Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. Dezember 1908 (Kassel)


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Cassel. 28. Dez. 08.
Lieber Freund.
Es ist vergeblich, daß ich auf ein Lebenszeichen von Ihnen warte. Und ich hatte doch so sicher gehofft, daß meine Sendung Sie erfreuen würde. Man muß nun einmal im Leben immer gerade das lernen, was einem recht schwer wird. - - Soll ich für alles miteinander an Neujahr mit der üblichen Karte abgefunden werden? Denn selbst, wenn es Ihnen nicht gut ginge, zu ein paar Zeilen hätten Sie doch am Ende Zeit gefunden, wenn Sie nur gewollt hätten. Oder ist mein Packet nicht angekommen? Weil ich so oft Vorhaltungen deswegen bekam, habe ich es diesmal nicht eingeschrieben geschickt.- Halb bin ich unmüßig, halb in Sorge, es könnte Krankheit oder sonst eine Schwierigkeit bei Ihnen herrschen.
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Ihre beiden letzten Briefe haben ohnehin mit ihrer deprimierten Stimmung mich bekümmert. Es ist doch hoffentlich kein neuer Grund dafür vorhanden? So schreiben Sie mir doch wenigstens eine Karte!
Das Weihnachtsfest war still bei uns, aber es ist doch immer eine frohe u. glückliche Empfindung, wenn es einem gelingt, andre Freude zu machen. Meine Tante ist leider sehr angegriffen. Die Schwellungen in den Bronchien hindern sie beim Atmen u. die Kräfte sind schwach. Dazu kommen sehr reizbare Nerven u. eine trübe Stimmung, innere Verbitterung u. ein Talent alles von der schwarzen Seite zu sehen. - Aber unsre kleine Feier war doch sehr nett u. behaglich. Als unser Bäumchen noch brannte, kamen die Geschwister u. Mutti für eine kurze Zeit dazu u. ich ging dann mit ihnen in die Wilh.
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| Allee
.- Da war es stimmungsvoll, wie immer, aber natürlich auch recht wehmütig. Wieviel ist Vergangenheit, was uns Allen Glück bedeutete, u. wie fühlen wir das besonders mit unserm Hermann.
Daß meine Gedanken viel bei Ihnen waren, brauche ich ja nicht extra zu erwähnen. Sie haben mich mit den beiden Büchern herzlich erfreut u. ich danke Ihnen sehr dafür. Ich finde es nur unrecht, daß Sie mir schon wieder etwas schenken, da doch als das Schönste u. Liebste Ihr Humboldt unter meinem Tannenbaum liegt. Viel lesen konnte ich in dieser ganzen Zeit vor Weihnachten u. jetzt nicht. Es ist immer eine Hetzerei, bis das Fest da ist, u. jetzt bin ich so müde, daß ich doch nicht behalte, was ich lese. Nur im Fontane habe ich bisher mit Vergnügen geblättert. - Von Hermann habe ich " Berlin, wie es war u. wurde". Sie sehen also, die alte Heimat umgibt mich auch hier. Gestern haben die Brüder
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| u. ich bei Frost u. herrlichem Rauhreif einen feinen Spaziergang in Wilh. Höh gemacht. Erfrischt u. voll schöner Eindrücke kehrten wir zurück.- Wenn ich doch nur wüßte, warum Sie, lieber Freund, so besonders verstimmt sind. Sie haben eine große, bedeutende Arbeit vollendet u. sind in fortwährender Arbeit an der Gründung einer Lebensstellung auch nach außen. Sie haben viele durch eignen Wert u. Tüchtigkeit errungene Erfolge, aber das alles sehen Sie nur flüchtig u. doch ist es wohl mehr ganz unmöglich. Wollen Sie mir nicht einmal auseinander setzen, was Sie eigentlich für Pläne u. Vorstellungen von den Möglichkeiten für Ihre nächste Zukunft haben? Ich verstehe davon aus Ihren Andeutungen zu wenig. Was kann Sie jetzt noch an der Habilitation hindern? Sie würden doch dabei, wie bisher, in Berlin u. im Elternhause weiter leben können?
