Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Januar 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 7. Januar 1909.
Liebe Freundin!
Ich danke Ihnen für alle Liebe und Treue, die aus Ihrem Neujahrsbrief spricht. Es macht mich glücklich, daß Sie weiter Nachsicht mit mir haben wollen, daß Sie ein so gütiges Vertrauen zu meiner Kraft haben, an der das Schicksal jetzt herumrüttelt, und daß Sie mir dies immer vor neuem durch so schöne, liebe äußere Symbole beweisen, die, wenn irgend etwas, die Macht haben, mein Dasein zu erheitern.
Trotz alledem werden Sie finden, daß ich auch diesmal den alten Fehler nicht bekämpfen kann und statt einer eigentlichen Antwort mich von neuem zu Ihnen ausspreche. Ich muß Sie bitten, meine liebe Freundin, da ich weiß, wie tief und innig Sie mit mir leben, ohne Erschrecken hinzunehmen, was ich Ihnen lieber heute als bei einer späteren Gelegenheit sagen will. Der Zustand meiner Mutter ist hoffnungslos. Es bedarf keines Arztes, um uns diese Gewißheit zu geben. Wir (mein Vater und ich) sprechen nicht darüber; aber wir sind uns gegenseitig dieser Überzeugung gewiß. Die Kräfte schwinden von Tag zu Tag.
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| Der Appetit ist gleich Null; da s. Z. konstatiert worden ist, daß der Magen sich gesenkt hat und völlig erschlafft ist, so kann hier eine gründliche Änderung nicht erwartet werden. Sei es nun Folge oder Wirkung hiervon oder beides: jedenfalls hat auch die bestehende Herzschwäche bedrohlich zugenommen. Das Digitalis hat nie nennenswert gewirkt, und ob das Sanatogen wie das erste Mal eine nennenswerte [über der Zeile] zeitweise Änderung herbeiführen wird, ist fraglich. Welche Fülle von Gedanken sich an diese Tatsachen knüpfen, brauche ich nicht anzudeuten.
Seitdem ich dies vor mir sehe, ist eine wunderbare Ruhe und Festigkeit über mich gekommen, so daß ich glaube, das Schwerste, was der fühlende Mensch erleben kann, zu ertragen. Ich lebe in meinen Ideen; meine Philosophie gibt mir Stärke und innere Gewißheit, die beste Probe auf ihren lebendigen Ursprung und ihren Wert für das Leben. Ich habe das Leben immer nur halb eingeschätzt; aber diese Hälfte will und muß ich ihm weiter koncedieren. Denn nur wer durch das ganze Leben hindurchgeht, erfährt auch das Göttliche in der Offenbarung seiner ganzen Tiefe. Ich arbeite dabei immer weiter, überall mit dem realen Ziel finanzieller Vorteile, und nur dies stimmt mich wehmütig, daß die kleinen wie die großen Errungenschaften auf diesem Gebiet der nicht mehr zugute kommen können,
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| für die ich gern alles getan hätte und manches anders gelenkt hätte, wenn dem Menschen eine Selbstgestaltung seines Schicksals für Jahre hinaus möglich wäre. Wenn Sie nun hierauf antworten, so legen Sie vielleicht ein Blatt bei mit einigen Worten, die meine Mutter seelisch erfreuen können; weniger über ihren Zustand - obwohl sie noch hofft - als allgemeiner Art. Hierum bitte ich Sie deswegen, weil das regelmäßige Verbergen Ihrer Briefe meine Mutter vielleicht beunruhigen könnte. - Ferner erinnere ich mich an das, was wir früher ausgemacht, resp. ich Ihnen versprochen habe. Sollte die Notwendigkeit eintreten, daß ich unabhängig von meinem Vater handle, so fehlen mir augenblick alle persönlichen Mittel, weil die Akademie erst nach Fertigstellung des Ganzen zahlt und das Eingehen der mir zustehenden Honorare unbestimmt ist. Ich verschweige nicht, daß ich von meinem Onkel u. a. hier sofort etwas bekommen könnte. Aber ich habe das Gefühl, als wenn ich mich in dieser Lage an niemand anders wenden sollte als an Sie. Ich würde diesen Schritt nicht als ein Leihen ansehen, da ja ein eigentlicher Geldmangel nicht vorläge, sondern nur ein schnelles Flüssigmachen. Sollte also der Fall dieser Art eintreten, so könnte es sein, daß ich telegraphierte, und ich bitte Sie, dieserhalb dann nicht zu erschrecken.
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| Ich würde dann um 100 M nach Charlottenburg 2 postlagernd bitten; dies alles in dem Sinne, über den wir uns s. Z. ausgesprochen haben.
Sie werden mich nicht für oberflächlich oder genußsüchtig halten, wenn ich Ihnen erzähle, daß ich trotz alledem meine ehemaligen Schülerinnen (Musenbund, Seelenbund u. Klara Runge) am 2. Januar zu einer Winterpartie um mich versammelt habe. Ich hatte einen förmlichen Durst danach, meinen Lebensglauben durch das Zusammensein mit harmloser, lieblicher Jugend einmal aufzurichten und mich in die selige Schulzeit zurückzuträumen. Wirklich strahlt die Erinnerung an diese wenigen Stunden wie klarer Sonnenschein in mein jetziges Tun hinein. Von 20 aufgeforderten waren 14 gekommen, auch Frl. Lehmann.*) [Kopf] *) Auch Marg. Jacobowitz war dabei; die sehr verwirrt war über m. rät-[li. Rand] selhafte Kenntnis Ihrer Tanzstundenherren. Sie ist übrigens so süßlich geworden, daß ich sie kaum wiedererkannte. Wir machten denselben Weg, den ich im Sommerglanz mit Ihnen u. Hermann ging, diesmal aber in Eis und Schnee. Dahme u. Müggelsee waren fast zu und beschneit. Die Mädchen waren hell entzückt über diese nie gesehene Winterpracht. In einem engen kleinen Stübchen am Teufelssee, wo wir gerade alle Platz hatten und ganz unter uns waren, tranken wir Kaffee. Wie von selbst sprachen alle sogleich von der "Hexenküche". Der Weg über den See war herrlich; die Mädchen sind unverändert naiv; aber ich selbst fühlte mich doch als ein anderer, und ein weher Ton klang in alles hinein.
Ihre hübschen Neujahrskarten sende ich bald mit den Skizzen und meinen neuesten Schriften zurück. Herzlichen Dank für alles. Grüßen Sie noch einmal Ihre Lieben in Cassel, besonders die Tante, an deren Ergehen ich herzlichen Anteil nehme. <li. Rand> Ich wünsche Ihnen innig eine glückliche Heimreise, grüßen Sie Frl. Knaps, das liebe Heidelberg und - im Geiste - alle Ihre lieben kl. Schüler und Schülerinnen. AEI. Ed.