menschenkinder betrachtete, die in diesen letzten Jahren so großen Teil an Ihrem Leben hatten. Darf ich sie
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| noch ein wenig behalten? Ich habe Ihnen ja auch noch den Wachholderbaum u. s. w. - wieder zu schicken. Dann schicke ich auch mal wieder ein paar Skizzen u. nette Briefe mit. Von Ihren Albumversen gefällt mir besonders der für Gertr. Winter. Es ist fabelhaft, wie Sie immer wieder eine neue Form u. einen persönlichen Ausdruck für so viele finden. -
Ada Weinel schrieb mir neulich, sie lese bisweilen etwas von Ihnen, "immer mit Freude an Ihrer klaren, tiefen u. feinen Art." Das höre ich natürlich sehr gern!- Und ebenso geht es mir mit Ihrem Humboldt; ich habe zwar noch wenig gelesen, aber ich bin immer ganz erfüllt u. beglückt dabei. Als würdige Vorbereitung hatten wir einen großen Teil der Wilhelm-Karolinischen Brautbriefe gelesen, u. ich war trotz
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| anfänglichen Widerstrebens gegen die übergroße Gefühlsseligkeit doch immer mehr gefesselt. Nur sollte man in der Tat die endlosen Wiederholungen derselben Gefühlsergüsse nicht veröffentlichen, das ist Profanation. Es war den beiden doch heilig u. in der zeitlichen Verteilung auch nicht so monoton, wie bei ununterbrochnem Lesen auf den fortlaufenden Seiten eines Buches. Der Einblick in die Schillersche Ehe, die Charakteristik der Frau v. Beulwitz, der Berliner Jüdinnen u. s. w. sind aber höchst interessant, u. dann gestalten sich eben doch allmälich die beiden Menschen immer greifbarer u. lebendiger vor einem aus diesen intimen Bekenntnissen.
Ihr Buch habe ich hier in den Schaufenstern noch nicht gesehen, nur den Rousseau 2x. Aber Aenne, die
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| ja viel Bekannte hat, macht "Reclame". Sie hat es auch vom Buchhändler zur Ansicht schicken lassen, aber sie hat niemand, dem sie es schenken könnte. - Wenn mir die Russen, die nach 4 Stunden wieder absagten, das Geld dafür noch schicken sollten, so giebts ein Weihnachtsgeschenk von mir. - Jeden Samstag fahre ich jetzt nach Mannheim; wieder ein Bassermannscher Enkel: Hans Klemm soll den Vorzug meines Unterrichts genießen! Als Bahnlektüre habe ich den Rousseau bei mir.
So hat die Episode mit den Russen eigentlich nur geholfen, mich aus der Depression zu reißen. Jetzt ist die Geschäftigkeit eigner Arbeiten wieder an die Stelle getreten u. ich habe mich in dem Gefühl nützlicher Tätigkeit behauptet. Ich lasse mir so gern aufhelfen, wenn das Leben
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| mir nur den kleinen Finger giebt - aber es kommt mir oft vor, als hätte ich nie verstanden, ihn festzuhalten. Ich bin zu alt, um noch auf eine Änderung zu hoffen.
Meine Lampe geht aus, also muß der Brief doch wieder bis morgen liegenbleiben. D. h. morgen ist es eigentlich schon!

3. Dez. Hinter mir sitzt die Näherin u. da hört die Gemütlichkeit auf, nicht wahr? Denn eigentlich sollte ich mich auch dabei beteiligen. Aber ich habe u. habe durchaus keine Lust, u. ich möchte doch, daß dieser Brief auch einmal zu Ihnen kommt. Hoffentlich trifft er Sie bei guter Gesundheit u. ohne Sorgen! Dies naßkalte Wetter ist so ungünstig. - Von Kassel hörte ich länger nichts. Es hat eben doch auch seine Schattenseite, so in der Ferne zu sein, wenn man jemand krank
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| weiß, denn man denkt sich leicht alles schlimmer u. würde auch gern helfen, wenn man kommen könnte. Kurt schrieb mir zweimal so nett beruhigend, er ist ein lieber Junge.
Was sagen Sie zu Hermanns Brief? Mich freut besonders das große, persönliche Vertrauen, das daraus spricht. Denn er spricht selten von sich. -
Es ist doch eigentlich unnatürlich, daß wir in dieser ganzen Zeit nie von den politischen Aufregungen sprachen, die doch jedem von uns nahe gingen. Am letzten Montag hatten wir noch einen Vortrag zur Sache: Jellinek sprach über Kaiser u. Reichsverfassung, mit anschließender Discussion. Der Vortrag war sehr fein u. die Debatte höchst aufregend. Gothein hie, Max Weber dort u. Jellinek ängstlich lavierend!
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| Gothein preußisch, conservativ, gegen das parlamentarische System, Weber rot, mit kaum verhaltener Empörung über S. M. leidenschaftlich dafür, die parlamentarische Regierungsform gesetzlich einzuführen. Jellinek feige hinter der Theorie verkrochen. Schade, daß Sie nicht da waren, es hätte Ihnen auch gefallen, diese Schlagfertigkeit war bewundernswert.
Nun aber will ich für heute zu dem prosaischen Tagewerk zurückkehren u. Ihnen nur noch viele herzliche Grüße schicken. Grüßen Sie auch Ihre lieben Eltern u. bleiben sie alle gesund.
Treulich
Ihre
Käthe Hadlich