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Lassen Sie uns nicht immer bei so vielem denken, wir wollten lieber darüber reden. Wer weiß, wann das Schicksal einmal wieder die Möglichkeit bietet u. hat uns nicht die Erfahrung gelehrt, daß es dann vielfach auch nicht dazu kommt? In den Briefwechsel aber kommt damit eine Verschlossenheit, die, wenigstens meinem Gefühl nach, nicht unserer Stellung zu einander entspricht.
Ich habe die ganzen letzten Monate hindurch kaum geschrieben u. Sie u.die Tante waren wohl die Einzigen, die einigermaßen regelmäßig Nachricht von mir hatten. Es ist oft wie ein Albdruck auf mir, sodaß ich wohl im täglichen Tagewerk weiter trotte, aber zu einer persönlichen Lebensäußerung mich nicht aufschwingen kann. Und die Briefe, die ich schrieb, werden wohl auch danach gewesen sein. Und dann fühle ich wieder, wie diese Stille in mir mich auch nach außen isoliert,
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| u. die Einsamkeit legt sich kalt u. lähmend über mich. Wie selten finden wir bei aller Liebe den wahren, dauernden Einklang mit denen, die mit uns leben u. die uns angehören. Wieviel Enttäuschungen, wieviel Schwierigkeiten, wieviel selbstverschuldeter Mißklang.
Und doch brauche ich, wie Sie, die menschliche Nähe u. bin so leicht zu verletzen.- Sie klagen öfters über Interesselosigkeit bei Ihren Freunden. Aber, sagen Sie selbst, ist nicht eigentlich naturgemäß jeder derselben eben doch in erster Linie von sich erfüllt u. kann unmöglich davon frei in Ihre Wesensart u. Ihren Ideenkreis aufgehen? Die Tiefe der Anteilnahme, die Sie wünschen, ist doch wohl nur möglich, wenn der Betreffende nicht im eignen Dasein abgeschlossen u. ausgefüllt ist. Und wäre das natürlich bei in Ihrem Alter? Ist nicht vielmehr jeder voll von seinem eignen Streben u.
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| nimmt den andern nicht, als das was er für sich selbst ist u. empfindet, sondern als das, was er für ihn erscheint u. bedeutet, nicht von innen, sondern von außen?
Daß mein Verdacht mit dem Hahnschen Roman sich nicht als richtig erwies, hat mich wirklich gefreut. Aber sehr viel besser ist es in Ihrem Interesse doch nicht um diese Beziehung bestellt nach dem, was Sie schrieben. Was kann nur für ein Vergnügen dabei sein, solch minderwertiges Produkt zu zweit zusammen zu schreiben?
Als ich hier in Cassel ankam, fand ich eine Drucksache von Hermann vor. Er hat alte Briefe dazu verarbeitet, in denen wir über Weltanschauungsfragen disputierten. Ich bin gespannt, diese Ausgrabung zu sehen, denn ich habe den Inhalt ganz vergessen. Schreiben Sie mir doch von Ihrem Zusammensein
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| mit ihm. Er erzählt so wenig.
