Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. Dezember 1908 (Bahn Frankfurt-Kassel)


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Montag. 21. Dez. 08.
In der Bahn Frankfurt-Kassel.
Lieber Freund.
Noch etwas schönere Schrift als gewöhnlich, aber bei dem Schaukeln nicht anders möglich. Ich muß Ihnen nämlich so rasch als möglich beiliegende Sache schicken. Ist es denkbar, daß dies die sensationelle "Mystifikation" wäre, von der der Ex-Amerikaner neulich schrieb? Ich finde die Sache so plump u. unsinnig, daß ich zweifeln möchte, es kam
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| mir aber sofort beim Empfang der anonymen Zeilen der Verdacht. Von meinen Bekannten ist niemand, der sie nicht bekam. Jetzt soll der Urheber, ein Direktor Peter Santer in München verhaftet sein. Aber er kann ja möglicherweise nur der Lückenbüßer sein. - Kann ein vernünftiger, ehrenhafter Mensch auf solche Ideen kommen? Ich wollte, mein Argwohn wäre unbegründet, aber die Tatsachen stimmen so unangenehm. Es ist ein so abscheulicher, schwindelhafter Erwerbssinn in diesem unverschämten Versuch, die Leute anzuführen, daß ich ganz starr bin, wenn man
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| dahinter gebildete Menschen suchen sollte. Vielleicht wissen Sie ja Bestimmtes. Ich erwarte Ihren Bescheid mit Ungeduld. --
- Gestern abend hatten wir unsre kleine Heidelberger Weihnachtsfeier. Es war sehr harmonisch u. hübsch. Jetzt bin ich nun sehr gespannt, wie ich die Tante antreffen werde. Ich fürchte, daß es nicht sehr gut sein wird.
Auch in H. habe ich meine Sorgen. Die Großmutter Knaps hat auf dem einen Auge einen stark zunehmenden Star, u. ist infolgedessen recht verstimmt. Und Aenne setzt sich immer
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| über ihre Kräfte ab. Ich wollte, ich könnte ihr 14 Tage Ferien zu Weihnachten schenken.
Wann werde ich denn einmal wieder von Ihnen hören? Ob Sie alle gesund sind? Grüßen Sie Ihre Eltern herzlich u. seien Sie selbst vielmals gegrüßt.
Verzeihen Sie diesen Schmierbrief.
Treulich
Ihre Käthe Hadlich.