Kurt ist vergnügt, erzählt dumme Witze u. sieht sehr munter aus, die Mädels ebenfalls. Von Heidelberg schreibt Aenne, daß sie jetzt endlich auf etwas Ruhe hofft. Sie hat Erholung wirklich nötig.- Am 9. Jan. habe ich wieder in Mannheim Stunde zu geben. Bis jetzt habe ich dort noch kein tieferes Interesse gefaßt. Die kleinen Breuschens waren noch sehr niedlich, beklagten sich, daß die Ferien so lang wären. Und sehr begierig bin ich, ob die Russen noch mal wiederkommen. Es waren urspünglich Vater, Mutter, Sohn, 2 Töchter, Hauslehrer u. Jungfer. Ganz plötzlich starb der Vater am Herzschlag u. die Mutter reiste mit der Leiche u. dem Hofstaat ab, ließ mir die beiden Mädchen mit einer Roten Kreuzschwester zurück. Da meldeten sie sich zur Stunde u. ich gewann bald Freude daran. Nach 4
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| Stunden sagten sie ab, weil die Mutter zurück gekommen war u. in Geldschwierigkeiten steckte. Trotzdem ging sie bald mit dem Sohn, Lehrer u. Bedienung nach St. Blasien u. ließ die Kinder wieder hier, da das ältere Mädchen an Knietuberkulose in Behandlung ist. Mein Liebling ist die Jüngere, ein lebhaftes, kluges Kind mit einem warmen Herzen. Tania v. Zumatoff ist wohl etwas frühreif, aber dabei doch von einem großen Reiz unberührter Kindlichkeit. Sie ist furchtbar eigenwillig, aber mit verständigem Zureden durchaus lenkbar, in ihrer Eigenart von Heftigkeit u. Weichheit von großem persönlichem Zauber. Die Schwestern beide zeichnen mit großer Vorliebe u. sind begabt. Überhaupt scheint Tania voll schöner Anlagen, u. dabei hat sie eine Mutter die durch ihre Verschwendung den Mann in Sorgen u. Krankheit stürzte, die einen
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| Vater hat, der in Paris ein lockres Leben führt, deren Mutter eine Schauspielerin war u. die vier Wochen nach dem Tod des Gatten vor dem Spiegel kokettierte. Die Schwester, die die Kinder wirklich gern hat, erzählte mir das alles. Sie ist ruhig u. ernst, also wohl nicht klatschhaft. Die Kinder hätten niemand mehr auf der Welt, an dem sie einen Halt hätten. Sie können sich denken, wie mich das alles beschäftigt, wenn ich an die Zukunft dieses reizenden Kindes denke, das so tief u. fein empfindet u. so glänzende Gaben hat. Man möchte ihr einen ganz besonderen Schutzengel wünschen. -
Habe ich Ihnen eigentlich geschrieben, daß Anna Weise mir erzählte, der Schorschel hätte Ihre Doktorarbeit studiert? Damals, als er in Heidelberg war, war die Sache wohl noch zu hoch für ihn. Ich schenkte Anna Ihren Rousseau, u. Mutti habe ich ihn auch geschenkt. Den
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| Humboldt habe ich der Tante gegeben. Der hat wirklich einen noblen Einband. Gelesen habe ich bisher nur wenig, aber mit großer innerer Anteilnahme. Es ist als ob Sie diese in sich so abgeschlossene Natur von innen heraus durchleuchten, sodaß man sie in ihrem Wollen u. Werden miterlebt. Menschlich sympathisch berührt es mich vor allem, wie Sie auch hier den Punkt aufdecken, wo er, der immer in selbstgenügsamer Abgeschlossenheit erscheint, die Schranken seiner Natur empfindet u. sich damit abfinden muß. Ganz kampflos wird das auch nicht gewesen sein bei seinem Drang nach Allseitigkeit, u. andrerseits scheint es doch auch wieder wie eine Vergeltung, daß er, der so wenig darauf bedacht war zu wirken, so ohne unmittelbare Wirkung blieb.--
Wenn ich doch einmal wieder eine gute, zufriedenere Nachricht von Ihnen hätte! Haben Sie denn auch jetzt in den allgemeinen Ferien garkeine
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| Zeit u. keine Gedanken mehr für mich? In Heidelberg hörte ich neulich von Max Wille, (Artilleriefähnrich), daß er zur Vorübung für spätere Militärbälle mit dem Institut Bermann Tanzstunde hat u. Ihre Berlinerin auch herumschwenkt. Es wären halt "lauter wüschte Juddemädel", weiter wußte er nichts darüber zu sagen.
Nun aber mal Schluß. Grüßen Sie Ihre Eltern herzlich u. schreiben Sie nur mal ein bißchen mehr, wie es ihnen geht. Ihnen ebenso herzliche Grüße von
Ihrer
treuen Schwester.